Der Betriebsrat von vier Unternehmen der Rütgers-Gruppe steht im seit Wochen schwelenden Sterbegeld-Streit jetzt einer neuen Qualität von Protest gegenüber: Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Rauxel

, 21.03.2019, 15:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Karsten Torner wohnt zwar in Hamburg. Aber über die Geschehnisse in Rauxel rund ums Rütgers-Werk ist der 54-Jährige trotz der Distanz erbost. Sein Vater Manfred arbeitete dort 50 Jahre lang. Er starb im September. Seine Familie hätte Anspruch auf die Auszahlung des Sterbegeldes in Höhe von 925 Euro, schließlich zahlte Manfred Torner jahrzehntelang Beiträge, direkt einbehalten vom Lohn. Jetzt geht Karsten Torner einen Schritt weiter als viele andere Betroffene: Er zeigt die Verantwortlichen an.

„Hiermit erstatte ich Strafanzeige gegen den Gesamtbetriebsrat“, heißt es in einem Schreiben vom 4. März. Verdacht auf Betrug und Untreue sowie Insolvenzverschleppung nennt er. Sein Vater habe beim Tod Anspruch auf 925 Euro gehabt, eingezahlt habe er ein Vielfaches und damit das damalige Prinzip der Solidarität unterstützt.

Ein Fall, wie ihn viele andere ehemalige Mitarbeiter von Rütgers erleben. Bei rund 200 Personen soll die Auszahlung der 925 Euro eigentlich noch fällig sein – man käme also so schon auf eine Summe von 185.000 Euro. 2500 Personen gebe es, die eingezahlt hätten, bestätigte der amtierende Vorsitzende Ulrich Sternemann kürzlich gegenüber dem „Stadtanzeiger“ und unserer Redaktion.

Erste Mahnung am 2. Januar

Sohn Karsten Torner mahnte die Auszahlung am 2. Januar an. Mit dem Datum 22. Februar habe er dann das bekannte Schreiben des Betriebsrats erhalten, dass keine Auszahlung erfolgen werde. „Diesem Schreiben sind lediglich dubiose Begründungen zu entnehmen“, so Torner. Einige Witwen warteten seit über zwei Jahren auf Auszahlung. Ein Zeitpunkt, ab wann Zahlungsunfähigkeit besteht, sei nicht bekannt. Es gebe im Schreiben keine Angaben über Vollmachts-Inhaber, Vermögen, Anlagen, Schulden oder ähnliches.

Pro Jahr, so Karsten Torner, seien nach eigenen Berechnungen durch Beiträge der Mitarbeiter, vom Lohn oder von der Rente einbehalten, rund 200.000 Euro in die Kasse geflossen. Laut seines Schreibens, das die Strafanzeige begründet, sei ihm aus Kreisen ehemaliger Mitglieder des Betriebsrats bekannt, dass Gelder unterschlagen oder „einer Fremdnutzung zugeführt“ worden seien. Beweisen, so Torner, könne er diesen Tatbestand nicht. Darum wählte er den Weg der Strafanzeige. Ein Rechtsanwalt in Hamburg habe ihm dazu geraten.

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Die zuständige Staatsanwaltschaft in Dortmund bestätigte sowohl dem Erstatter der Anzeige als auch gegenüber unserer Redaktion die Strafanzeige – und dass ermittelt würde. „Die Strafanzeige ist am 13. März eingegangen“, sagte Oberstaatsanwalt Henner Kruse am Donnerstag auf Anfrage unserer Redaktion. Die Größenordnung des Falls ist allerdings noch nicht ersichtlich: Bei der eingereichten Anzeige geht es erst einmal um 925 Euro. Das bestätigt so auch Henner Kruse.

Karsten Torner will nicht 925 Euro, sondern Aufklärung

Was erhofft sich Karsten Torner durch seinen Schritt? „Aufklärung“, sagt er. „Mir geht es schon lange nicht mehr um die 925 Euro. Für mich besteht ein öffentliches Interesse.“ Die Rentner seien über 70 Jahre alt. „Sie wissen gar nicht, was sie nach diesem Brief nun machen sollen. Bei Rütgers fühlt man sich offenbar sehr sicher damit, dass man einfach das Ende der Ein- und Auszahlungen mitteilt. Aber es stecken Widersprüche darin.“ Ihm gehe es darum, dass die Verantwortlichen für die Fehler, die passiert sind, einstehen.

Strafanzeige: Staatsanwaltschaft ermittelt nun im Sterbegeld-Streit bei Rütgers

© Tobias Weckenbrock

Was die Staatsanwaltschaft daraus mache, wisse er nicht. „Aber ich glaube schon, dass sie das Thema interessiert, weil über 200 Menschen direkt betroffen sind. Da reden wir ja schon über knapp eine Viertelmillion Euro“, so Torner. „Die Menschen haben Rütgers vertraut, aber keiner hat etwas unternommen.“ Die Staatsanwaltschaft könne nun ermitteln. Sie könne Fragen stellen. Und zwar schärfer als jeder einzelne Betroffene allein.

Betriebsrat hat noch keine Kenntnis von der Strafanzeige

Der seit April 2018 amtierende Betriebsratsvorsitzende Ulrich Sternemann sagte auf Anfrage unserer Redaktion am Donnerstag, er habe keine Kenntnis von der Anzeige. „Ich habe die Verwaltung des Kontos nie übernommen“, erklärte Sternemann nur. „Ich habe es mir beim Antreten meiner neuen Aufgabe angeschaut und anhand der Strukturen die Entscheidung getroffen, es nicht zu übernehmen. Das ist mir schwergefallen und ich kann jeden Einzelnen verstehen, der wütend und enttäuscht ist.“ Mehr wolle er aktuell nicht sagen.

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