Von der Kundin zur Mitarbeiterin: Karin Ludwig nennt drei Vorurteile der Tafel-Besucher

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Sie ist weder klein noch zierlich und nicht auf den Mund gefallen: Karin Ludwig hat die Kundschaft der Tafel im Griff. Und sie kennt ihre Probleme, denn sie war selbst ein Jahr lang Kundin.

Deininghausen

, 24.08.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Karin Ludwig hat fünf Kinder großgezogen. Die Bäckerei-Fachverkäuferin hatte irgendwann zwei Bandscheibenvorfälle und Arthrose. „Damit steh ich den Kollegen nur im Weg rum“, erklärt die 54-Jährige. Sie blieb also zu Hause, ihr Mann ging arbeiten und versorgte die Familie finanziell.

Dann gab es einen Engpass, als eine der Töchter keinen Ausbildungsplatz hatte. „Da mussten wir Hartz IV beantragen“, erinnert sich Ludwig, die das als schrecklich empfand. „Ich habe meine Familie immer selbst ernähren können.“ Das ging dann nicht mehr. Doch Trübsal blasen ist nicht ihr Ding.

Sie bekam also eine Karte für die Tafel und ging dort „einkaufen“. Ludwigs Grundsatz: „Man muss sozial eingestellt sein, als Kunde und als Mitarbeiter.“ Die Idee der Tafel sei es schließlich, dass Lebensmittel nicht weggeschmissen werden und Menschen, die in Not sind, davon profitieren.

Sozial eingestellt vom Kind bis zur Chefin

Und sozial eingestellt, das ist die gesamte Familie Ludwig - angefangen vom jüngsten Kind (21), über den Mann, der lange als Monteur gearbeitet hat und jetzt arbeitslos ist, bis hin zur „Chefin“. Nach dem Engpass gab Karin Ludwig ihre Tafel-Karte wieder ab und engagierte sich ehrenamtlich in der Ausgabestelle an der Weimarer Straße in Deininghausen.

Ihre Kinder holte sie mit ins Boot. Einmal in der Woche nimmt sie mit ihrem Team die Lebensmittel der Caritas-Fahrer an, sortiert sie und organisiert die Ausgabe mit einem fünfköpfigen Team. Ihre Motivation: „Wir bekommen Geld vom Staat, also können wir auch etwas zurückgeben.“

Viele hätten jedoch eine nicht sehr soziale Einstellung: „Das steht mir zu, das will ich haben.“ Damit ist Ludwig bei den Vorurteilen angekommen:

1. Es geht ungerecht zu - manche bekommen mehr als andere

Auf den Tafel-Karten steht genau drauf, wer berechtig ist. Karin Ludwig schaut sich eine an, auf der steht „1 Erwachsener, 5 Kinder“, auf einer anderen steht „2 Erwachsene“. Logisch, dass die einen mehr Möhren, Bananen und Blumenkohlköpfe bekommen, als die anderen. Für manche sei das schwer verständlich.

Jeder Erwachsene zahlt 2 Euro, Kinder nichts. Rund 30 Kunden kommen jeden Montag zur Tafel-Ausgabe nach Deininghausen. Das weiß das Team im Vorhinein und kann mit geübtem Auge abschätzen, wer wie viel bekommt. Manchmal gibt es eine zweite Runde. Wenn alle einmal da waren und noch was übrig ist. Gibt es wenige Lebensmittel-Spenden packt das Team im Vorhinein Tüten und gibt die heraus. „Das ist viel Arbeit, gibt aber wenig Diskussionen“, weiß Ludwig, die sich aber so oder so nicht auf Diskussionen einlässt.

2. Bei der Tafel gibt es nur Schrott

Zwei Männer fahren mit Sackkarren grüne Plastikkisten mit Lebensmitteln in den Vorraum der Freien Evangelischen Kirche. Äpfel, Bananen, Milch, Möhren, Brot - ja, die Bananen sind schon etwas braun und von den Erdbeeren sortiert das Team ein paar Pakete aus, aber bei vielen Lebensmitteln fragt man sich: Hätten die Supermärkte das weggeschmissen?

Karin Ludwig erklärt, dass die Läden einiges zum Teil tatsächlich als Spende für die Tafel beiseite legen und manches aus dem Erlös der Pfand-Bons stammt, anderes ist kurz vor dem Ablaufdatum. Die Menge ist für den Laien erschlagend. Allerdings muss es im besten Fall auch für 30 Leute eine Woche reichen. Die Profis haben schnell einen Überblick und wissen, wie sie es verteilen, damit jeder etwas bekommt.

Von der Kundin zur Mitarbeiterin: Karin Ludwig nennt drei Vorurteile der Tafel-Besucher

Gemeinsam mit einem fünfköpfigen Team organisiert Karin Ludwig (M.) die Tafel-Ausgabe in Deininghausen. © Iris Müller

Manche Kunden kennen einige Lebensmittel gar nicht. „Einmal wusste eine Frau nicht, was eine Mango ist, ich habe gesagt, sie soll eine mitnehmen und probieren, in der nächsten Woche kam sie wieder und wollte mehr davon“, erinnert sich Ludwig, die auch mit Rezept-Tipps weiterhilft. Und auch bei der Tafel bleibt manchmal etwas übrig. „Körnerbrot mögen viele nicht“, erklärt Karin Ludwig. In anderen Ländern ist das unüblich und dann wollen die das hier auch nicht. Sie selbst mag keine Auberginen. Das sei als Tafel-Karten-Inhaberin auch so gewesen. Geld hin oder her. Das was übrig ist kann das Tafel-Team selbst mitnehmen.

3. Zur Tafel kommen nur Ausländer

Vor der Tür der Tafel-Ausgabe steht eine Mutter mit ihrem Kind im Buggy, ein älterer Herr im Rollstuhl, eine Frau mit Kopftuch und andere Menschen verschiedener Herkunft. Dafür, dass dort nicht nur Ausländer anstehen, ist Karin Ludwig das beste Beispiel. Auch sie stand dort ein Jahr lang an.

Wir jaulen alle auf sehr hohem Niveau.
Karin Ludwig

Wenn die Ausgabe beginnt, zieht jeder Kunde zunächst eine Nummer und stellt sich dann in der entsprechenden Reihenfolge an. „Sonst würde sich hier schon zwei Stunden vorher eine Schlange bilden“, erklärt Karin Ludwig. Wer also beispielsweise die neun zieht geht wieder raus und ist als Neunter an der Reihe. Streit gibt es selten, Diskussionen manchmal, aber Karin Ludwig ist nicht auf den Mund gefallen. Sie ist hier voll in ihrem Element und wirkt grundzufrieden.

„Wir jaulen alle auf sehr hohem Niveau“, erklärt sie. Ihr gehe es gut, sie sei zufrieden. Ihre Kinder haben Arbeit, das sei immer ihr Ziel gewesen. Sie selbst habe ein Dach über dem Kopf, was wolle man mehr. Seit 22 Jahren wohne sie in Deininghausen. Die Wohnung könne sie sich vielleicht irgendwann nicht mehr leisten, aber auch dann gehe es weiter.

Was sie mit einem Lottogewinn tun würde? „Meiner Tochter ein Auto kaufen, die hat gerade ihren Führerschein bestanden.“ Selbstlos, sozial und glücklich, das ist Karin Ludwig.

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