Uraltes Bild, aber keine Montage: Fakten-Check zur „Heute Show“-Parodie

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Die ZDF-„Heute Show“ macht sich lustig über Castrop-Rauxel. Das kennt man in der Europastadt. Aber es wird immer wieder diskutiert. Wir haben den Entstehungsort gesucht.

Castrop-Rauxel

, 26.06.2020, 19:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

In den sozialen Medien wurde ein Posting der „Heute Show“ rauf und runter geteilt und über die Plattformen hinweg heiß diskutiert. Darin geht es um eine Reisewarnung in Österreich, ausgesprochen für Reisen nach NRW in die Region um Gütersloh. Die Heute-Show benutzt ein Bild aus Castrop-Rauxel, um sich darüber lustig zu machen.

Die meisten nehmen das auch mit dem, was man für Satire braucht: Humor. Nutzer Ethan MacCormack schreibt: „Castrop-Rauxel ist ja mittlerweile so grün, eigentlich müsste es Bad-Castrop-Rauxel heißen.“ Skatamarkus bemitleidet die Österreicher, die nicht kommen können: „die Tausende? Millionen! Ach was, ALLE!“

Ein aktuelles Bild zeigt, Castrop-Rauxel sieht heute nicht mehr so nach Ruhrpott aus wie früher. Österreicher können sich also durchaus in die Europastadt trauen.

Ein aktuelles Bild zeigt, Castrop-Rauxel sieht heute nicht mehr so nach Ruhrpott aus wie früher. Österreicher können sich also durchaus in die Europastadt trauen. © Jens Lukas

„In NRW gibt es doch auch noch viele andere schöne Orte: Duisburg, Bochum, Bielefeld. Ach nee, Stop! Bielefeld gibt’s ja nicht“: Auch das Profil faszination.psychologie nimmt es mit Humor.

Nutzer kritisieren das alte Foto

Einige Castrop-Rauxeler fanden das falsche Bild – es ist nicht aktuell, sondern mindestens 40 Jahre alt - aber absolut unangemessen. Unter ihnen Anne Tanke: „Das Klischee lebt! In NRW gibt es eine Vielzahl von Urlaubsregionen und Naherholungsgebieten, sogar im Ruhrgebiet. Selbst in Castrop-Rauxel soll die eine oder andere Grünfläche endeckt worden sein…“

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Auch Marc Olejniczak bemängelt das alte Foto: „Wow! Wo habt ihr so ein altes Foto meiner Heimatstadt her? Das schlimme ist, dass es immer noch Leute gibt, die denken, dass es da wirklich so aussieht. Und wenn se dann auffe Halde stehn sagen se wieder: ,Boah, ist dat grün hier!‘“

Aber wo wurde das Bild aufgenommen? Ist es echt, auch wenn es alt ist? Auf den ersten Blick scheint das Motiv, das die „Heute Show“ für die Satire im Internet verwendet hat, für Stadt-Kenner wirklich eine Montage zu sein. So sieht es auch der langjährige Pressefotograf Helmut Orwat. Der beste Ort, das Bild nachzustellen, sei der Hügel im Südwesten des Erinparks, meint Orwat.

Bild wurde wohl aus verzerrter Perspektive aufgenommen

Thomas Jasper, Leiter des Stadtarchivs Castrop-Rauxel, hat sich in den vergangenen Tagen auch mit dem Foto beschäftigt. Er meint: „Es kann sein, dass es keine Fotomontage ist. Warum sollte sich jemand dafür so viel Mühe machen wollen? Das Bild wurde offenbar aus einer für uns ungewohnten und verzerrten Perspektive aufgenommen.“

Einige mögen denken, dass der unbekannte Fotograf oberhalb der Rennbahn-Wiese in Schwerin stand und abdrückte. Dann aber hätten die Castroper Kirchtürme im Bild sein müssen - und der Erin-Förderturm würde nicht so weit rechts auftauchen.

Jasper hat ein Luftbild des Erin-Geländes von 1983 zurate gezogen und kommt zu dem Schluss, ohne sich allerdings endgültig festlegen zu wollen: „Das Foto wurde von Obercastrop aus aufgenommen.“ Wahrscheinlich vom Eselsberg aus. Ob oben oder am Fuße der Anhöhe, ist nicht 100-prozentig nachvollziehbar. Dann seien allerdings alle Details des Motives richtig angeordnet.

Heute Show pausiert im Fernsehen gerade

Von links aus gesehen: die beiden Schornsteine, der dritte Schlot vor der Kokerei, die Kohlenwäsche mit dem Förderband, am Horizont das ehemalige Kraftwerk an der B235 in Habinghorst, daneben der 1954 in Betrieb genommene Förderschacht 7 sowie zum Abschluss ein Kühlturmschornstein, der nahe dem Altstadtring stand.

Sehr sicher, wo das Foto aufgenommen wurde, ist sich allerdings unser ehemaliger Kollege, Castrop-Rauxel-Experte und CDU-Ratskandidat Michael Fritsch, der zum Beweis auch gleich ein aktuelles Bild mitgeschickt hat.

In einer Mail an die Redaktion schreibt er: „Thomas Jasper lag mit seinem Eselsberg schon recht nah dran, aber der Standpunkt des Fotografen war der Gantenberg. Für die Castrop-Rauxeler Flachlandtiroler aus Rauxel, Pöppinghausen, Habinghorst, Ickern und Henrichenburg: Der Gantenberg ist eine weitere Erhöhung des Obercastroper Hügellandes unweit der Siepenquellen.

Ein Blick auf Castrop-Rauxel vom Obercastroper Gantenberg aus. Castrop-Rauxel-Kenner Michael Fritsch ist sich sicher, dass das in der ZDF-Heute-Show verwendete Motiv von hier aus aufgenommen wurde.

Ein Blick auf Castrop-Rauxel vom Obercastroper Gantenberg aus. Castrop-Rauxel-Kenner Michael Fritsch ist sich sicher, dass das in der ZDF-Heute-Show verwendete Motiv von hier aus aufgenommen wurde. © Michael Fritsch

Das neue Foto dokumentiert auf zweierlei Weise den Wandel in die Moderne: Neben den abgerissenen Schloten der Schachtanlage Erin ist im linken Bereich eine schräge Fläche zu sehen. Dabei handelt es sich um das Solardach des 2008 errichteten modernen Reitstalls des Obercastroper Reiterhofes Knickenberg.

Die 700 Quadratmeter große Konstruktion folgt dem Lauf der Sonne und sorgt damit für eine optimale Ausbeutung der Sonnenenergie zur Produktion umweltfreundlichen Stroms.“

Bild von Castrop-Rauxel wird im Fernsehen nicht zu sehen sein

Im Fernsehen war und wird das Castrop-Rauxeler Bild nicht zu sehen sein. Denn aktuell befindet sich die „Heute Show“ bis zum 11. September in der Sommerpause. Die Castrop-Rauxel-Satire gehört zum Angebot des ZDF im Internet. Dort gibt es in der Mediathek Beiträge und Kurz-Videos.

Übrigens: Der Scherz stammt nicht aus der Feder des Castrop-Rauxelers Micky Beisenherz. Der Hörfunk- und Fernsehmoderator sowie Autor diverser TV-Formate war in der Vergangenheit zwar Texter für die „Heute Show“. Nach eigener Aussage pausiert er allerdings derzeit in diesem Job.

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