Die Uhr zeigt 6.45 Uhr, das Thermometer 16,5 Grad Celsius. Dienstbeginn für die Castrop-Rauxeler Postbotin Gisela Kunze. Bis sie ihren ersten Brief einwirft, wird noch einige Zeit vergehen.

Castrop-Rauxel

, 17.07.2018, 17:36 Uhr / Lesedauer: 4 min

Vom Briefzentrum in Dortmund kommt die Post zunächst in den Zustellstützpunkt an der Lönsstraße. Die Briefe sind schon vorsortiert. Postbotin Gisela Kunze macht jetzt kleine Päckchen, die zu ihrer Tour passen. Sie ist routiniert und kennt ihre Pappenheimer. Die 63-Jährige weiß, wer umgezogen ist, nicht mehr an der angegebenen Adresse wohnt. Diese Briefe bekommen einen Stempel und werden gesondert gestapelt. Manche Briefe konnte die Maschine nicht lesen, hier und da fehlt eine Hausnummer. Die Postbotin arbeitet nach und ergänzt die Angaben.

Nach und nach füllt Kunze ihre gelben Postkisten. Vier Stück passen auf ihr Trike - ein spezielles Post-Dreirad, das sie später besteigen wird, die anderen werden mit einem Auto zu vier Ablagestellen gefahren. Alles ist durchdacht. Wenn die Kisten auf dem Trike später leer sind, hält sie an und lädt neue auf.

Unterwegs mit Postbotin Gisela Kunze: weniger Briefe, mehr Werbung

Die Postbotin packt sich die Briefe so zusammen, dass sie auf ihrer Tour Haushalt für Haushalt abfahren kann. © Iris Müller

Jetzt zieht sie noch schnell die wasserdichte Jacke mit dem Posthorn an und macht sich auf den Weg. „Zustellen ist ein knackiger Job“, sagt Postsprecher Rainer Ernzer. Und Gisela Kunze macht das seit 22 Jahren. Die gelernte Friseurin setzte sich an den Schalter der Postfiliale im elterlichen Haus in Deininghausen, als ihr Vater dort aufhörte. Das ist 33 Jahre her. Die Post hieß da noch Bundespost. Als die Filiale schloss, sattelte sie um und wurde Zustellerin.

„Am Schalter war es schön, da war man dem Wetter nicht so ausgesetzt“, erinnert sich Kunze. Sie betont aber, dass sie ihren jetzigen Job auch sehr gerne macht. Besonders der Kontakt zu Menschen und die frische Luft reizt sie. „Von mir aus kann es ruhig heiß sein, bloß kein Eis und Schnee.“ An diesem Dienstagmorgen sind es zwar nur 16 Grad, Gisela Kunze hat trotzdem eine kurze Hose an, als sie sich auf ihr Dreirad schwingt. Damals hatte sie ein Fahrrad mit Dreigang-Schaltung, jetzt unterstützt sie ein Akku unter dem Sattel. Die Zeiten ändern sich. Das Dreirad ist nicht ganz so wendig, dafür könne es praktisch nicht umfallen.

Die Post hat zwei Standorte in Castrop-Rauxel. Vom Zustellstützpunkt Lönsstraße fahren jeden Tag

  • 15 Postzusteller mit dem Fahrrad (drei mit dem Trike/Dreirad)
  • 10 Postzusteller mit dem Auto
  • 5 Postzusteller gehen mit der Zustellkarre zu Fuß

Vom Zustellstützpunkt Wartburgstraße fahren jeden Tag

  • 12 Postzusteller mit dem Fahrrad (zwei mit dem Trike/Dreirad)
  • 6 Postzusteller mit dem Auto

Unterwegs mit Postbotin Gisela Kunze: weniger Briefe, mehr Werbung

Das Trike von Postbotin Gisela Kunze mit Elektro-Antrieb. © Iris Müller

Den ersten Brief wirft Gisela Kunze an der Widumer Straße ein. Hier beginnt ihr Bezirk. Rund 1150 Haushalte wird sie heute besuchen. Im Schnitt sind es für Kunze 1500 Briefe am Tag. Insgesamt verteilen die Postboten im Stadtgebiet nach Angaben von Postsprecher Rainer Ernzer täglich im Schnitt rund 30.000 Briefe. Müdigkeit vortäuschen gilt nicht. In einer ihrer Kisten sind Werbe-Flyer. Jeder Haushalt bekommt heute einen davon. Das heißt, Kunze muss auch wirklich zu jedem Haus. Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Die Regel ist aber auch, dass es montags keine Werbung gibt, weil es montags generell weniger Post gibt. „Denjenigen, der samstags einen Brief in den Kasten wirft, gibt es kaum noch“, erklärt Ernzer.

Es gebe mittlerweile mehr Werbesendungen als Briefe, wann das Verhältnis gekippt ist, kann Ernzer nicht sagen. Unterschieden wird bei der Dialog-Post (=Werbepost) zwischen adressierter Werbung beispielsweise vom Baumarkt und nicht adressierter Werbung wie Einkauf aktuell. Wer einen Aufkleber „Bitte keine Werbung einwerfen“ an seinem Briefkasten hat, bekommt trotzdem die, die adressiert ist. Rainer Ernzer sieht das auch als Arbeitssicherung. Der klassische Privatbrief gehe zurück. Warensendungen werden dagegen auch mehr. Im Zuge der Globalisierung erhalten viele Kunden viele kleine Warensendungen aus dem Ausland.

Warensendungen passen nicht in Briefkasten

Das bedeutet für Gisela Kunze oft, dass sie beim Kunden anklingeln muss, weil die Warensendungen nicht in den Briefkasten passen. „Am liebsten mag ich Briefkästen, die oben offen sind“, erklärt Kunze. Da passen DINA4-Umschläge super rein. An der Widumer Straße muss sie erstmal auf alle Viere gehen - einer der Briefkästen ist ein Schlitz unten an der Haustür. Kunze trägt es mit Fassung, schiebt den dicken Brief durch und marschiert weiter. Ein paar Haushalte läuft sie ab, dann geht es zurück zu ihrem Rad. Ob sie keine Angst habe, dass jemand ihr Gefährt stiehlt, wenn sie gerade die Post abliefert. „Das ist noch nie passiert. Die Arbeit will doch keiner machen“, sagt sie lachend. Es wäre schließlich auch auffällig, wenn jemand in zivil auf einem Postfahrrad unterwegs wäre.

Kunze besucht den Friseursalon, das Fitnessstudio, die Pizzeria. Aufenthaltsdauer: unter zehn Sekunden. „Hallo - Post - Tschüss“. Nächste Station: Karlstraße. Vor einem Firmengebäude trifft sie einen Kunden, der seine Post direkt mitnehmen will. Er wartet geduldig, bis Gisela Kunze den Stapel in ihrer Hand soweit abgearbeitet hat, dass er dran ist. „Wenn ich das vorher raussuchen muss, bringt das das System durcheinander“, erklärt sie.

Hunde bellen - und beißen

Gisela Kunze ist fix. In ihren schwarzen Turnschuhen ist sie nicht nur schnell auf dem Fahrrad, sondern besonders zu Fuß, wenn sie von Haus zu Haus wetzt. Auf die Namen, die an den Briefkästen stehen, guckt sie schon lange nicht mehr. Sie weiß, wer wo wohnt und auch, wer wann zu Hause ist. Manchmal steckt in ihrem Päckchen eine Platzhalterkarte. Dann muss sie eine dicke Warensendung aus ihren Kisten ziehen, oder ein Einschreiben aus ihrer Tasche holen. „Die Einschreiben trage ich direkt am Körper“, erklärt sie. Es dürfe schließlich nichts verloren gehen. In diesem Fall weiß sie, dass der Empfänger erst gegen 10 Uhr zu Hause ist. Kunze: „Da fahre ich gleich nochmal vorbei.“ Ziel sei es, alles zuzustellen.

Also geht es zunächst zur Tierarztpraxis und zu einigen Mehrfamilienhäusern. Hier und da wird sie gegrüßt, manchmal bellt ein Hund hinter verschlossener Tür. „Einmal wurde ich gebissen“,sagt Kunze. Seitdem habe sie immer Leckerli dabei. Sie konnte ihre Tour damals aber zu Ende bringen. Anders, als vor ein paar Jahren ein schlimmer Sturm gewütet hat. „Ich kann ja nicht über Bäume steigen und die Briefe sind weggeflogen“, so Kunze. So eine Situation komme aber nur alle paar Jahre vor. Dann müsse sie ihre Tour abbrechen.

Unterwegs mit Postbotin Gisela Kunze: weniger Briefe, mehr Werbung

Das Trike von Postbotin Gisela Kunze. © Iris Müller

Heute fährt sie weiter und weiter und immer weiter. Durch die Ziegelstraße, Am Wiedehagen, Wideyweg, Kreuzstraße. Zwischendurch holt sie sich bei einer Bude eine kleine Stärkung. „Mittagessen mache ich nach Feierabend“, so Kunze. Die letzten Briefe des Tages schmeißt sie an der Bochumer Straße ein, dann fährt sie zurück zum Zustellstützpunkt und stellt am Nachmittag ihr Dreirad ab. Bis morgen, dann geht es wieder von vorne los.

In vier Monaten stellt Gisela Kunze ihr Dreirad für immer ab. „Ich habe mit 14 Jahren angefangen zu arbeiten und kann dann ohne Abzüge in Rente gehen“, erklärt sie. „Früher war man fitter, aber nicht so geübt.“ Heute freue sie sich, wenn sie nach der Arbeit am späten Nachmittag die Beine hochlegen kann. Sie hofft, dass sie, wenn sie in Rente geht, nicht in ein Loch fällt. Auch privat fährt sie gerne Fahrrad und sie interessiert sich für Sprachen. „Vielleicht gehe ich mal zur Volkshochschule.“ Wie viele Kilometer sie in ihrem Berufsleben zurückgelegt hat und wie viele Briefe sie zugestellt hat - das lässt sich nur erahnen.

So wird man Postbote Man kann bei der Deutschen Post eine zweijährige Ausbildung zur Fachkraft für Kurier- Express- und Postdienstleistung machen. Anschließend wird man als Brief- oder Paketzusteller eingesetzt. Oder man ist Quereinsteiger. Dann wird man rund drei Wochen angelernt und geht dann anschließend selbstständig auf Zustellung.
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