„Ist alles Mist, aber jetzt wird gefeiert“: So geht’s Svenja Zigard ein Jahr nach dem Koma

mlzSchicksalsschlag

Svenja Zigard war 75 Minuten lang tot. Die Ärzte holten sie zurück, sie fiel ins Koma, wachte gelähmt auf. Jetzt erzählt die 30-Jährige, wie sie das Koma erlebt hat und warum gefeiert wird.

Castrop-Rauxel

, 15.08.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am 15. August stand das Herz von Svenja Zigard still. 75 Minuten wurde sie von den Ärzten reanimiert. Ein Schicksalsschlag für die Familie aus Castrop-Rauxel, die sich gerade ein Häuschen gekauft und einen Sohn bekommen hatte. Zigard fiel ins Koma, wachte 15 Tage später auf und war querschnittsgelähmt. Spricht man heute mit ihr, ist sie freudig und deprimiert zugleich.

„Ist alles Mist“, sagt die 30-Jährige einerseits, andererseits sagt sie: „Heute wird gefeiert.“ Fakt ist, sie hätte tot sein können, oder mehrfach schwerstbehindert. An die Zeit der Reanimation, die Zeit im Koma und die Aufwachphase hat Zigard wenig Erinnerungen. „Ich habe kein Licht gesehen und auch die Menschen nicht gehört, die mit mir gesprochen haben.“ Sie habe allerdings schlimme Träume gehabt. Beispielsweise habe sie geträumt, dass ihr Opa gestorben sei und sie ihn hätte beerdigen müssen. Doch ihr Opa lebt.

Riss im Herzkranzgefäß

Sie hatte Glück im Unglück und ist nach dem Riss im Herzkranzgefäß „nur“ querschnittsgelähmt. „Eigentlich geht es mir gut, es ist nur scheiße, dass ich nicht laufen kann“, bringt Zigard es auf den Punkt. Sie sei auch vergesslicher als vor dem Unfall und könne sich bei Stimmengewirr in großen Gruppen schlecht konzentrieren: „Ich weiß jetzt, wie es meiner Oma geht.“ Im Alltag ist sie oft müde. „Ich bin ja noch ein Baby im Rollstuhl, meine Arme sind schnell schlapp.“ Letztlich traf der Schicksalsschlag die Familie Zigard mit der vollen Breitseite.

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Nach sieben Monaten Klinikaufenthalt in Dortmund und Herdecke durfte die Castrop-Rauxelerin wieder nach Hause - doch der Alltag gestaltete sich schwierig. Gefesselt an den Rollstuhl kam sie nicht in ihr Haus. War sie einmal drin, kam sie nicht in die oberen Etagen. Das Badezimmer war nicht rollstuhlgerecht, die Küche zu hoch. Autofahren ging nicht mehr, arbeiten auch nicht. Die gelernte Autolackiererin bekommt jetzt eine kleine Rente. „Ein Auto kann ich zwar noch lackieren, aber nur noch die untere Hälfte.“

Ihren Sohn, damals ein Jahr alt, konnte sie nicht alleine versorgen. Eine Haushaltshilfe zahlt die Krankenkasse nicht. Auch einkaufen kann sie nicht alleine.

Ohne Hilfe kommt Zigard nicht aus dem Haus

So weit, so katastrophal. Doch Schritt für Schritt kämpfte sich die Familie zurück. Mithilfe von Spenden konnte sie einen Aufzug in ihr Haus bauen, die Firma SteinZeit Böttger&Schwede GbR baute das Badezimmer rollstuhlgerecht um und stellte keine Rechnung. Den Spenden-Stein ins Rollen gebracht hatte Nachbarin und Freundin Nadine Romahn. „An sie geht ein Riesendankeschön“, so Zigard. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen.

Doch diese Umbauten waren nur erste Schritte. Noch kommt die Castrop-Rauxelerin nicht alleine aus dem Haus, oder rein. „Mein Mann trägt mich über die Schwelle.“ Das hört sich romantisch an, ist aber die einzige Möglichkeit für sie. „Ohne Hilfe geht es nicht.“ Vor der Tür sind einige Stufen - mit dem Rollstuhl nicht zu überwinden. Eine Rampe wäre zu steil, auch hier muss eine Art Aufzug her.

„Ist alles Mist, aber jetzt wird gefeiert“: So geht’s Svenja Zigard ein Jahr nach dem Koma

Mithilfe von Spenden konnte Familie Zigard einen Aufzug in ihr Haus einbauen. So kommt die 30-Jährige von Etage zu Etage. Jetzt fehlt noch ein Lift, um auch ins Haus und hinaus zu kommen. © Zigard

Da ist sie wieder, die Zerrissenheit: Einerseits sagt Svenja Zigard, wenn nicht gerade jemand im vierten Stock wohnt, habe sie keine Einschränkungen, könne alles machen. Sogar auf einem Konzert in Oberhausen sei sie gewesen. Andererseits kann sie schlecht kochen, der Herd ist zu hoch, die Couch zu niedrig, um alleine von dort wieder aufzustehen. Sie wünscht sich ein E-Bike für ihren Rollstuhl, um unabhängiger zu sein, besser von A nach B zu kommen. Doch all das kostet Geld. Viel Geld. Ihren Sohn kann sie in der Villa Kunterbunt nicht eingewöhnen, das Kindergarten-Provisorium ist nicht rollstuhlgerecht: „Alles Mist.“

„Ist alles Mist, aber jetzt wird gefeiert“: So geht’s Svenja Zigard ein Jahr nach dem Koma

Rollstuhlfahren ist anstrengend. Svenja Zigards Arme sind oft nach kurzer Zeit müde, dann muss sie geschoben werden. Einfacher wäre dieses E-Bike. Doch das ist teuer. © Zigard

Eine Pflegerin hilft ihr im Alltag, drei Mal in der Woche steht Physiotherapie an. „Die wollen mich auf die Beine stellen“, sagt sie. Freunde und Familie helfen, wann und wo immer es geht. „Mich lässt hier keiner versauern.“ Der alte Freundeskreis sei zwar kleiner geworden, doch es seien viele neue Freunde dazugekommen, die sie unterstützen, für sie einkaufen, mit ihrem Kind zum Spielplatz gehen oder einfach zuhören. Sie sei fast nie alleine zu Hause. Und wenn doch, brauche sie nur laut „Hilfe“ zu rufen, das würden die Nachbarn hören und Bescheid wissen. Ob sie jemals wieder wird laufen können? „Die Ärzte sagen nein, die Therapeuten sagen ja.“

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Sohn Luca feiert bald seinen zweiten Geburtstag. Den ersten hat seine Mama verpasst, da lag sie im Koma. „Die nächsten 17 Geburtstage werden umso doller gefeiert“, sagt sie. Sie könne zwar manche Dinge wie Schwimmen und Radfahren nicht mit ihm machen, sehe aber, wie er das alles lernt und dafür sei sie dankbar. Für Luca sei es ganz normal, dass seine Mama im Rollstuhl sitzt, er kennt es nicht anders, wächst damit auf. Regelmäßig krabbelt er bei seiner Mama auf den Schoß, kuschelt, lässt sich trösten oder fährt eine Runde mit.

Kinder sind unbefangen

In der Nachbarschaft wohnen Kinder, die etwas älter sind. Auch sie gehen unbefangen mit der Rollstuhlfahrerin um, verstehen mit ihren vier oder fünf Jahren aber nicht immer den Hintergrund. Svenja Zigard erzählt, dass einmal ein Kind zu ihr gesagt habe: „Du durftest jetzt schon die ganze Zeit in dem Rollstuhl sitzen, jetzt will ich mal, du musst aufstehen.“

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