Viele Menschen versuchen, sich auch im Alter noch möglichst fit zu halten. Das ist allerdings in gesundheitlicher Hinsicht gar nicht immer ohne Weiteres möglich. © picture alliance/dpa
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Was geht mit Mitte 70? „Das sind die besten Jahre des Lebens“

Mit 78 Jahren wird Joe Biden der nächste Präsident der USA. Noch nie zuvor war ein amerikanischer Präsident bei seinem Amtsantritt älter. Grund genug, mit drei seiner Altersgenossen zu sprechen.

„Können Politiker zu alt sein?“ fragte der WDR im Zusammenhang mit der US-Präsidentschaftswahl im November und die Frankfurter Allgemeine Zeitung spekulierte: „Ist Joe Biden mit 78 Jahren zu alt fürs Präsidentenamt?“ – das Alter des zukünftigen US-Präsidenten war immer wieder fester Bestandteil des amerikanischen Wahlkampfes. Nicht zuletzt, weil es vom noch amtierenden Präsidenten Donald Trump – seines Zeichens 74 Jahre alt – immer wieder zum Thema gemacht wurde.

Doch warum spielt das Alter grundsätzlich eine so wichtige Rolle und kann eine gewisse Lebenserfahrung nicht auch von Vorteil sein? Diese und weitere Fragen haben wir in einer Talkrunde mit Castrop-Rauxeler Persönlichkeiten diskutiert, die altersmäßig nicht weit von Joe Biden und Donald Trump entfernt sind.

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RN-Talkrunde: Was geht mit Mitte 70?

Wie in der momentanen Situation schon beinahe üblich, findet unsere Talkrunde virtuell statt. Nach und nach schalten sich unsere Gäste hinzu. Da sind zum einen die 77-jährige Marlies Graeber, ehemaliges CDU-Ratsmitglied und Berufsschullehrerin im Ruhestand und der 81-jährige Manfred Pietschmann, der lange Zeit Pressesprecher der Deutschen Bahn in Nordrhein-Westfalen war. Zum anderen klinkt sich mit Ulrich Viefhaus ein 76-jähriger Sportler in die Diskussion ein, der einst den TV Grün-Weiß Frohlinde gegründet hat und vor seinem Ruhestand als Fernmelderat bei der Telekom tätig war.

Ruhr Nachrichten: Zu Beginn vielleicht direkt erst einmal eine etwas selbstkritische Frage in die Runde. Wie ist es zu bewerten, dass das Thema Alter sowohl im US-Wahlkampf als auch jetzt in dieser Diskussion immer wieder hervorgeholt wird?

Manfred Pietschmann: Das Alter ist natürlich immer ein Kriterium. Bei einem Posten wie dem des Präsidenten natürlich ganz besonderes. Ich werde nächstes Jahr beispielsweise nicht mehr als Vorsitzender des Sauerländischen Gebirgsvereins auftreten, weil ich sage, da müssen junge Leute ran. Denn in meinem Alter kann es auch sein, dass einen irgendwann das Zeitliche segnet.

Manfred Pietschmann ist unter anderem auch Vorsitzender des Sauerländischen Gebirgsvereins in Castrop-Rauxel.
Manfred Pietschmann ist unter anderem auch Vorsitzender des Sauerländischen Gebirgsvereins in Castrop-Rauxel. © Privat © Privat

Marlies Graeber: Wir haben alle ein gewisses Berufsleben hinter uns und ich bin wie auch Herr Pietschmann der Meinung, dass vermehrt junge Leute ran müssten. Das Leben schreitet weiter, die Welt verändert sich und man bekommt im Alter so seine Malaisen. Wenn man dann einen Posten übernimmt, muss man schon bedenken, dass man ihn in den nächsten Jahren auch wahrnehmen kann. Und das kann man im Alter nicht immer garantieren. Das Alter ist aber trotzdem kein Kriterium, dass einen grundsätzlich von solchen Ämtern abhalten sollte.

Ulrich Viefhaus: In vielen Bereichen ist es so, dass die Überalterung ein großes Thema ist. Ich habe deshalb beispielsweise auch schon beim Westfälischen Tennisverband versucht, den Generationenwechsel im Vorstand voranzutreiben. Und auf dieser Ebene ist wirklich viel Potenzial, aber ich hätte mir gewünscht, dass man das große Interesse der jungen Leute einfach noch stärker fördert.

RN: Joe Biden bekommt morgens um halb 8 vermutlich schon die ersten Lageberichte auf den Tisch. Vielleicht darf ich etwas indiskret fragen: Wie sieht denn ihre Morgenroutine mittlerweile aus und hat sich etwas zum Berufsleben verändert?

Pietschmann: Bei mir hat sich überhaupt nichts verändert. Ich stehe um 6 Uhr auf und spätestens um 8 Uhr geht es auf die Piste. Mindestens eine Stunde Sport und dann bringe ich die Brötchen mit. Also insofern fängt das Leben morgens direkt mit der vollen Pulle an. Ich muss allerdings glücklicherweise nicht mehr mit dem Zug nach Düsseldorf.

Graeber: Da hat sich bei mir schon mehr verändert. Ich habe 46 Jahre in der Schule gestanden und das heißt, ich musste immer um halb 8 die müden Geister wecken. Heute drehe ich mich um 8 Uhr vielleicht noch einmal auf die Seite. Dafür schreibe ich aber manchmal auch um 2 Uhr nachts noch Mails.

Viefhaus: Ich stehe auch um 7 Uhr auf und trinke dann gemütlich meinen Kaffee und lese die Zeitung. Das kann auch mal eine Stunde dauern. Der Umstieg vom Job in den Ruhestand ist natürlich oft damit verbunden, dass sich die Leute dann vermehrt in Vereinen engagieren und da ich vor allem im Sport aktiv bin, ist das für mich mittlerweile schon fast ein Fulltime-Job.

Ulrich Viefhaus ist langjähriger Tennisspieler und Gründer des TC Grün-Weiß Frohlinde.
Ulrich Viefhaus ist langjähriger Tennisspieler und Gründer des TC Grün-Weiß Frohlinde. © Volker Engel © Volker Engel

RN: Frau Graeber, Sie haben in diesem Jahr nicht nochmal für den Stadtrat kandidiert, um Platz für Jüngere zu machen. Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem man einen solchen Posten nicht mehr vollständig ausfüllen kann?

Graeber: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin jetzt nicht ausgeschieden, weil mir das alles zu viel geworden wäre. Ich habe meine Tätigkeiten wirklich gerne gemacht, aber bin der Meinung, dass jetzt die junge Generation dran ist, etwas zu gestalten.

RN: Kann denn eine größere Lebenserfahrung in gewissen Bereichen möglicherweise auch von Vorteil sein?

Graeber: Die Erfahrungen, die man unter anderem in seinem Job sammelt, sind wichtig und gut. Ich habe immer versucht, möglichst viel mitzunehmen und hoffe, dass ich diesen Schwung dann auch in die Politik übertragen konnte. Ich denke schon, dass in meinem Fall der Umgang mit den Schülern dabei geholfen hat, selber jung zu bleiben.

Marlies Graeber war in der CDU vor allem im Bereich der Schulpolitik tätig.
Marlies Graeber war in der CDU vor allem im Bereich der Schulpolitik tätig. © Schlehenkamp © Schlehenkamp

RN: Herr Pietschmann, gibt es aus ihrer Sicht Dinge, die man mit Mitte 70 besser kann als mit Mitte 50?

Pietschmann: Also wenn ich zurückschaue, muss ich sagen, dass die 70er-Jahre die schönsten und besten meines Lebens waren. Das ist eine tolle Zeit. Ich war mit 72 mit meiner Frau noch im Himalaya. Danach ging es mit der Gesundheit zwischenzeitlich vielleicht ein bisschen bergab, aber jetzt warte ich nur darauf, dass wir endlich wieder wandern können.

RN: Dass das Wandern nicht in gewohnter Form stattfinden kann, hängt ja unweigerlich auch mit der Corona-Krise zusammen. Häufig sind auch gerade ältere Menschen von einer schweren Erkrankung betroffen. Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um?

Viefhaus: Die Einschränkungen haben den Sport ja schon sehr stark getroffen, aber mir persönlich fehlt vor allem der Kontakt zur Familie. Ein Großteil meiner Verwandtschaft wohnt im rheinischen Bereich und das ist dann schon schwierig. Das macht mich sehr nachdenklich und auch traurig. Aber ich hoffe, dass der verstärkte Lockdown jetzt Besserung bringt.

RN: Ab dem 27. Dezember soll in Deutschland mit dem Impfen begonnen werden. Wie stehen Sie dem gegenüber und werden Sie sich impfen lassen?

Graeber: Ich habe mich jetzt nochmal mit den Folgen und Auswirkungen der Impfung auseinandergesetzt und werde mich auf jeden Fall impfen lassen. Die Krise muss ja irgendwann enden und ohne diese Maßnahme wird es schwierig.

Pietschmann: Ich werde mich natürlich auch impfen lassen. Das bin ich, glaube ich, meinen Verwandten und Mitmenschen schuldig und bislang hat man von dem Impfstoff noch nichts Negatives gehört, deshalb würde ich sagen: Trauen wir uns.

RN: Erst sollte es für die Feiertage bestimmte Lockerungen geben, nun gelten allerdings auch an Weihnachten besondere Kontaktbeschränkungen. Deshalb abschließend noch die Frage: Wie sieht Weihnachten denn in diesem Jahr bei Ihnen aus?

Viefhaus: Wir werden Heiligabend im kleinen Kreis im Carport meines Sohnes feiern. Mit viel Abstand und an der frischen Luft. Und für mich als Kirchenvorstand ist es ja dann fast schon eine Verpflichtung, auch zur Messe zu gehen, wenn diese denn dann stattfinden kann.

Graeber: Eigentlich sind wir eine ziemlich große Familie, aber das werden wir natürlich begrenzen. Das ist man auch seinen Mitmenschen schuldig. Wir finden das sicherlich alle nicht schön, aber die Zeit macht das jetzt erforderlich und wir haben die Pflicht, Rücksicht zu nehmen.

Pietschmann: Man muss ja nicht alles ausreizen und obwohl wir auch eine große Familie sind, werden wir uns nicht alle auf einmal treffen und uns peu á peu besuchen.

Über den Autor
Redakteur
Vor einiger Zeit aus dem Osnabrücker Land nach Dortmund gezogen und seit 2019 bei Lensing Media. Für die Ruhr Nachrichten anfangs in Dortmund unterwegs und jetzt in der Sportredaktion Lünen tätig – mit dem Fußball als große Leidenschaft.
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Marius Paul

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