Castrop-Rauxelerin (69) bekommt nach jahrelangem Streit Behinderung anerkannt

mlzGehbehindert

Angelika Harms ist schwer gehbehindert. Für ein Merkzeichen im Ausweis hat sie lange vor Gericht kämpfen müssen. Nun endet für sie ein zehn Jahre andauernder Streit mit dem Kreis.

Castrop-Rauxel

, 09.02.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nach einer Hüft-OP ist Angelika Harms auf Gehstöcke angewiesen. Eine künstliche Hüfte bereitet Schmerzen. Auch an der Schulter und der Wirbelsäule gab es Verletzungen. Die 68-Jährige ist für Erledigungen auf Busse und Bahnen angewiesen und braucht Hilfe beim Ein- und Aussteigen.

Eine 50-prozentige Schwerbehinderung hatte Angelika Harms bereits. Doch seit Februar 2018 versucht sie nun, ein G-Kennzeichen für den Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Der Kreis aber verweigerte ihr die Anerkennung, so schilderte es ihr Lebensgefährte Thomas Frauendienst.

Seit fast einem Jahr stritten Angelika Harms und der Kreis Recklinghausen vor dem Sozialgericht. Die ersten Anträge haben sie sogar schon vor zehn Jahren an das Kreishaus geschickt, hat Frauendienst den vielen Akten entnommen. Ein ewiges Hin und Her, das beide belastet habe, erzählt der Castrop-Rauxeler.

Gutachter bestätigt die Behinderung

Schließlich trafen sich beide Seiten vor Gericht. Ein Gutachter untersuchte Angelika Harms noch einmal gründlich, testete ihre Bewegungsmöglichkeiten. Nun ist das Gerichtsverfahren mit einem Vergleich beendet worden. Ein Vergleich, der „zu 99 Prozent“ zu Angelika Harms Gunsten ausgegangen ist, wie Thomas Frauendienst erzählt.

Die Castrop-Rauxelerin bekommt eine Schwerbehinderung von 60 Prozent anerkannt und das G-Merkzeichen für den Ausweis. Das verhilft ihr zu bestimmten Nachteilsausgleichen (siehe Infokasten). Zahlt Angelika Harms 80 Euro im Jahr an die Landeskasse für Schwerbehinderung, kann sie Busse und Bahnen im Nahverkehr nutzen. Zuvor hat sie rund 90 Euro für ein Monatsticket gezahlt - also 1080 Euro für ein Jahr.

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Dass das ganze Verfahren zehn Jahre gedauert hat, findet Thomas Frauendienst „lächerlich“. So sollte man mit behinderten Menschen nicht umgehen, sagt der Castrop-Rauxeler. Angelika Harms habe sich diskriminiert gefühlt. Es habe an ihr genagt, dass die Ärzte ihr die Behinderung bestätigt hätten, sie Schmerzen gehabt habe - und im Kreishaus seien ihre Probleme abgetan worden, sagt Frauendienst stellvertretend für seine Lebensgefährtin.

Geschichte soll anderen Betroffenen Mut machen

Der Vergleich sieht vor, dass die Verschlechterung der Gehbehinderung erst im November 2019 eingetreten ist, als der Gutachter Frau Harms untersuchte. Über den Zeitpunkt wollen die beiden Castrop-Rauxeler jetzt nicht weiter mit dem Kreis streiten, sagt Frauendienst. Angelika Harms werde 69 und die Hüfte nicht besser. Sie wolle den Schwerbehindertenausweis mit G-Merkzeichen noch lebend in der Hand halten.

Nun sind beide erleichtert, dass der Gutachter all die in den Jahren immer wieder geschilderten Probleme bestätigt hat. Vor allem aber möchten Thomas Frauendienst und Angelika Harms anderen Betroffenen Mut machen, sagt Frauendienst. Ihre Geschichte zeige, man könne sein Recht bekommen, „wenn man beharrlich bleibt und es einem wirklich zusteht“.

Schwerbehinderung

DAS MERKZEICHEN G

Ab einem Grad der Behinderung von 50...
  • werden bestimmte Merkmale der Beeinträchtigung in Form von Merkzeichen in den Schwerbehindertenausweis eingetragen. Diese Merkzeichen berechtigen dann zur Nutzung von bestimmten Nachteilsausgleichen, etwa die vergünstigte Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • Das Merkzeichen G bedeutet laut Sozialverband VdK Deutschland: „Der schwerbehinderte Mensch ist in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt.“ Dabei muss es sich nicht um eine Gehbehinderung handeln, auch innere Leiden können Ursache sein.
  • Die Gehfähigkeit ist laut Versorgungsmedizin-Verordnung beeinträchtigt, wenn: „In seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt ist, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens, auch durch innere Leiden, oder infolge von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahren für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden.“
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