Voller Optimismus

CASTROP Vor der Kasse steht ein junges Mädchen, kramt in ihrem Portemonnaie, zählt nochmals die Münzen zusammen. Bei 83 Euro ist Schluss.

von Von Benedikt Reichel

, 14.09.2007, 17:36 Uhr / Lesedauer: 2 min

"Das reicht nicht", sagt sie und wendet sich der Kassiererin zu: "Können Sie's zurücklegen? Ich komme mit mehr Geld zurück." Sie reicht einen Pullover über die Theke. 90 Euro soll er kosten. Nicht billig, aber sehr hübsch. Hinter der Kasse überlegt die junge Frau kurz. "Nimm ihn mit", sagt sie plötzlich. "Kleiner Spontanrabatt." Sie lacht.

Daniela Klein lacht noch, während sie die Geschichte erzählt. "Als Angestellte hätte ich nie so viel Freiraum gehabt", sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau mit zwei Semestern BWL-Studium. Ein Grund, warum sich Daniela Klein selbstständig machte. Mit 24 Jahren. Ausgerechnet im Einzelhandel, ausgerechnet in der Modeindustrie.

68 Quadratmeter

Inzwischen hat ihr Geschäft am Simon-Cohen-Platz 4 seit einem Jahr geöffnet. "Positron" heißt der 68 Quadratmeter große Laden, in dem es angesagte junge Damenmode gibt. Quietschbunt mutet er an, flippig und voller Optimismus. Genau wie Daniela Klein.

Vor gut einem Jahr sagten die Leute ihr, dass sie niemals einen Startkredit bekommen werde. Daniela marschierte trotzdem zur Bank. "Ich habe die einfach totgequatscht", erinnert sie sich. "Am Ende hatte ich meinen Kredit, mit 24, ohne Sicherheiten."

Sie muss wieder lachen. Diese Fröhlichkeit konnte ihr auch das erste Jahr Selbstständigkeit nicht nehmen. Trotz der Schwierigkeiten. Die heute 26-Jährige kennt den morgendlichen Weg zum Briefkasten, aus dem die Rechnungen quellen.

Schlaflose Nächte

Sie kennt die Leute, die ihr wünschen, nur nicht Pleite zu gehen, und dann doch nie was kaufen. "Als Selbstständige hast du immer mal schlaflose Nächte", sagt sie. Es ist das einzige Mal, dass sie ein bisschen jammert.

Eine Kundin betritt das Geschäft. Schüchtern schaut sie sich um, bleibt in der Nähe der Eingangstür. "Hallo", ruft Daniela und bekommt nur eine leise Antwort. "Jetzt bloß nicht so tun, also ob ich sie beobachte", sagt sie und kramt beschäftigt in einem Stapel Papiere hinter der Kasse. Erst als die junge Kundin einen Stapel Jeans durchwühlt, mischt sich Daniela ein. "Kann ich helfen?", fragt sie und beginnt zu erzählen: von den Klamotten hier im Laden, von ihrer Lieblingsmarke und von den Ruhrpott-Designern, die es bei ihr zu kaufen gibt. Sie sagt, dass sie alles, was hier hängt, auch selbst anziehen würde. Und man glaubt ihr, dass sie es ernst meint.

Kaufen tut die junge Frau heute nichts, aber sie schaut interessiert. "Vielleicht kommt sie wieder", sagt Daniela Klein zufrieden und verbucht den Tag als einen der guten. b-r

 

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