Volkstrauertag: Kränze wurden ohne übliche Gedenkfeier niedergelegt

Rede im Wortlaut

Ohne Gedenkfeier legten Bürgermeister Rajko Kravanja und Beigeordneter Michael Eckhardt am Volkstrauertag Kränze nieder. Hier die Rede, die Pfarrer Arno Wittekind dabei eigentlich halten wollte.

Castrop-Rauxel

, 15.11.2020, 15:35 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bürgermeister Rajko Kravanja und der Erste Beigeordnete und Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Michael Eckhardt, bei der Kranzniederlegung auf dem Waldfriedhof.

Bürgermeister Rajko Kravanja und der Erste Beigeordnete und Vertreter des Vereins Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Michael Eckhardt, bei der Kranzniederlegung auf dem Waldfriedhof. © Matthias Langrock

Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen musste die an diesem Sonntag (15. November), dem Volkstrauertag, geplante Gedenkfeier ausfallen, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. eigentlich jedes Jahr veranstaltet.

Ganz ausfallen sollte das Gedenken an Ort und Stelle allerdings nicht: Bürgermeister Rajko Kravanja und Michael Eckhardt, Beigeordneter der Stadt Castrop-Rauxel und Ortsverbands-Vorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, haben deshalb am Sonntag auf dem Waldfriedhof Bladenhorst unter Beachtung der Corona-Schutzregeln zwei Kränze am Ehrenmal niederlegt.

Dazu gab es diesmal nur ein paar kurze Worte. Eckardt sprach dabei von einer „anderen Form des Gedenkens“, Kravanja dankte Eckardt für seinen Einsatz: „Ich weiß, er macht es von Herzen“.

Hier lesen Sie die geplante Rede von Pfarrer Arno Wittekind

Im Folgenden finden Sie hier die Rede, die der Castrop-Rauxeler Pfarrer Arno Wittekind eigentlich bei der Gedenkfeier am Volkstrauertag gehalten hätte:

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wir gedenken am Volkstrauertag der Opfer der Kriege, die von Europa ausgehend, die ganze Welt erfasst haben. Wir gedenken der Männer, die im Krieg gekämpft haben und gefallen sind. Wir gedenken der Frauen, Männer und Kinder, die als Zivilpersonen Opfer der Kriege wurden. Wir gedenken auch derer, die die Kriege überlebt, aber die körperlichen und seelischen Wunden ein Leben lang mit sich getragen haben.

Das Wort „Opfer“ hat in unserer Sprache einen doppelten Klang. Es meint einerseits die Opfer, zu denen Menschen gegen ihren Willen durch Gewalt gemacht werden. Über diese Opfer trauern wir, über die Überfallenen in Dörfern und Städten, die in Kämpfen Getöteten und Verwundeten, die vergewaltigten Frauen, die verwaisten Kinder. Wir trauern auch über alle von Propaganda Betrogenen, in den Krieg Getriebenen, für eine falsche Sache Begeisterten.

Das Wort „Opfer“ meint aber auf der anderen Seite auch das Opfer, das Menschen aktiv bringen. Es meint den Einsatz und die Hingabe von Menschen zum Schutz anderer. Vor diesem Opfer verbeugen wir uns mit Respekt. Wir halten den aufopferungsvollen Einsatz des eigenen Lebens durch Soldaten und zivile Einsatzkräfte in Ehren – auch wenn wir die Motive, aus denen die Kriege einst begonnen wurden, heute von Herzen ablehnen.

Als Christenmenschen haben wir diese beiden Seiten des Opfers immer vor Augen, wenn wir auf den gekreuzigten Jesus sehen. Er ist für uns einerseits das Bild des Menschen, der unschuldig zum Opfer gemacht wird. Doch seine Größe besteht darin, sich selbst zu opfern, um der Menschheit das Leben zu bringen.

Der Volkstrauertag erinnert uns ferner an die Werte und Bündnisse, die nach den großen Kriegen entstanden sind, um Kriegshandlungen vorzubeugen und Konflikte mit friedlichen Mitteln beizulegen.

Idee der Toleranz ist in Gefahr

Aus dem 30jährigen Krieg behielten wir die Idee der Toleranz. Menschen verschiedener Religionen und Konfessionen sollten friedlich miteinander leben können. Leider ist die Idee der Toleranz heute in Gefahr. Aus religiösen Gründen werden immer noch Anschläge verübt und Kriege begonnen.

Nach den beiden Weltkriegen entstanden der Völkerbund und die Vereinten Nationen. Es sollte nie mehr vorkommen, dass die Welt zum Kampfplatz nationaler Großmachtsträume wird. Wenn die Völker in Frieden leben wollen, dann müssen sie den Interessen der anderen Völker und Kulturen Raum geben. Auch diese Idee ist in Gefahr. Vielen führenden Politikern scheint es im Augenblick zu reichen, nur für ihre Nation zu denken.

Schließlich wurden nach den Weltkriegen die individuellen und sozialen Menschenrechte formuliert. Es sollte möglich sein, die zur Rechenschaft zu ziehen, die andere entrechten oder ihnen die Lebensgrundlage rauben. Doch auch für die Menschenrechte muss jede Generation wieder neu eintreten. Da geht es heute auch darum, dem gnadenlosen Kampf um die verbliebenen Ressourcen der Erde Einhalt zu gebieten.

Ich wünsche unserer Gesellschaft, dass Hingabe und Opferbereitschaft bei den Menschen wachsen mögen. Möge die Zahl der Menschen, die durch Krieg und Gewalt zu Opfern gemachten werden, abnehmen. Mögen wir uns gemeinsam für eine gerechtere und friedlichere Zukunft einsetzen.“

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