So lebt es sich ohne Fleisch und Tierprodukte - 6 Klischees und was wirklich stimmt

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Veganer können fast nichts essen, sind schwach, blass und kränklich und wollen andere missionieren. Stimmt das? Wir haben mit zwei Veganern gesprochen und untersuchen die Klischees. Die beiden haben zudem Rezept-Vorschläge und eine Idee für die Castroper Innenstadt.

Castrop-Rauxel

, 25.05.2018, 16:17 Uhr / Lesedauer: 7 min

Die Protagonisten:

Peter Friße, 68 Jahre alt, lebt seit sechs Jahren vegan, das heißt, er verzichtet komplett auf tierische Produkte. Nicht nur Fleisch und Fisch, sondern auch Milchprodukte wie Käse und Joghurt hat er von seinem Speiseplan gestrichen.

Grund: Bluthochdruck und die Aussicht darauf, für den Rest des Lebens blutdruckhemmende Tabletten schlucken zu müssen. Durch die Umstellung hat sich sein Blutdruck reguliert, er hat 13 Kilo abgenommen und muss keine Tabletten mehr nehmen. Die Hauptintention des Castrop-Rauxelers ist der gesundheitliche Aspekt.

Jasmine Zibulski, 38 Jahre alt, lebt seit acht Jahren vegan. Auch sie verzichtet auf tierische Produkte. Dazu gehören nicht nur Lebensmittel, sondern auch Dinge wie Kosmetik und Kleidung, also Wollpullover und Lederschuhe.

Grund: „Ich habe schon immer Tiere lieb gehabt und wollte nicht länger unterstützen, dass sie gequält und getötet werden.“ Die Hauptintention der Bochumerin ist das Tierwohl.

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So lebt es sich ohne Fleisch und Tierprodukte - 6 Klischees und was wirklich stimmt

Jasmine Zibulski lebt vegan. © Iris Müller

Klischee Nummer 1: Veganer nehmen nur Körner zu sich, sie können fast gar nichts essen. Die Ernährung ist eintönig und langweilig.

Peter Friße:
„Seitdem ich vegan lebe bin ich viel stärker zum Kochen gekommen und habe unheimlich Spaß daran gefunden.“ Er stellt beispielhaft vor, was er an einem Tag isst.

Sein Frühstück: Müsli mit Haferflocken, Cornflakes, etwas Zimt, Kurkuma (das ist entzündungshemmend), Blaubeeren und Himbeeren. Statt Kuhmilch mischt der 68-Jährige Soja- und Reismilch in seine Müslischale. Dazu trinkt er Tee und isst ein paar Apfelsinenstücke sowie ein Brot mit selbst gemachter Löwenzahnmarmelade.

Friße nimmt zwei Mahlzeiten am Tag zu sich. Zwischen 17 und 18 Uhr beispielsweise Nudeln mit Tomatensauce und Gurkensalat mit Soja-Joghurt-Dressing. Oder Wirsingauflauf mit Aquafaba, einem veganen Eischnee: Dazu nimmt er das Wasser, in dem Kichererbsen eingeweicht waren (entweder frische oder aus der Dose), und schlägt es mit dem Schneebesen oder Mixer auf. Es entsteht eine sahne-ähnliche Soße, die entweder pikant mit Salz und Pfeffer gewürzt werden kann oder süß mit Vanillezucker und ein paar Tropfen Zitronensaft. Dadurch wird die „Sahne“ steifer. Die Kichererbsen empfiehlt Friße aufs Backblech zu geben, frische Kräuter dazu und mit einer Tasse Wasser 15 Minuten bei 150 Grad in den Backofen zu schieben. „Dann hat man einen leckeren Snack“, sagt er. Produkte wie Kichererbsen, Tofu, Seitan (Weizeneiweiß) und Hafermilch kannte er vor seiner Ernährungsumstellung nicht oder habe sie zumindest nicht konsumiert. Jetzt habe er sie kennen- und lieben gelernt.

Jasmine Zibulski:
„Ich habe gehört, Veganer essen nur Gras und Steine“, erzählt sie lachend und erklärt dann, dass sie sich überhaupt nicht eingeschränkt fühle. „Ich kann jeden Tag was anderes essen.“ Jeder Supermarkt habe mittlerweile ein breites Sortiment an veganen Produkten. Zibulski: „Ich kann auch Chips essen und es gibt mittlerweile ohne Ende vegane Schokolade.“ Sie isst morgens beispielsweise Müsli mit Hafermilch oder Brot mit Marmelade oder veganem Nutella. Mittags kocht sie Nudelauflauf oder Eintöpfe und abends liegt Brot mit veganem Mett auf ihrem Teller: 100 Gramm Reiswaffeln zerbröseln und mit zwei gewürfelten Zwiebeln mischen. 200 ml Wasser mit 75g Tomatenmark,

60 ml Rapsöl, 2 TL Senf, Paprika- und Zwiebelpulver, Salz, Chilipulver und Pfeffer mischen. Die Wasser-Würzmischung mit dem Reiswaffel-Zwiebelgemisch vermengen, rund 100 ml Wasser nach und nach zugeben, bis das Mett die gewünschte Konsistenz hat. Am besten zugedeckt im Kühlschrank ziehen lassen.


Wer in Castrop-Rauxel vegane Lebensmittel einkaufen möchte, wird in den Supermärkten und Discountern fündig. Das Reformhaus (Münsterstraße 1a) und der Bioladen Löwenzahn 81 (Lönsstraße 18) bieten ebenfalls Produkte für Veganer. Im Bioladen können sich Kunden auch die sogenannte GreenBag bestellen. Darin finden sie wöchentlich Obst und Gemüse mit passenden Rezepten, die allerdings nicht immer vegan sind.

Klischee Nummer 2: Veganer können ihren Nährstoffbedarf nicht decken.

Peter Friße:
Seine Blutwerte sind besser als vorher. Er legt Wert darauf, sie regelmäßig zu kotrollieren. Vegan heiße schließlich nicht unbedingt gesund. Friße: „Ich kann auch täglich eine Flasche Cognac trinken. Das ist zwar vegan, aber nicht gesund.“ Das gilt grundsätzlich für weißen Zucker: er ist vegan, aber nicht gesund. Friße setzt auf frische, pflanzliche Kost. Vitamin B12 muss er jedoch - wie alle Veganer - supplementieren, also ergänzen, da es nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt und wichtig für die Nerven ist. Ein Mangel kann zu Blutarmut, Gedächtnisschwäche und Schädigung des Rückenmarks führen. Friße nimmt für seine Vitamin-B12-Zufuhr spezielle Zahnpasta.


Jasmine Zibulski:
Auch die Bochumerin füllt ihren Vitamin-B12-Vorrat durch ein Nahrungsergänzungsmittel - in ihrem Fall täglich eine Tablette - auf. Ansonsten habe sie keine Mangelerscheinungen, seitdem sie ihre Ernährung umgestellt hat.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont, dass die richtige Auswahl und Kombination von Lebensmitteln die Versorgung und Aufnahme der Nährstoffe bei Veganern sichert. „Kritische Nährstoffe sind Protein, langkettige Omega-3-Fettsäuren, Calcium, Eisen, Jod, Zink und Selen sowie Vitamin B12, Vitamin B2 und Vitamin D.“ Eine gut geplante vegane Ernährung habe in Bezug auf Ballaststoffe, Gemüse und Obst jedoch häufig eine günstigere Zusammensetzung als die in Deutschland übliche Mischkost.

Klischee Nummer 3: Veganer sind blass, schwach und kränklich.

Peter Friße:
Der Rentner kann dieses Klischee nur von sich weisen: „Wer das meint, kann ja mal fünf Kilometer mit mir zusammen laufen.“ Der 68-Jährige habe nicht nur 13 Kilo abgenommen, er erklärt auch: „Ich springe morgens aus dem Bett und rufe 'Super, was kann ich tun?'“ An seinem Beispiel könne man sehen, dass Veganer das Gegenteil von kränklich seien, schließlich umgehe er durch die fleischfreie Kost die Blutdrucktabletten, die sein Arzt ihm verschreiben wollte. Friße: „Gerade, was Krankheiten wie Diabetes und Krebs angeht, bin ich fest davon überzeugt, dass die zurückgehen würden, wenn sich mehr Menschen vegan ernähren würden.“ Das sei keine Frage des Glaubens, sondern basiere auf wisschenschaftlichen Untersuchungen.

Jamine Zibulski:
Die 38-Jährige betont, dass sie nicht öfter krank sei als vorher. Laufen, Inliner fahren und Radfahren gehören zu ihren Hobbys. Als starkes Argument, um das Klischee zu widerlegen, führt sie Patrik Baboumian an. Der Kraftsportler und Veganer errang bei den Strongman-Meisterschaften im August 2011 den Titel „Stärkster Mann Deutschlands“.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung führt aus, dass in Beobachtungsstudien gezeigt werden konnte, dass eine hohe Zufuhr von ballaststoffreichen Getreideprodukten sowie Gemüse und Obst - wie es oft bei Veganern der Fall ist - viele Krankheitsrisiken senkt (z.B. das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes mellitus Typ 2) und ein hoher Anteil an rotem Fleisch und Fleischerzeugnissen das Risiko z.B. für bestimmte Krebsarten erhöht. Eine vegane Ernährungsweise ist häufig mit gesundheitsfördernden Lebensstilfaktoren wie Nichtrauchen, geringerem Alkoholkonsum sowie höherer körperlicher Aktivität verbunden. Einfach ausgedrückt: Gesund essen und Sport schützen vor Krankheiten und stärken das Immunsystem - hat man wahrscheinlich schon mal gehört. Wer sich in Studien einarbeiten möchte, kann sich mit dem amerikanischen Arzt Dr. Michael Greger auseinandersetzen.

Klischee Nummer 4: Veganer wollen missionieren.

Peter Friße:
„Missionieren heißt, ich dränge anderen meine Meinung auf. Damit kann man sie nur vergraulen.“ Wenn ihn jemand zu seiner Ernährungsweise fragt, gebe er allerdings bereitwillig Antwort. „Ich lebe den Veganismus vor. Das ist erfolgreicher und nachhaltiger als zu missionieren.“ Er habe schon oft festgestellt, dass Leute im Gespräch selbst in Erklärungsnöte geraten. Friße: „Viele wissen, dass sie sich ungesund ernähren, tun es aber trotzdem.“ Die Menschen waren sehr lange Mischköstler und wurden auch so erzogen. Das umzudrehen, sei ein sehr schwieriger Prozess. Helfen will Friße mit dem veganen Stammtisch, der einmal im Monat in der Agora zusammenkommt (siehe unten).

Außerdem will der 68-Jährige den Köchen bei „Castrop kocht über“ einen Denkanstoß geben. Bei dem Schlemmerfest auf dem Altstadtmarkt – dieses Jahr vom 30. Mai bis 3. Juni – gebe es kein einziges veganes Gericht. „Da sind so tolle Köche und keiner kriegt ein veganes Gericht hin. Das kann eigentlich nicht sein“, findet Friße. Es gebe viele Leute, die darüber nachdenken, vegan zu leben - und die solle man nicht vergessen: „Wenn die etwas Veganes probieren und sagen, das schmeckt klasse, dann wären wir doch schon einen Schritt weiter.“

Jasmine Zibulski: Missionieren ist nicht ihr Ding. „Bei jedem muss es selbst Klick machen“, findet Zibulski. Jeder müsse selbst entscheiden, was er den Tieren antut. Sie könne nur zeigen, wie es anders gehen kann. Zibulski: „Ich akzeptiere aber auch, wenn andere Fleisch essen.“ Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Familie und Freunde gerne bei ihr probieren. Als sie zuletzt im Internet bei Hallo Pizza eine vegane Pizza bestellt habe, hätten auch ihre Großeltern ein Stück abhaben wollen. „Es gibt aber auch Leute, die meinen, wenn irgendwo vegan drauf stehe, dann könne das nicht schmecken. Denen lasse ich dann ihre Meinung“, erklärt Zibulski.

In Deutschland ernähren sich nach Angaben der DEG 0,1 bis 1 Prozent der Bevölkerung vegan. Der Vegetarierbund ging 2015 davon aus, dass sich in Deutschland rund 1,1 Prozent (900.000) vegan ernähren. Wie viele es in Castrop-Rauxel sind ist unklar. Der harte Kern, der sich an jedem letzten Freitag im Monat zum Stammtisch in der Agora an der Zechenstraße trifft, sind sechs Personen. Beginn ist immer um 19 Uhr. Jeder ist willkommen. Mitinitiator Peter Friße: „Wir unterhalten uns über Gerichte, wo man gesunde Produkte kaufen kann und kochen auch hin und wieder.“ Die Teilnehmer gingen nicht dogmatisch an die Sache heran, auch Interessierte, die noch nicht vegan leben, könnten gerne kommen.

Klischee Nummer 5: Die Umstellung ist sehr schwierig.
Peter Friße:
Der Rentner war erst Vegetarier, hat also auf Fleisch verzichtet. Als der Blutdruck weiter hoch blieb, machte er den Schritt zur veganen Ernährung. „Das mit den Milchprodukten fiel mir schwer, vor allem Käse mochte ich sehr gerne“, erinnert er sich. Es gebe da zwar Ersatzprodukte aus Mandeln, die seien aber nicht so gesund. Nach vier Wochen habe er eine deutliche Veränderung in seinem Körper gespürt, sich fitter gefühlt.


Jasmine Zibulski:
An ihrem 30. Geburtstag, also vor acht Jahren, hat sie das letzte Mal Fleisch gegessen. Dann dachte sie sich: „So schwer kann das doch nicht sein“ und verzichtete vier Monate später auch auf alle anderen tierischen Produkte. „Bei mir war das Kopfsache. Ich habe den ethischen Hintergrund gesehen und mir vorgestellt, wie die Tiere auf den Teller kommen. Da vergeht mir der Appetit darauf“, erklärt Zibulski, die die moderne Massentierhaltung, Mastverfahren und Tiertötungen nicht unterstützen will. Hätte sie eigene Hühner und würde denen ein schönes Leben ermöglichen, würde sie die Eier auch essen. Hat sie aber nicht.

Die Umstellung auf eine vegane Ernährung sollte nach Meinung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gemeinsam mit einer Ernährungsfachkraft erfolgen. In Castrop-Rauxel bietet das unter anderem die Ernährungsberaterin Svenja Verbic, Tel. (01511) 5758816, an. Nach der Umstellung sollten regelmäßig Bluttests gemacht werden. Der DGE-Flyer „Vegan essen – klug kombinieren und ergänzen“ erklärt, worauf Veganer achten sollten, um sich ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen.

Klischee Nummer 6: Vegan zu leben ist kompliziert und teuer.
Peter Friße:
Mittlerweile mag der Castrop-Rauxeler gar keine tierischen Produkte mehr. Friße: „Die schmecken richtig fies.“ Zufriedener ist er auch, seitdem er sich vegan ernährt: „Die Sache wird rund, man betrachtet auch das Tierwohl und die Ernährung der Weltbevölkerung.“ Diese basiere jetzt noch überwiegend auf Fleisch. Friße: „Das hält der Erdball nicht mehr lange aus.“ Am Anfang musste er genau auf die Zutatenlisten schauen und überlegen, was er essen könne, jetzt habe er sich an die Ernährung ohne tierische Produkte gewöhnt und kennt „seine Regale“ im Supermarkt. Er habe es nie ausgerechnet, hat aber nicht das Gefühl, dass vegane Ernährung teurer sei. „Wir kaufen beispielsweise kein teures Fleisch oder Käse mehr.“

Jasmine Zibulski:
Damals sei es schwieriger gewesen, vegane Produkte in den Supermärkten zu finden, mittlerweile hätten die Geschäfte aber aufgestockt und es werde Veganern deutlich einfacher gemacht – auch wenn es noch mehr Kennzeichnungen geben könnte. Bei Produkten wie Kleidung und Kosmetik gehe die Umstellung nicht von einem auf dem anderen Tag zu hundert Prozent, aber man bekomme Übung. Beim Autokauf sei sie an ihre Grenzen gestoßen: „Ich habe keins ohne Lederlenkrad gefunden.“ Im Restaurant sei es zum Teil schwierig, da bleibe manchmal nur ein Salat oder Pommes. Im Freundeskreis oder der Familie sei ihre Ernährungsweise kein Problem. Bei Grillfeiern könne sie meistens Salate und Gemüse essen, Tofuwürstchen oder ähnliches bringe sie oft selbst mit. Zibulski wünscht sich ganze vegane Abteilungen mit Käse- und Ei-Ersatzprodukten, Pflanzendrinks, Aufstrichen, Margarine und Sojaprodukten in den Supermärkten: „Dann wäre es noch komfortabler.“


Wer auswärts in Castrop-Rauxel vegan essen gehen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten:

  • Acht34, (Herner Straße 4, Tel. 02305 9209527). Friße: „Da kann man super essen, das ist wirklich gut.“ Beispiel: Niku Naschi - veganer Burger (Patty aus schwarzen Bohnen mit Reis) 7 Euro.
  • Thailändisches Restaurant Lumbini (Lange Str. 78, Tel. 02305 54 84 92). Eine Auswahl der Gerichte auf der Karte ist vegan. Beispiel: Dal-Bhat; Linsen, saisonales Gemüse, Chutney, Basmati-Reis (11,50 Euro).
  • In jedem türkischen Restaurant oder Imbiss können Veganer abgesehen von Pommes auch Falafel (frittierte Bällchen aus pürierten Bohnen oder Kichererbsen, Kräutern und Gewürzen) essen, dann allerdings nicht mit Tzaziki oder Cocktail-Soße, sondern mit der üblichen scharfen Soße.
  • Veganen Kaffee, also mit Sojamilch gibt es beispielsweise im Kaffeehaus am Münsterplatz 6 (Tel. 02305 9779669) und in der Barcelona Espressobar, Biesenkamp 30 (Tel. 02305 9479820).
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