Das Reich von Freddy Tiemann misst nur wenige Quadratmeter. © Ronny von Wangenheim
Wir öffnen Türen

Verschlossene Orte: Vom Geldschrankknacker zum Hausarbeiter in der JVA

Knapp acht Quadratmeter misst der Raum, der Freddy Tiemanns Zuhause ist – auch wenn er es anders nennt. Freddy Tiemann ist Häftling in der JVA Meisenhof. Wir haben ihn in seiner Stube besucht.

Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl – mehr passt nicht in den Raum, in dem Freddy Tiemann wohnt. Seit dem 3. Juli 2020. Und, wenn es ganz schlecht läuft, bis März 2022.

Am 3. Juli wurde der 51-Jährige von der JVA Gelsenkirchen in die JVA in Ickern verlegt. Und damit in den offenen Vollzug. Viel hat er nicht mitgebracht in das Zimmer Nummer 40 in einem der Häuser im Meisenhof. Unter dem Bett mit seinem abgeplatzten Gestell liegt in wenigen Klappboxen seine persönliche Habe.

Auf dem Tisch ein Fernseher, auf dem Regal Tasse, Besteck, Teebeutel. Lindgrün leuchtet die Bettwäsche als einziger Farbtupfer in der tristen Umgebung. Auf dem großen Kalender hat Freddy Tiemann jeden Tag, den er hinter sich gelassen hat, mit einem Kreuz versehen. Hat eingetragen, wann er hinaus konnte für einige Stunden oder Wochenenden in sein „normales Leben“, zu seiner Frau, seinem erwachsenen Sohn.

Die Zimmer haben keine sanitäre Anlagen

Das Zimmer ist klein, kleiner als in der JVA in Gelsenkirchen. Das liegt daran, dass Freddy Tiemann hier nicht mehr ausschließlich auf diese wenigen Quadratmeter reduziert wird. Er kann jederzeit vor die Tür, die sanitären Anlagen sind nicht im Zimmer, sondern ausgelagert. „Ich bin hier nur zum Schlafen“ sagt er und weist um sich herum. Alles ist peinlich sauber. Und das nicht nur, weil er seine Tür öffnet für einen Blick in das Zimmer eines Gefangenen.

Freddy Tiemann hakt jeden Tag ab, den er hinter sich gebracht hat.
Freddy Tiemann hakt jeden Tag ab, den er hinter sich gebracht hat. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Freddy Tiemann ist Hausarbeiter in der JVA. Er kümmert sich darum, dass Duschen und Toiletten, Flure und Treppenhäuser sauber sind, hilft überall, wo Not am Mann ist. „Ich mag es sauber“, sagt er und lässt durchblicken, dass das nicht für jeden Gefangenen gilt. Also lieber gleich selbst gutes Vorbild sein, das wirke.

In „seinem“ Haus mit maximal 60 Bewohnern kümmert er sich auch um die neun Gefangenen in der „Lebensälterenabteilung“, die also alle über 60 sind. Der älteste zurzeit ist 75. Viele suchen bei ihm Rat oder Trost. „Er ist ein Bindeglied zwischen Gefangenen und Beamten“, sagt Armin Kersting.

Schwerer Bandendiebstahl wurde mit fünfeinhalb Jahren Haft bestraft

„Es ist schwerer geworden“, sagt Freddy Tiemann über das Leben im Knast. Die Gefangenen heute seien anders. Drogen, Alkohol, psychische Probleme, Absturz, das beobachtet er. Das habe es früher nicht so gegeben. Er muss es wissen. „Ich war vor 20 Jahren schon mal hier“, erzählt er. „Damals waren das noch die ordentlichen Geldschrankknacker“, wirft Armin Kersting ein, in der JVA für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Tiemann lacht fröhlich: „Ja, genau so einer war ich.“

Versuchter schwerer Bandendiebstahl hat ihn diesmal in den Knast geführt, fünfeinhalb Jahre hat er bekommen. Nur in Firmen sei er eingebrochen, nie in Wohnungen, das ist ihm wichtig. Mit Gasflasche und anderem professionellem Werkzeug war er unterwegs. Und ja, das lässt er durchblicken, ein paar richtig große Dinger waren wohl dabei.

Der 51-Jährige hatte gehofft, schon bald entlassen zu werden. „Es wird Zeit“, sagt er. Alle würden ihn als fröhlichen Menschen erleben. „Doch in der Stube lasse ich auch mal Dampf ab.“ Ein erster Reststrafenantrag wurde aber im Frühjahr abgelehnt.

Nach der Entlassung will Freddy Tiemann ein Trauringstudio eröffnen

Wenn er wieder draußen ist, will der gelernte Energieelektroniker sich selbstständig machen. Das war er auch schon während einer durch eine OP bedingten längeren Haftunterbrechung. Mit dem Sohn hat er damals ein Trauring-Studio in Lünen betrieben. Das ist jetzt geschlossen, weil das Geschäft in Coronazeiten nicht gut gelaufen sei.

Bis es soweit ist, wird er weiter putzen und für Sauberkeit sorgen. Freddy Tiemann nimmt seinen Lappen, geht aus dem Zimmer und schließt ab. Das ist anders als im geschlossenen Vollzug mit seinen vielen Türen und Schlüsseln, die nur die Beamten aufschließen dürfen. Über sein eigenes Reich, so klein es auch sein mag, kann er selbst bestimmen.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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