Was sind Helikopter-Eltern und woran erkennen wir, ob wir welche sind?

mlzFamilien-Psychologe

Helikopter-Eltern gibt es nach Wahrnehmung vieler Pädagogen heute mehr denn je. Das könnte mit einem gesteigerten Unsicherheitsempfinden zusammen hängen. Ein Experten-Ratgeber-Gespräch.

Castrop-Rauxel

, 26.12.2018, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Norbert Köring ist Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugend-Psychotherapeut und seit acht Jahren bei der Caritas-Erziehungsberatungsstelle in Castrop tätig. Wie erklärt er das Phänomen Helikopter-Eltern? Tobias Weckenbrock sprach mit ihm.

Herr Köring, warum spricht man vermehrt über das Problem mit Helikopter-Eltern? Was ist genau gemeint?

Bei diesem Phänomen ist die Balance dazwischen, Kindern Sicherheiten, aber auch Freiheiten zu geben, gestört. Der Schwerpunkt dieser Eltern liegt bei diesem Phänomen zu stark auf der Seite der Sicherheit.

Ist das denn falsch? Man will doch seine Kinder auch behütet aufwachsen lassen.

Stimmt, das Grundbedürfnis der Eltern ist ja ein positives, nämlich ihrem Kind Schutz zu geben. Zum Problem wird das aber, wenn es zu einseitig in die Richtung geht. Das liegt dann in der Erziehungsvorstellung der Eltern begründet, die das auch selbst gar nicht als Problem sehen, mit dem sie eine Beratungsstelle aufsuchen würden. Wenn wir Schulen oder Kitas beraten, dann kommt dieses Phänomen aber oft auf den Tisch. Da beraten wir die Einrichtungen fachlich.

Beratung

Hier kann man sich bei Problemen helfen lassen

Norbert Köring ist Kinder- und Jugend-Psychotherapeut bei der Caritas-Erziehungsberatungsstelle und in dieser Funktion seit acht Jahren in der Stadt tätig. Er ist 55 Jahre alt und hat selbst vier Kinder. Die Erziehungsberatungsstelle erreicht man unter Tel. (02305) 9235522 oder per E-Mail: erziehungsberatung@caritas-castrop-rauxel.de

Geben Sie uns ein Beispiel aus Ihrer Arbeit in Castrop-Rauxel für ein Kita-Problem?

Eine Mutter hatte Angst davor, dass ihr Kind von einer Zecke gebissen wird. Sie wollte den Erzieherinnen grundsätzlich verbieten, dass das Kind im Freien spielt.

Das ist für die Kita natürlich nicht darstellbar, würde ich vermuten. Und dass Kinder draußen spielen, ist wichtig.

Ja, aber dahinter steht eine Angst der Mutter. Die Kunst einer Beratung ist es dann, die Mutter nicht nur zu verurteilen, sondern dieser Angst auf den Grund zu gehen: Welche Not steckt dahinter? Warum ist die Erziehungsidee hier so einseitig auf den Schutz ausgelegt?

Aber genauso sind wir mit Eltern konfrontiert, bei denen der Schutzgedanke vernachlässigt wird. Kinder, die im Alter von zehn Jahren noch um 22 Uhr auf der Straße herumspringen dürfen; oder Eltern, die sich nicht darum kümmern, dass die Kinder ihre Schulmaterialien zusammen haben.

Gibt es auch ein Beispiel aus einer Grundschule?

Da gibt es Eltern, die auch nach einer Eingewöhnungsphase die Kinder bis zur Schultür, bis in den Klassenraum, bis auf den Platz begleiten und dann warten wollen, bis die Lehrerin da ist. Oder die ihre Kinder auf dem Schulweg begleiten. Aber ist der Weg wirklich zu weit, zu gefährlich? Oder hat es auch andere Gründe?

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Was sind die Auswirkungen auf Kinder?

Für die Kinder ist das problematisch, denn sie brauchen Entdeckungsräume. Die haben sie dann aber nicht. Eltern räumen viele Schwierigkeiten für sie aus dem Weg. Man baut aber erst Selbstbewusstsein auf, wenn einem jemand zutraut, etwas allein zu schaffen. Wer alle Konflikte von seinen Kindern fernhält, erhöht die Gefahr, dass das Konfliktverhalten des Kindes später nicht gut ist. Enge produziert Aggressionen. Kinder brauchen Freiraum. Denn Neugierde ist uns angeboren: Wir wollen die Welt entdecken. Die Möglichkeit müssen Kinder bekommen.

Der Begriff ist relativ neu, relativ en vogue. Wenn man mit Pädagogen, Lehrern, Erziehern spricht, dann erkennen sie oft den Trend dorthin in der täglichen Arbeit mit Eltern. Aber ist das Phänomen neu?

Überfürsorgliche Eltern gab es aber schon immer. Unser Klima ist zurzeit aber tendenziell mehr von Angst bestimmt – obwohl es uns eigentlich übermäßig gut geht, wenn man die Wohlstandsentwicklung betrachtet und den Fakt, dass in Deutschland schon lange Frieden herrscht.

Was macht man nun mit solchen Eltern?

Wir schauen auf die Hintergründe. Warum ist die Tendenz bei Mutter und Vater so einseitig auf Sicherheit ausgeprägt? Vielleicht brauchen sie mehr Erfüllung im Beruf oder in der Partnerschaft, die oft automatisch zu einem Ausgleich führen. Der Blick auf das Kind wäre dann nicht mehr der einzige.

Woran erkenne ich als Vater denn, dass ich mich da zu sehr in die Tendenz Helikopter bewege?

Das kann ich gut überprüfen, in dem ich mir am Ende eines Tages überlege: Was habe ich meinem Kind heute alles zugetraut? Wann hatte das Kind Freiräume, was konnte es selbst entdecken? Wenn ich mir dann zugestehe, dass nicht viel dabei war, dann wäre das ein Indikator. Es gibt die natürliche Schutzfunktion der Eltern, klar, aber ab der Geburt fängt das Loslassen an. Gerade in der Pubertät ist das für viele Eltern besonders schwierig. Das ist aber ihre Aufgabe: Wie schaffe ich es, die Entwicklung meines Kindes zuzulassen? Mehr Zutrauen und mehr Freiheiten schenken, das sollte die Tendenz sein. Klar ist, dass man auch mal aushalten muss, dass die Kinder Fehler machen und nicht alles so perfekt läuft, als hätte man es vorher bestimmt. Aus Fehlern aber lernt man meistens mehr.

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