So verteidigt die Sparkasse ihre Filial-Schließung

In Castrop-Rauxel

Warum schließt die Sparkasse die Geschäftsstellen in Frohlinde, Habinghorst – und vor allem die in Rauxel? Antworten wollte der Vorstand am Donnerstagabend geben. 30 Personen folgten der Einladung ins Hildegardisheim. Wir waren ebenfalls dabei und geben hier die wichtigsten Infos wieder.

CASTROP-RAUXEL

, 01.09.2017, 17:57 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Sparkassen-Riege am Donnerstagabend im Hildegardis-Heim. Der Vorstands-Chef Dr. Peter Lucke verteidigte die Umstrukturierungen und Filialschließungen, Sparkassen-Direktor Rainer (M.) schaut in die Gesichter der rund 30 Anwesenden.

Die Sparkassen-Riege am Donnerstagabend im Hildegardis-Heim. Der Vorstands-Chef Dr. Peter Lucke verteidigte die Umstrukturierungen und Filialschließungen, Sparkassen-Direktor Rainer (M.) schaut in die Gesichter der rund 30 Anwesenden.

Die Antworten auf diese Fragen gab der Vorstand der Sparkasse Vest Recklinghausen, Dr. Peter Lucke.

Warum schließen Sie in Rauxel und nicht am Engelsburgplatz? „Wir hatten 19 Parameter, um unter den Standorten abzuwägen. In Rauxel wird viel Service in Anspruch genommen: Barabhebungen, Überweisungen, Einzahlungen. Am Engelsburgplatz, einem Gebäude, das uns gehört, ist der Beratungsanteil größer. Dort haben wir ein besseres Platzangebot in der Filiale und mit rund 4000 Kunden die bessere Kundensituation.“

In Rauxel lebt eine veraltete Gesellschaft. Hier haben viele die Sparkasse mit aufgebaut. Viele haben kein Internet, kein Smartphone. Wie sagen Sie Leuten mit Rollatoren, dass sie zum Engelsburgplatz gehen sollen? Dem Telefon vertraut ein alter Mensch nicht. „Wir haben in Rauxel den gleichen Bevölkerungsstand in unserer Kundschaft wie anderswo. Die Zielgruppe 70+, also Personen, die weniger mobil sind, macht 15 bis 20 Prozent aus. 80 Prozent unserer Kunden schaffen es also nach wie vor, uns zu erreichen. Wir ziehen uns ja nicht völlig zurück. Ich gebe zu, die Alternativen sind schwerer zu erreichen. Aber auch als Sparkasse stehe ich unter wirtschaftlichem Druck. Wir sind aber nicht die böse Sparkasse, die diese Menschen nicht sieht. Wenn man die Entwicklung seit 1875 sieht, haben wir viele Jahre ausgebaut. Wir haben nach den Schließungen die Präsenz von 1989. Es gab eine Zeit, als alle Banken Filialen aufbauten. Aber wir leben heute in einer digitalen Welt. Viele Menschen brauchen die vielen Geschäftsstellen nicht mehr.

Wenn jemand einen Berater bittet, abends zu ihm nach Hause zu kommen, dann kommt er. Wir wollen auch Bargeld liefern. Das Angebot wird im ersten Jahr kostenlos sein, im zweiten Jahr 7,50 Euro pro Lieferung kosten. Ja, das ist nicht günstig, aber dieser Service kostet uns auch sehr viel. Unter Tel. (02361) 2050 kann man den Dienst bestellen.“

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Warum öffnen Sie nicht einen Tag die Woche? „Dann müsste ich das Gebäude halten. Mittelfristig sollten wir das Gebäude abgeben oder vernünftige Mieter finden. Das würde sich kostenseitig sonst nicht lohnen.“

Von Goldschmieding aus liegen drei Filialen binnen 800 Metern. Hier brauche ich den Bus... „Der ÖPNV ist eines der 19 Kriterien. Die Haltestelle am Busdepot ist 150 Meter von der Filiale entfernt.“

In Rauxel werde ich mit Namen angesprochen. Das habe ich in keiner anderen Filiale. Meinen Sie nicht, dass man dadurch Vertrauen aufbaut? Und Vertrauen bedeutet Geschäfte. „Das oberste Gebot war stets das dichte Filialnetz, wir kannten unsere Kunden. Aber die jungen Menschen wollen das heute nicht mehr. Sie setzen andere Schwerpunkte. 2012 haben wir uns entschlossen, die erste Filiale zu schließen. Andere Banken haben viel früher angefangen.

Sie werden lachen, aber ich schließe nicht aus, dass wir in Rauxel irgendwann wieder eine Filiale haben. Wir sind ein Filialist, der denkt stets über das Filialnetz neu nach.“

Wären Sie auch aus Rauxel gegangen, wenn die Volksbank nicht schon vorher gegangen wäre? „Die Konkurrenzsituation war einer von 19 Aspekten, nicht der ausschlaggebende.“

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Anderswo gibt es mobile Filialen: Elektrofahrzeuge. Ein solches könnte einmal im Monat nach Pöppinghausen fahren, zum Beispiel. Denken Sie an so etwas? „Ein solches Mobil kostet 450.000 bis 700.000 Euro. Wir haben darüber nachgedacht, aber das machen fast nur Flächensparkassen.“

Warum verlangt die Sparkasse Castrop-Rauxel die höchsten Gebühren? „Wir haben erhöht, weil wir die wirtschaftliche Tragfähigkeit erhalten wollen. Wir haben aus unserer Sicht ein vernünftiges Pauschalmodell. Wir sind Marktführer, der gibt den Preisstandard vor.“

Das geht zulasten der Kunden. Was ist mit den Vorstandsgehältern oder der Zahl der Mitarbeiter? „Es gibt Empfehlungen der Sparkassen-Verbände zu Vorstandsgehältern. Die letzten Verbandsempfehlungen wurden auf Wunsch der Politik angepasst. Wir liegen deutlich unterhalb der Linie. Ich verdiene mehr als die Bundeskanzlerin oder der Bundespräsident. Wenn Sie mich fragen, dann verdienen die beiden aber auch viel zu wenig. Sie müssten ein Jahresgehalt von mindestens einer Million bekommen bei der Verantwortung, die sie tragen. Grundsätzlich sparen wir aber bei den Gehaltskosten.“

Wie erklärt der Vorstandsvorsitzende die Notwendigkeit der Schließung? Wirtschaftlichkeit: Die mittelfristige Perspektive sei bedenklich. Das Ergebnis der Sparkasse sinke in der Kalkulation ab 2018 ins Minus, wenn man von der aktuellen Zinsentwicklung ausgeht.

Digitalisierung: Das Kundenverhalten hat sich (in vielen Branchen) verändert. 228 Nutzerkontakte pro Jahr in der App, 120 Mal Kunden-Login im Online-Banking, 24 Mal Nutzung der Automaten, zweimal im Jahr Telefonkontakt, einmal im Jahr kommt der Kunde zur Beratung. „Und nur Beratung ist der Teil, mit dem wir Geld verdienen“, so Lucke.

Darum werde Beratungsleistung raufgefahren (88 neue Stellen, vor allem im Kundenservicecenter in Castrop), auch per Telefon und übers Internet, während einfache Geschäftsstellen gestrichen werden.

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