Sexismus in der Kommunalpolitik: „Wo ist eigentlich Ihr Kind?“

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Katrin Lasser ist stellvertretende Bürgermeisterin von Castrop-Rauxel. Als Frau hat sie es in der Kommunalpolitik nicht immer leicht gehabt. Ein Gespräch über Mut und Überzeugung.

Castrop-Rauxel

, 01.09.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Anlass, aus dem wir mit der stellvertretenden Castrop-Rauxeler Bürgermeisterin Katrin Lasser (SPD) gesprochen haben, ist kein erfreulicher. Im Stadtrat von Castrop-Rauxel sitzen 27 Prozent Frauen, damit liegt der Anteil im Castrop-Rauxeler Rat unter dem landesweiten Durchschnitt. Auch Katrin Lasser hat es nicht immer leicht gehabt, sich in der Kommunalpolitik zu behaupten.

Wir treffen Katrin Lasser in unserer Redaktion in der Castroper Altstadt. Mit den Zahlen konfrontiert sagt sie: „Im Jahr 2020 lebend, empfinde ich es nicht als zeitgemäß. Die wenigen Frauen, die da sind, sind nicht repräsentativ“. In ihren Augen gebe es in Castrop-Rauxel zwar keine Männer-Domäne, in der abends beim Bier alles abgesprochen werde, aber leicht sei es für Frauen trotzdem nicht, in der Politik Fuß zu fassen. Um mehr Frauen in die Kommunalpolitik zu holen, müssen für sie vier Dinge zusammenkommen.

Gesellschaftliche Akzeptanz

„Zum einen müssen wir dahin kommen, dass man nicht schräg angesehen wird, wenn man als Frau in die Politik geht. Es darf für Frauen nicht so schwer sein, sich gleichzustellen", erklärt die Castrop-Rauxelerin. Besonders bei abendlichen Sitzungen hätten es Frauen und insbesondere Mütter schwer teilzunehmen, ohne dass sie Vorwürfe zu hören bekämen.

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Nach der Geburt ihrer Tochter 2015 wurde sie bei Terminen und in Sitzungen immer wieder gefragt „Wo ist denn ihr Kind?“. Ein Jahr später wurde Bürgermeister Rajko Kravanja zum ersten Mal Vater. Er sei in ihrem Beisein kein einziges Mal gefragt worden, wo denn sein Kind ist, berichtet Katrin Lasser. Das sei natürlich nicht böse gemeint, aber zeuge für sie von einem tiefsitzenden, konservativen Rollenverständnis.

Frauen müssen zusammenhalten

„Frauen sollten sich mehr vernetzen“, auch das ist ein Punkt für Katrin Lasser. Sie erlebt es immer wieder, dass die wenigen Frauen, die es in der Kommunalpolitik gibt, sich als Konkurrenz betrachten. Sie ist die Vorsitzende des Rats-Ausschusses für „Familie, Jugend, Soziales und Bildung“, in dem viele Frauen, auch aus anderen Fraktionen, vertreten sind. Für Katrin Lasser bringt die Zusammenarbeit über Fraktionen hinweg allen Frauen etwas und trägt zu einem besseren Endergebnis bei.

„Ich finde es zum Beispiel toll, dass unsere neue Stadtbaurätin eine Frau ist und beweist, dass nicht nur Männer was mit Bau und Wohnen zu tun haben“, erklärt Lasser. Auf den Gedanken, ihrer Kollegin die Stelle nicht zu gönnen, sei sie niemals gekommen: „Wir müssen uns unterstützen und gegenseitig helfen.“

Es braucht Vorbilder

An ein eigenes weibliches Vorbild aus der Politik kann Katrin Lasser sich nicht erinnern. Für Mitglieder aus ihrem eigenen Ortsverband sei sie jedoch mittlerweile zum Vorbild geworden. „Man braucht Vorbilder“, erklärt sie, „man muss auch nicht alles besser können als ein Mann. Als Frau wird man oft gefragt: ,Können Sie das überhaupt?‘ Sowas würde man einen Mann fast nie fragen. Es braucht in der Kommunalpolitik einfach Frauen, die vormachen, wie es geht.“

Frauen müssen sich in ihren Augen überhaupt nicht rechtfertigen. Sie bringen viele Qualifikationen mit, die Männer nicht haben. Männer könnten sich zwar besser durchsetzen und seien in manchen Situationen sachlicher, aber Frauen seien dafür emphatischer und diplomatischer.

Nicht auf die nächste Generation warten

„Wir dürfen nicht auf die nächste Generation warten.“ Das sagt Katrin Lasser in unserem Gespräch immer wieder. Für sie sind alle Frauen bereit für die Politik. Frauen aus unterschiedlichen Generationen gingen mit Problemen ganz unterschiedlich um.

„Wer selbst mal davor stand, seine Eltern oder einen Angehörigen zu pflegen, der sieht die Defizite in der Pflegelandschaft und weiß, was ausgebaut werden muss“, erklärt Lasser. „Frauen aller Generationen sind wichtig. Wir können nicht warten, bis irgendwer nachwächst, wir müssen Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten einbinden.“

Schlechte Erfahrungen

Vor allem zu Beginn ihrer Amtszeit als stellvertretende Bürgermeisterin hat Katrin Lasser immer wieder schlechte Erfahrungen gemacht. „Die Leute waren enttäuscht, wenn ich zu Terminen kam. Sie hatten den Bürgermeister, einen Mann, erwartet und keine Frau“. Oft habe sie Sprüche gehört wie: „Ach so, Sie gehen auch noch arbeiten“. Für viele sei eine berufstätige Frau, die auch noch arbeitet, ein Unding gewesen.

Wenn sie merkt, dass Menschen enttäuscht sind, dass „nur“ sie da ist, dann fragt sie gerne: „Was hätte Herr Kravanja denn tun können, was ich nicht tun kann?“. Das habe bei den meisten schon gereicht, damit ihnen bewusst wird, dass sie ebenso gut einen Anregung mit ins Rathaus nehmen kann wie der Bürgermeister.

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