Tankstellen-Räuber: Wenn ein Fernsehkrimi plötzlich bedrückende Realität wird

mlzMein Thema 2019

Vermummte Männer schießen in die Decke. Der Angestellten einer Tankstelle steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Ein Raubüberfall wie im Fernsehen. Aber diesmal ist es Realität.

Castrop-Rauxel

, 30.12.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fünf Tankstellen hat eine Bande aus Castrop-Rauxel im November überfallen. In Castrop-Rauxel und in Dortmund. Dazu noch einen Kiosk auf der Victorstraße in Ickern.

Es lief immer ab wie gründlich einstudiert: Ein Vermummter blieb vor der Tür stehen, zwei Männer liefen in die Verkaufsräume. Einer stürmte sofort hinter den Tresen, der andere blieb davor stehen. Und dann die Schüsse.

Drei der Tatorte habe ich besucht, habe mit Besitzern und Angestellten gesprochen. Habe mir die Geschichte des Überfalls erzählen lassen, habe Reaktionen und Vermutungen gesammelt.

Überwachungsvideos machen nachdenklich

Und dann habe ich mir die Aufzeichnungen der Überwachungskameras angesehen. Erst entspannt, dann immer angespannter. Denn irgendwann realisierte ich, dass das, was ich da ohne Ton mit ansah, nicht etwa aus einem Tatort-Film stammte, sondern aus dem realen Leben.

Die Männer mit ihren schwarzen Parkas, ihren schwarzen Bandana-Tüchern und ihren Waffen in der Hand gibt es wirklich. Die jungen Frauen, die nebenbei an der Tanke jobben, um sich ein Taschengeld zu verdienen oder das Studium zu finanzieren, die gibt es wirklich.

Ihr Entsetzen, ihre weit aufgerissenen Augen, ihre vor Schreck vor den Mund gepressten Hände: die gab es wirklich. Das war wahre Angst. Angst davor, was passieren wird. Schock, als die Schüsse in die Decke gehen.

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Was die Bande der Tankstellenräuber da mit Menschen anrichten, wurde mir beim Ansehen der Bilder plötzlich schmerzlich bewusst. Was Verbrecher unschuldigen Menschen antun, welchen Schock sie auslösen, welche Traumata sie da verursachen: All das bekam auf einmal reale Gesichter.

Danach fiel es mir erst schwer, zur sachlichen und nachrichtlichen Berichterstattung überzugehen, Ereignisse emotionslos aufzuschreiben, Zitate zu setzen. Auch wenn das mein Job als Journalist ist: Leicht fällt das in solchen Situationen nicht.

Die Täter haben ihr Leben vergeigt

Nach den sechs Überfällen im November kam die Polizei den Tätern aus Castrop-Rauxel dann tatsächlich auf die Spur. Ihr Fluchtfahrzeug verriet die Bande letztlich. Einer nach dem anderen wurden die Tatverdächtigen festgenommen. Alle Anfang 20.

Ihr Leben haben sie erst einmal vergeigt. Lange Haftstrafen drohen. Für relativ wenig Beute. Ein paar Euro und Zigaretten. Andere Menschen haben sie dafür womöglich in Ängste gestürzt, die über Jahre anhalten könnten.

Und mir wurde wieder einmal bewusst, was in so einem Leben wirklich wichtig ist: Gesundheit. Unversehrtheit. Leben.

Mein Thema 2019

In der Serie „Mein Thema 2019“ blicken unsere Redakteure aufs Jahr in Castrop-Rauxel zurück. Welches Thema hat sie am meisten begeistert, mitgenommen, betroffen gemacht oder bewegt? Sie schildern auf den Punkt, warum es diese Geschichten geschafft haben, in Erinnerung zu bleiben.
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