Straftat offenbart traurigen Hintergrund: Warum der Richter bei einer Frau (23) gnädig war

mlzAmtsgericht Castrop-Rauxel

Die Castrop-Rauxelerin (23) lebt von Hartz IV. Weil sie dem Amt Informationen unterschlug, kassierte sie zu viel. Den Richter ließ die traurige Lebensgeschichte der Frau nicht unberührt.

Castrop-Rauxel

, 16.09.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die 23-Jährige hatte vom Jobcenter weiter Beihilfe zur Berufsausbildung kassiert, obwohl sie die Ausbildung bereits abgebrochen hatte. Deswegen saß sie nun auf der Anklagebank vor dem Strafrichter.

Unachtsamkeit oder die Hoffnung, dass es niemand merkt?

In der Anklage war das ein Verfahren wie viele andere: Jemand behält die überzahlte Unterstützung, obwohl sie ihm nicht zusteht. Das geschieht entweder aus Unachtsamkeit oder in der Hoffnung, dass es niemand merkt.

Doch in diesem Fall verbarg sich hinter dem Schwindel eine traurige Geschichte. Der kam der Strafrichter auf die Spur, weil er vor der Verhandlung zur eigentlichen Sache etwas mehr über die Lebensgeschichte der jungen Frau erfahren wollte.

Sie schloss die Hauptschule ab, brach danach zwei Berufsausbildungen ab: erst die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, dann die zur Altenpflegerin. „Gesundheitliche Probleme“ und „zu schwieriger Schulstoff“ führte die 23-Jährige zunächst auf die Frage nach den Gründen an.

Hier verketten sich traurige Lebensumstände

Was sich anfangs nach zu wenig Engagement anhörte und Stirnrunzeln hervorrief, offenbarte sich aber schnell als eine Verkettung trauriger Lebensumstände. Denn die gesundheitliche Probleme hatte nicht die junge Frau selbst, sondern die Großeltern, die sie pflegt. Tag für Tag.

Die Angeklagte hält nicht nur die eigene Wohnung, sondern auch die der Großeltern in Schuss: Sie saugt, wischt, putzt die Fenster, macht die große Wäsche, hilft bei der Körperpflege. Kurz: Ohne die Enkelin kämen die 77 und 78 Jahre alten Senioren nicht mehr zurecht.

Verwandte können oder wollen sich nicht kümmern

Dabei gibt es noch andere Verwandte, wie die 23-Jährige auf Nachfrage bestätigte: einen Onkel mit Frau, ihren Vater und auch einen jüngeren Bruder.

Zum Bruder gibt es kaum Kontakt, der Vater ist berufstätig und hat wenig Zeit. Der Job hindere auch die anderen Verwandten, sich mehr um die Senioren zu kümmern, so die junge Frau.

Doch ihr Kummer sitzt noch tiefer: So klappte die Schule nicht aus Faulheit nie so recht, sondern weil es der Mutter schlecht ging. Sie starb früh. Stockend und unter Tränen kamen diese Informationen.

Ein völlig anderes Licht

Doch sie waren wichtig, denn sie warfen ein völlig anderes Licht auf die Situation. Schnell konnten Staatsanwaltschaft und Richter überein kommen, das Verfahren einzustellen.

Ihnen war klar, dass sie keinen klassischen Straftäter vor sich hatten. Zudem konnte die zuviel gezahlte Ausbildungsbeihilfe teilweise gegen Hartz IV aufgerechnet werden, was stattdessen gezahlt worden wäre.

„Sonst stehen Sie vor einem Scherbenhaufen“

„Sie müssen sich jetzt auch um Ihr eigenes Leben kümmern“, sagte der Richter eindringlich. „Eine Ausbildung muss möglich sein, sonst stehen Sie in ein paar Jahren vor einem Scherbenhaufen.“

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