Claudia Reifenberger (55) aus Henrichenburg steht dem Kirchenkreis Herne / Castrop-Rauxel seit Dezember 2020 als Superintendentin vor. Sie sagt: „Ich werde meinen Stil finden. Mir ist Kommunikation wichtig.“ © Kirchenkreis
Evangelische Kirche

Superintendentin Reifenberger: Wir dürfen keine Angst vor Austritten haben

Claudia Reifenberger (55) wird am Wochenende als Superintendentin des Kirchenkreises Herne / Castrop-Rauxel eingeführt. Die Pfarrerin im Interview: „Ich liebe es, Herausforderungen anzunehmen.“

Claudia Reifenberger, wohnhaft in Henrichenburg, 55 Jahre, gebürtige Siegenerin: Sie ist nicht der Typ für ausgetretene Pfade, sie wollte stets etwas entdecken, kam als Vikarin ins Münsterland (Tecklenburg), war Ende der 1990er in der Dortmunder Nordstadt („Ich wollte wissen: Wie funktioniert Kirche hinterm Hauptbahnhof?“) und sagt: „Ich wollte immer die Kontraste sehen und dachte: Wenn Gott für die Menschen da ist, dann muss die Rede von ihm überall möglich sein, aber immer anders.“

Jetzt wechselt sie aus der Kirchengemeinde im Norden Castrop-Rauxels an die Spitze des Kirchenkreises Herne/Castrop-Rauxel: Sie wurde als Gegenkandidatin von Arno Wittekind aus dem Castrop-Rauxeler Süden zur Superintendentin gewählt. Im ersten Wahlgang lag sie schon deutlich vorn, es fehlte eine Stimme zur absoluten Mehrheit. Der 2. Wahlgang endete dann bei 73 Wahlberechtigten mit 39:24 (Rest: Enthaltungen) für sie mit der absoluten Mehrheit.

Pfarrerin Claudia Reifenberger wurde vergangene Woche nach viereinhalb Jahren Dienst als Gemeindepfarrerin von Superintendent Reiner Rimkus verabschiedet und entpflichtet. Pfarrerin Claudia Reifenberger wurde vergangene Woche nach viereinhalb Jahren Dienst als Gemeindepfarrerin von Superintendent Reiner Rimkus verabschiedet und entpflichtet (v.l.): Dominik Kemper, Reiner Rimkus, Claudia Reifenberger, Nina Ciesielski, Sven Teschner.
Pfarrerin Claudia Reifenberger wurde vergangene Woche nach viereinhalb Jahren Dienst als Gemeindepfarrerin von Superintendent Reiner Rimkus verabschiedet und entpflichtet (v.l.): Dominik Kemper, Reiner Rimkus, Claudia Reifenberger, Nina Ciesielski, Sven Teschner. © Friedrich-Wilhelm Siepmann © Friedrich-Wilhelm Siepmann

Reifenberger folgt seit dem 1. Dezember Reiner Rimkus nach, der dieses Amt 16 Jahre innehatte. Vergangenen Sonntag feierte sie in der Christuskirche Ickern mit maximal erlaubten 53 Personen ihren Abschied. Am Samstag (5.12.) steht in der Herner Dreifaltigkeitskirche mit 80 Personen ihre Einführung ins neue Amt an. Dann wird die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, auch Reiner Rimkus entpflichten.

Im Interview sagt Reifenberger: „Ich habe dann mit der Gemeinde hier ganz direkt nichts mehr zu tun. Leider, ich habe hier gerne gearbeitet. Meine Kirchenschlüssel gebe ich nach meinen letzten Gottesdiensten nach Weihnachten ab.“

Frau Reifenberger, warum sind Sie Superintendentin geworden, wenn Sie doch in Ickern und Henrichenburg und Habinghorst glücklich sind?

Die Kurzversion: Ich bin gebeten worden, eine Bewerbung abzugeben. Ich habe mich selbst nicht um dieses Amt bemüht. In unserer Kirche ist es so, dass sich keiner von sich aus hervortun soll. Das hat Martin Luther der evangelischen Kirche ins Stammbuch geschrieben. Das hat sich in Westfalen inzwischen etwas verändert, man kann sich auch um das Amt bewerben. Aber ich bin da erstens generell eher klassisch gestrickt, und zweitens: Wenn ich mich aus dem eigenen Kirchenkreis heraus um das Amt bewerbe, dann nur, wenn ich angesprochen werde und das nicht selbst forciere.

Wer hat Sie empfohlen oder gebeten?

Verschiedene Synodale. In meiner Zeit auf der mittleren Leitungsebene, also im Kreissynodalvorstand in Lünen und Dortmund, habe ich Leitungserfahrungen gesammelt. Ich habe mich lange schon für administrative Aufgaben in der Kirche interessiert.

Was interessiert Sie daran?

Das Gestalten. Ich liebe es, Herausforderungen anzunehmen. Die sind natürlich gerade extrem wegen des Coronavirus, das hat sich ja erst in den vergangenen Monaten ergeben. Man muss sehr erfinderisch sein. Länger bekannt sind die Ergebnisse der Freiburger Studie, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Sie stellen eine große Herausforderung dar: 2060 wird die Kirche nur noch halb so groß sein wie heute. Halb so viele Mitglieder, halb so viel Geld. Wie kann das gehen? Ich weiß nicht, ob diese Prognose genau so aufgeht, aber dieser Trend lässt sich nicht zurückdrehen.

Claudia Reifenberger liebt vor allem Gottesdienste in einer dunklen Kirche. Sie glaubt aber auch daran, dass es weiter Video-Streams gibt, um die Gottesdienste auch nach Hause zu übertragen.
Claudia Reifenberger liebt vor allem Gottesdienste in einer dunklen Kirche. Sie glaubt aber auch daran, dass es weiter Video-Streams gibt, um die Gottesdienste auch nach Hause zu übertragen. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Könnte sich die Corona-Krise auch positiv auf die Mitgliederentwicklung auswirken?

Dafür gibt es aus der Vergangenheit keine Belege. Selbst eine schwere Krise wie ein Krieg hatte – wenn überhaupt – nur eine kurzfristige, keine langfristige Wirkung auf die Entwicklung der Mitgliederzahlen.

Was kann man also tun?

Naja, sich fragen: Wie kann Kirche ihren Auftrag abseits dieser Entwicklungen erfüllen? Der Auftrag ist unabhängig davon, wie groß die Institution Kirche ist. Wir erleben, dass Kirche sich verändert. Das gehört zu ihrem Wesen, jetzt aber ist die Notwendigkeit zur Veränderung noch einmal verschärft worden.

Die Favoriten

Claudia Reifenbergers…

  • … Lieblings-Bibelstelle: aktuell Jesaja 55,10f: „Denn gleich wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ Sie sagt zur Begründung: „Die Predigt des Wortes Gottes, was wir als Kirche reden und tun, das ist nicht umsonst. Es entfaltet seine Wirkung, auch da, wo ich selbst oft gar nichts wahrnehme, kein Echo bekomme. Das tröstet mich und macht mich unabhängig.“
  • … Lieblings-Kirchenlied: „Im Advent ist das ‚O Heiland, reiß die Himmel auf!‘“
  • … Lieblings-Gebet: „Das Vaterunser, das ist für mich einfach vollkommen.“
  • … Lieblings-Kirche: „Die Nikolaikirche in Leipzig ist grandios. Ich kenne sie sehr gut, weil dort die Montagsdemos zur späteren deutschen Wiedervereinigung ihre Keimzelle hatten. Die Kirche hat Säulen wie Palmen, eine tolle Innenarchitektur, und den 9. Oktober, an dem Pfarrer Christian Führer den Menschen in die eine Hand eine Kerze und in die andere einen Liederzettel gegeben hat. Es war keine Hand frei, um auf die erwartete Gewalt mit Gewalt zu antworten. „In dieser Kirche bin ich sehr gern, wenn ich in Leipzig bin.“

Wie konkret?

Digitalisierung ist ein Schlagwort, das schon vor Corona genannt worden ist. Technik-affine Menschen gibt es auch in der Kirche, aber jetzt gibt es die Notwendigkeit, sich wirklich damit zu beschäftigen, in der Gremienarbeit, aber auch im Unterricht mit Konfirmandinnen und Konfirmanden.

Geht das denn, Gemeinschaft, Wärme, menschliche Geborgenheit und Nähe, die Kirche ausmacht oder ausmachen soll, digital zu übermitteln und spürbar zu machen?

Nein. Man kann etwas überbrücken. Aber es ersetzt nicht die physische Nähe. Die Leute, die genau das suchen, sind ja zum Teil auch gar nicht mit diesen Medien vertraut. Auf der anderen Seite erreichen wir digital Leute, die einen Gottesdienst nicht besuchen.

Muss Kirche nicht gerade an den Wendepunkten des Lebens für die Leute da sein? Mir hat mal ein katholischer Priester gesagt: Da müssen wir als Kirche die Menschen packen, sie überzeugen, dass wir ein Angebot für sie haben, das ihnen hilft.

Ich sage nicht, dass ich Menschen „packen“ will. Ich möchte sie kennenlernen und den Grund herausfinden, warum sie sich einen Gottesdienst für eine Station in ihrem Leben wünschen. Eine Trauung zum Beispiel ist immer auch eine Dienstleistung der Pfarrerin, aber es gibt große Chancen, im Gespräch auf eine tiefere Ebene zu gelangen. Seit wenigen Jahren plane ich deshalb zur Vorbereitung einer Trauung inzwischen zwei Vorgespräche ein, einmal in der Kirche, danach bei ihnen zu Hause. Das ist zwar für mich doppelter zeitlicher Aufwand, aber die Paare spüren: Ich frühstücke das nicht ab, ich meine wirklich sie als Menschen mit ihrer Geschichte.
Bei Taufen und Trauerfeiern habe ich im Vorfeld besonders intensive Gespräche mit den Menschen geführt. Solange das möglich ist, diese Nähe und die Kommunikation des Evangeliums, bin ich super-gerne Pfarrerin. Zahlen spielen für mich eine nachgeordnete Rolle. Mir ist die Begegnung mit den Menschen das Wichtigste. Die Kunst ist es, die theologischen Gedanken so zu verpacken, dass sie in die Situation der Menschen passen, ihre Worte, ihre Bilder aufnehmen.

Kann man als Superintendentin all das noch machen?

Nein. Alles, was ich bisher im guten Sinne routiniert im Gemeindepfarramt gemacht habe, fällt für mich weg. Die Aufgaben im neuen Amt sind sehr komplex. Den Rhythmus kenne ich noch nicht. Und doch möchte ich gern in einer Gemeinde im Kirchenkreis den schlichten Gottesdienst am Sonntagmorgen feiern. Der bedeutet mir viel. Als besondere Herausforderung empfinde ich es, als Superintendentin zugleich Dienstvorgesetzte und Seelsorgerin für die Pfarrerinnen und Pfarrer zu sein. Darum ist mir der Kontakt zu ihnen, zu den Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und zu den Mitarbeitern der Verwaltung sehr wichtig.

Die Schlüssel für die Christuskirche in Ickern gibt Claudia Reifenberger nach Weihnachten ab, denn bis dahin hat sie noch Gottesdienste in ihrer alten Gemeinde. „Ich habe dort sehr gern gearbeitet“, sagt sie im Interview.
Die Schlüssel für die Christuskirche in Ickern gibt Claudia Reifenberger nach Weihnachten ab, denn bis dahin hat sie noch Gottesdienste in ihrer alten Gemeinde. „Ich habe dort sehr gern gearbeitet“, sagt sie im Interview. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

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Wie haben Sie denn Ihren Wettbewerb um das Amt mit dem Kollegen Arno Wittekind empfunden

Als Reiner Rimkus zu Beginn des Jahres mitgeteilt hat, dass er das Amt zur Verfügung stellt, waren wir alle überrascht. Mir und vielen anderen war klar, dass Arno Wittekind sein Nachfolger wird. Immerhin war er als Assessor lange Jahre der Stellvertreter. Weil ich aber angesprochen wurde, habe ich nach einer Zeit reiflicher Überlegung und einigen Gesprächen mit Menschen, die mich gut kennen, eine Bewerbung abgegeben.

Wie hat Arno Wittekind nach der Wahl reagiert?

Eine Wahl zu verlieren, ist immer eine persönliche Enttäuschung, das kenne ich aus dem eigenen Erleben. Ich habe Arno Wittekind aber schon auf der Wahlsynode und auch danach als fairen Kollegen erlebt. Mir war wichtig, dass wir uns mit etwas Abstand zur Wahlsynode zum Gespräch treffen und über alles reden. Was die Entscheidung der Synode mit ihm macht und auch mit mir. Dieses Gespräch hat stattgefunden, zwischen uns steht nichts.

Was wollen Sie anders machen als Reiner Rimkus?

Das kann ich noch gar nicht sagen. Ich war ja noch nie Superintendentin. Ich möchte mich auch nicht gegen jemanden oder etwas abgrenzen. Ich werde meinen Stil finden. Mir ist Kommunikation wichtig, im Haus, also dem Kreiskirchenamt in Herne, in der Verwaltung, zwischen Kirchenkreisleitung und Gemeinden. Mir geht es darum, etwas zu kreieren mit anderen, mit dem ich gut den Auftrag ausführen und in unserer Kirche und für die Menschen arbeiten kann.

Was ist Ihre Haupt-Baustelle? Was gehen Sie als erstes an?

Eine Kennenlernrunde. Ich möchte alle Gemeinden besuchen, am Ende ohne Navi die Kirchen finden. Und Haushaltspläne gründlich durchdringen, das wird jetzt noch mehr mein Thema werden.

Oft ist man doch schnell dabei, an der Basis über „die da oben“ zu meckern.

Das ist nicht meine Art. Allerdings ist klar, die Kommunikation wird schwieriger und das, was man voneinander weiß oder wie die Zusammenhänge sind, je länger die Wege zwischen den einzelnen Ebenen sind. Was ich aber schon verändern möchte: den Informationsfluss zwischen der Ebene des Kirchenkreises zu den Gemeinden hin durchlässiger zu machen. Vielleicht in Form eines Newsletters oder etwas in der Art.

Glauben Sie eigentlich, dass nach Corona die Videogottesdienste weiter gehen werden?

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, allerdings als zusätzliches Angebot zu den Gottesdiensten vor Ort, nicht als deren Ersatz.

Wie sieht Ihre Kirche aus, wenn in acht Jahren Ihre Amtszeit endet?

Das kann ich schwer sagen. Man hätte an Corona ja auch nie gedacht. Der Trend des Schrumpfens wird weiter gehen. Es gibt keinen Zwang, zur Kirche dazuzugehören. Früher musste man begründen, warum man austritt, heute muss man im Kreise der Familie oder vor Freunden eher begründen, warum man noch drin ist. Die Freiheit der Entscheidung des Einzelnen ist in der evangelischen Kirche ein hohes Gut. Das ist erst einmal positiv. Und natürlich wünsche ich mir, dass Leute in großer Freiheit entscheiden dazuzugehören, vielleicht wieder dazugehören wollen, weil sie sich damit identifizieren können.
Ich würde jedenfalls nicht davor zurückschrecken, gewisse Dinge aus Furcht vor Austritten zu sagen. Zum Beispiel, dass man keine Flüchtlinge ertrinken lässt, und dass es gut ist, ein Boot zu kaufen, das im Mittelmeer Schiffbrüchige rettet. Der Bootskauf der Evangelischen Kirche in Deutschland ist ja ein Stein des Anstoßes geworden – es sind deswegen Leute aus der Kirche ausgetreten.

Wofür sind Sie denn?

Ich bin dafür, dass man Menschen nicht ertrinken lässt und unterstütze die symbolische Aktion der EKD ausdrücklich. Wie viele deswegen nun ein- oder austreten, ist nicht maßgeblich – sondern nur, ob etwas unserer Botschaft entspricht.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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