Im Moment ist es schwierig, in Castrop-Rauxel Schwimmen zu lernen. (Symbolbild) © Bludau (Archiv)
Coronavirus

Stau beim Seepferdchen-Abzeichen: Warteliste für Kurse drei Mal so lang

2020 hat es wegen Corona kaum Schwimmkurse in Castrop-Rauxel gegeben. Die Zahl der Kinder, die Seepferdchen gemacht haben, ist um drei Viertel zurückgegangen. Es wird lange dauern, das aufzuholen.

Jahr für Jahr weist die Deutsche Lebens-Rettungsgesellschaft (DLRG) daraufhin, unermüdlich: Immer weniger Kinder in Deutschland können gut schwimmen oder überhaupt schwimmen. Eine alarmierende Entwicklung. Doch Corona hat die Situation noch mal massiv verschlechtert. Denn: Wenn Schwimmbäder geschlossen haben, dann gibt es auch keine Schwimmkurse.

Was so einfach und logisch klingt, hat jetzt schon weitreichende Folgen in Castrop-Rauxel: Fast ein Jahr schon hinke man mit dem Schwimmunterricht hinterher, sagt Sandra Fritz, Geschäftsführerin des SC Hellas. Zweieinhalb Monate nur ist alles normal gelaufen. Für die Schwimmanfänger beim SC Hellas hieß das: Von Januar 2020 bis Mitte März gab es donnerstags den Wassergewöhnungkurs ab viereinhalb Jahre im Hallenbad. Und zwei Mal die Woche einen Anfängerschwimmkurs für Kinder ab fünf Jahren.

Kinder starten immer wieder bei Null

Dann kam der erste Lockdown. Alle Bäder wurden geschlossen. Als sie wieder öffnen durften, war schon fast Freibadsaison. Das Hallenbad hat erst im Oktober wieder geöffnet, doch auch nur bis zum nächsten Lockdown im November. Für die Kinder war das nicht mal ein Tropfen auf dem berühmten heißen Stein, noch dazu nach so langer Pause. „Die Kinder, die Anfang März mit einem Schwimmkurs begonnen hatten, konnten im Oktober wieder von vorne anfangen“, sagt Fritz.

Die DLRG in Castrop-Rauxel hat noch eher mit dem Kinderschwimmkursen ausgesetzt. Seit dem Lockdown im März habe es keine Kurse mehr gegeben, sagt Sprecher Michael Trösken. Wegen der strengen Corona-Auflagen sei man im Oktober im Hallenbad gar nicht mehr gestartet mit dem Training für die Kleinsten.

Nur 50 Personen durften insgesamt ins Bad. Das Dilemma: Auch die eigenen Leute müssten weiter schwimmen, erklärt Trösken. Sonst habe man irgendwann keine Helfer und Trainer mehr. Kinderschwimmen, bei dem eventuell auch noch Eltern mit ins Bad müssten, wäre „nicht machbar“ gewesen, sagt Trösken.

Im Lehrschwimmbecken an der Uferstraße in Ickern finden ebenfalls Kurse der Schwimmschule Magellan statt.
Im Lehrschwimmbecken an der Uferstraße in Ickern finden ebenfalls Kurse der Schwimmschule Magellan statt. © Michael Fritsch © Michael Fritsch

Auch das Lehrschwimmbecken an der Uferstraße hat 2020 nichts auffangen können. Denn zu Corona kam für die Schwimmvereine auch noch das Pech hinzu: Kurz nachdem das Becken in Ickern wieder geöffnet hatte, fiel eine Pumpe aus. Die Reparatur zog sich über Wochen. Einige „wenige Male“ konnten wir Eltern-Kind-Schwimmen anbieten, sagt Trösken. Die Bilanz beim SC Hellas ist noch frustrierender: „Genau ein Mal hat unser neuer Kinderschwimmkurs an der Uferstraße stattgefunden“, so Fritz.

Sonst machen vier Mal so viele Kinder das Seepferchen

Unterm Strich heißt das: Bei der DLRG hat seit März kein Kind das Seepferdchen machen können. Wie viele es bis dahin geschafft haben, kann Trösken nicht sagen. Es lägen noch keine genauen Zahlen vor. Aber man kann es ableiten, beim Blick auf die Zahlen für 2019: Da haben 118 Mädchen und Jungen das Seepferdchen gemacht. „2020 dürften die Zahl maximal bei einem Viertel liegen“, sagt Trösken. Damit hätten höchstens 30 Kinder das erste Schwimmabzeichen geschafft.

Der SV Poseidon hat schon aktuelle Zahlen – und die sind ähnlich ernüchternd-niedrig: Zwölf Kinder haben 2020 in den Kursen des Vereins das Seepferdchen gemacht, sagt Sprecherin Melanie Trivisani. Acht im Februar, vier in der kurzen Schwimm-Zeit im Oktober. Zum Vergleich: 2019 konnte Poseidon 50 Kindern das Seepferdchen geben. Vier Mal so viele wie im Corona-Jahr.

DLRG: Wir werden die Folgen jahrelang noch spüren

„Es ist eine Katastrophe“, bilanziert Trösken vom DLRG. Und spricht damit wohl auch den Kollegen aus den anderen Vereinen aus dem Herzen. „Es ist so viel nachzuholen, wir werden die Folgen noch jahrelang zu spüren bekommen“, sagt er. Die Rechnung ist einfach: Zu den Kindern, die im vergangenen Jahr schwimmen lernen wollten und nicht konnten, kommen die Kinder, die 2021 soweit sind, dass sie einen Seepferdchenkurs machen könnten. Es staut sich also.

Die Konsequenz: Die Wartelisten werden länger. „Normalerweise schaffen wir es, jedem Kind etwa innerhalb von sechs Monaten einen Schwimmkursplatz anzubieten“, sagt Fritz vom SC Hellas. Nun sei man bereits bei anderthalb Jahren, also der dreifachen Wartezeit. Beim SC Poseidon kann man die Dauer der Wartezeit auf einen Schwimmkursplatz gar nicht einschätzen. „Wir müssen erst mal schauen, wie weit die Kinder sind, die schon einen Platz hatten“, erklärt Trivisani. Erst dann könne man entscheiden, wann neue Kinder aufgenommen werden können.

Vereine: Früh auf die Wartelisten setzen lassen

Doch wann es überhaupt wieder ins Wasser geht, ist nicht absehbar. Trösken vom DLRG sieht schwarz: „Ich fürchte fast, vor der Freibadsaison können wir gar nicht mehr ins Hallenbad.“ Zur Zeit mache es wenig Sinn, wenn Eltern ihr Kind zum Schwimmkurs anmelden wollten, sagt er. Das sieht man beim SC Hellas und dem SV Poseidon anders. Eltern sollen sich ruhig melden, um ihr Kind auf die Warteliste setzen zu lassen. „So früh wie möglich, am besten, wenn das Kind vier Jahre als ist“, sagt Fritz vom SC Hellas.

Der SV Poseidon hat auch eine Idee, wie die Wartelisten zumindest etwas verkürzt werden könnten: mit mehr Schwimmzeiten. Normalerweise schließt das Hallenbad in den Osterferien. „Unser Vorstand will Druck bei der Stadt machen, damit es offen bleibt“, sagt Trivisani. Natürlich nur, wenn es bis dahin wieder erlaubt ist, schwimmen zu gehen. Und eine wirklich „immense Erleichterung“ wäre es, wenn das Hallenbad auch im Sommer geöffnet bliebe. Ausnahmsweise und zumindest fürs Schwimmkurse.

Über die Autorin
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Ist fürs Journalistik-Studium vor 20 Jahren nach Dortmund gezogen und hat danach jahrelang in der Nachrichtenredaktion gearbeitet. Lebt schon lange im Dortmunder Westen und freut sich, hier und in Castrop-Rauxel auch journalistisch unterwegs zu sein.
Zur Autorenseite
Natascha Jaschinski

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt