Studentin erlebt Corona in den USA: Drohende Obdachlosigkeit und offene Zukunft in den Staaten

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Luise von Agris studiert in Detroit und wurde vom Coronavirus überrascht. Sie erzählt, warum sie von Obdachlosigkeit bedroht war und warum sie nicht zurückkommen will.

Castrop-Rauxel

, 27.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die 23-jährige Luise von Agris bereitet sich an der Lawrence Technological University auf ihren Studienabschluss vor. Zunächst verlief ihr Leben in den USA ganz normal. Dann verkündete Präsident Trump Reisebeschränkungen. Jetzt macht sie sich Sorgen um ihre Zukunft und ihre Familie in Castrop-Rauxel.

Die Castrop-Rauxelerin lebt seit Januar dieses Jahres in Michigan am Erie-See an der Grenze zu Kanada, wo sie ihren „Master of Business Administration“ anstrebt. Zur Finanzierung ihres Studiums arbeitet die Nummer eins der Damenmannschaft des TC BW Castrop 06 als Assistenztrainerin für das Frauen-Tennisteam der Universität.

Bereits um 6.15 Uhr steht sie auf dem Tennisplatz, wo sie neun Mädchen aus aller Welt betreut. Danach erledigt sie noch ihren zweiten Job für ein deutsches Recruiting-Unternehmen, das Sportler, die in den USA studieren möchten, vermittelt. Gegen Spätnachmittag widmet sich Luise von Agris dann ihrem Studium und besucht die Vorlesungen.

Veränderter Alltag

Dieser Alltag veränderte sich für die Studentin Mitte März schlagartig. Für die Studentin steht das derzeitige Semester, wie das ganze Leben in den USA, im Schatten des Coronavirus. Zunächst verlief alles in ganz normalen Bahnen.

„Wir sahen in den Nachrichten und in den sozialen Medien die Berichte über die Ereignisse in Wuhan. Keiner machte sich aber so wirklich Sorgen, dass das Virus auch in die USA kommen könnte. China ist weit weg. Auch Präsident Trump wiederholte ständig, dass es keinen Grund zur Sorge gibt, alles sei unter Kontrolle“, berichtet Luise von Agris.

Anfang März bereiteten sich die Collegestudenten und Schüler auf das „Spring Break“ vor, eine Woche Ferien von Uni und Schule. Für die Tennisspieler ging es in den Süden, um dort gegen anderes Collegeteams anzutreten. Die Castrop-Rauxelerin erinnert sich: „Mein Tennisteam plante mehrere Turniere auf Hilton Head Island, South Carolina, 1.500 Kilometer vom kalten Michigan entfernt. Wir freuten uns alle auf die Auszeit und das schöne Frühlingswetter.“

Erste Reisebeschränkungen

Am 11. März zogen dann die ersten dunklen Wolken auf. Aus den Nachrichten erfuhr Luise von Agris von der sich drastisch verschlechternden Situation in Europa: „Die meisten unserer Tennisspielerinnen kommen aus Europa, deren Familien in den Heimatländern schon von erheblichen Einschränkungen betroffen waren.“

Als dann Präsident Trump den „Travel Ban“ aussprach, also eine Reisebeschränkung, die die Einreise von Europäern in die USA für 30 Tage verbietet, erkannten alle den Ernst der Lage. „ Wir waren geschockt, da wir uns nun Sorgen um die Familien zu Hause machten und nicht wussten, ob wir am Ende des Semesters überhaupt noch in unsere Heimatländer reisen könnten“, erzählt Luise von Agris.

Drohende Obdachlosigkeit

Ihre Mannschaft reiste vorzeitig zurück nach Detroit und fand dort eine völlig veränderte Situation vor. Aufgrund der drastisch gestiegenen Zahl infizierter Menschen wurden alle Sportveranstaltungen abgesagt. Kindergärten, Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Abstandhalten, und Selbst-Quarantäne waren angesagt. Was bedeutete das für die Castrop-Rauxelerin?

Die leeren Regale im Detroiter Supermarkt „Target".

Die leeren Regale im Detroiter Supermarkt "Target". © von Agris

Die Tennissaison wurde komplett abgesagt, keine Spiele und kein Training mehr. Die Universität schloss ihren Betrieb und alle Kurse werden nun online bis zum Ende des Semesters weitergeführt. Das waren aber für Luise von Agris die geringeren Probleme, denn eigentlich sollten alle auch ihre Studentenwohnungen verlassen.

„Ich musste mehrfach um Sondergenehmigungen bei der Uni-Verwaltung kämpfen, damit ich weiter in meiner Wohnung bleiben durfte. Ich dachte zuerst, ich würde hier obdachlos, allerdings ist die Solidarität untereinander groß und ich hatte schon mehrere Angebote, falls ich ausziehen musste. Zum Glück habe ich aber schließlich die Genehmigung bekommen, weiter hier wohnen zu können.“

Alltagsprobleme in Detroit

Die Alltagsprobleme sind nach Schilderung von Luise von Agris noch drastischer als in ihrer deutschen Heimat: „Einkaufsläden sind komplett leer gekauft. Nirgends kann man noch Toilettenpapier, Desinfektionsmittel oder andere Reinigungsmittel kaufen. Auch die Regale mit Nudeln, Reis, Brot und Tiefkühlkost sind ausverkauft. Ich habe zum Glück noch Vorrat für die nächsten ein bis zwei Wochen, zur Not auch länger.“

Zur Zeit stehen viele internationale Studenten vor der Entscheidung, ob sie nach Hause fliegen oder in den USA bleiben sollen, angesichts gestrichener Flüge weltweit ein großes Problem. So versucht zum Beispiel eine spanische Tenniskollegin der Castrop-Rauxelerin seit einer Woche, einen Flug nach Madrid zu bekommen - bisher erfolglos.

Schwierige Entscheidung

Luise von Agris hat für sich die Entscheidung getroffen, in den USA zu bleiben. Für sie ist es derzeit ungewiss, ob und wann sie wieder zurück in die Staaten kommen könnte: „Ich würde durch eine Reise nach Deutschland eventuell mein Studium und somit mein Stipendium aufs Spiel setzten. Außerdem erscheint mir das Infektionsrisiko am Flughafen und im Flieger ungleich höher, weil ‚Social Distancing‘ an diesen Orten kaum möglich ist. Ich möchte nicht verantwortlich dafür sein, dass ich mich anstecke und dann zu Hause weitere Menschen mit dem Virus infiziere.“

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Außerdem hat Luise von Agris die stille Hoffnung, dass die Maßnahmen in den USA besser wirken, da die Zahlen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung geringer sind als in Europa. Allerdings schränkt sie ein: „Es gibt zwar auch hier Unbelehrbare, die weiter auf Spring Break-Partys gehen, aber hier gibt es mehr Platz, wo sich die Menschen auf Distanz halten können. Trotzdem bleibe ich natürlich zu Hause, bis meine Reserven zu Ende gehen.“

Freiwillige Selbst-Quarantäne

Wie sieht der Alltag jetzt aus? „Ich befinde mich in freiwilliger Selbst-Quarantäne zusammen mit meinen zwei amerikanischen Mitbewohnerinnen. Wir wurden von der Universität erneut gebeten, unsere Appartements zu räumen und auszuziehen. Ich habe eine offizielle Sondergenehmigung bekommen und kann bleiben. Die Amerikanerinnen werden wohl ausziehen müssen, dann bin ich alleine in einem großen Appartementhaus.“

Das Restaurant "Wing-Stop" in Detroit. Alle Sitze sind beiseite gestellt, um Ansammlungen von Gästen zu vermeiden.

Das Restaurant "Wing-Stop" in Detroit. Alle Sitze sind beiseite gestellt, um Ansammlungen von Gästen zu vermeiden. © von Agris

Bis es soweit kommt, beschäftigen sich Luise von Agris und ihre Mitbewohnerinnen mit ihren Online-Kursen der Uni, erledigen ihre Jobs aus dem Home Office, veranstalten Spieleabende, betreiben „Home-Workouts“ für ihre Fitness und kochen zusammen. „Es gibt also auch ein paar gute Zeiten in der ansonsten schrecklichen Krise.“

Ungewisse Zukunft

In Detroit dürfen Restaurants ihr Essen nur noch durch Online-Bestellungen, „Drive-Through“ und „To-Go“, verkaufen. In den Restaurants gibt es keine Sitzmöglichkeiten mehr, um Ansammlungen von Menschen zu vermeiden. Viele Läden haben mittlerweile komplett geschlossen oder stark reduzierte Öffnungszeiten.

Die Zukunft ist für Luise von Agris völlig ungewiss. „Das Leben hier ist derzeit komplett anders als vorher und es ist unklar, wie es weitergeht. Gefühlt kommen stündlich neue Regelungen von der Regierung oder der Universität, die neue Einschränkungen mit sich bringen. Ich muss abwarten und so gut es geht weitermachen.“

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