Über 80-Jährige sollen zuerst geimpft werden. Was aber ist zu tun, wenn sich Großeltern nicht impfen lassen möchten? Das können Familien tun. © Archivbild
Coronavirus

Was sollen wir tun, wenn Opa keine Corona-Impfung will?

Die Impfe ist in aller Munde: Zuerst sollen die Alten geimpft werden. Was aber können Familien tun, wenn ihre Ältesten keine Impfung mehr wollen? Unsere Autorin Frederike Schneider erzählt.

Mein Opa ist 87 Jahre alt. Er gehört somit zur Corona-Risikogruppe und sollte damit als einer der Ersten geimpft werden. Soweit die Theorie. Praktisch sieht‘s aber anders aus: Opa will keine Impfe.

In vielen Familien wird darüber diskutiert, wie die (Groß-)Eltern an die Impfspritze gegen das Coronavirus kommen sollen. Besonders bei den über 80-Jährigen, die alleine wohnen, ist das eine zentrale Frage. Denn anders als ihre Altersgenossen in Altenheimen müssen sie oder ihre Verwandten sich selbst kümmern.

Die andere Meinung respektieren

Bei uns ist die Fragestellung ganz anders. Und ich bin ehrlich: Ich verstehe nicht, warum sich mein Großvater aus Dortmund nicht impfen lassen will. Für mich sprechen einfach mehr Gründe für eine Impfung als gegen sie.

Natürlich respektiere ich Opas Meinung. Ich werde – und kann – ihn auch nicht zum nächstbesten Impfzentrum zerren und zur Impfung zwingen. Mich beschleicht nur so ein Gefühl, dass wir Familien uns zu sehr darauf ausruhen, dass Opa seine eigene Meinung haben darf und für sich selbst entscheiden kann. Wo bleibt da die Debatte?

„Eine Diskussion bringt nichts“, sagen meine Verwandten. Ich solle Opa lieber in Ruhe lassen. Und ich gebe zu: Eine Diskussion ist auch schwierig. Opa ist nicht nur ein wenig stur, er hört auch nicht mehr so gut. Er möchte kein Hörgerät haben, beschwert sich aber, wir würden so leise sprechen.

Sicher, die Generation meines Opas hat viel Schlimmes erlebt: Krieg, Hunger, eiskalte Winter. „Wir haben schon so viel durchgemacht“, sagen 80-Jährige. Da gerät man doch nicht in Panik, wenn plötzlich ein Virus auftaucht. Da schockt Opa und Oma gar nichts mehr. Das kann ich auch nachvollziehen.

„Seniorengerecht“ die Situation erklären

Doch bin ich davon überzeugt, dass wir unseren ältesten Familienmitgliedern dennoch erklären sollten, warum diese Impfung gerade jetzt so wichtig ist. Wir sollen es wenigstens probieren.

Ich erkläre einem Kind ja auch, warum es wichtig ist, schwimmen zu lernen. Das macht besonders am Anfang keinen Spaß, ist anstrengend und braucht Training. Im Nachhinein ist jedes Kind aber froh, wenn es nicht untergeht.

„Oma und Opa wir vermissen euch“ steht auf einer Straße mit Kreide geschrieben. Durch deutlich härtere Corona-Einschränkungen haben viele Enkelkinder ihre Großeltern nicht mehr besucht, die im Heim leben.
„Oma und Opa wir vermissen euch“ steht auf einer Straße mit Kreide geschrieben. Durch deutlich härtere Corona-Einschränkungen haben viele Enkelkinder ihre Großeltern nicht mehr besucht, die im Heim leben. © dpa (Symbolbild) © dpa (Symbolbild)

Genauso sollten wir unseren Opas und Omas erklären, welche Argumente für die Impfung sprechen. Wenn mein Opa wirklich Covid-krank werden sollte, was wir nicht hoffen, wird er sicher ins Krankenhaus kommen. Er belegt dann ein Bett, das für andere Covid-19-Patienten für einen längeren Zeitraum nicht verfügbar ist. Das würde vielleicht nicht passieren, würde er die Impfe bekommen.

Wir alle sind ein Teil einer Gesellschaft. Wir sollten Verantwortung übernehmen. Auch die über 80-Jährigen, die dem Ende ihres Lebens verhältnismäßig nahe stehen.

Wenn unsere Großeltern das nötige Wissen haben, um den Ernst der Lage zu verstehen, müssen wir abklopfen, wie wir helfen können. Ist der organisatorische Aufwand ein Hindernis? In NRW sollen Menschen über 80 Jahren per Brief informiert werden.

Wie soll mein Opa online allein einen Impf-Termin ausmachen? Wie am Telefon über die zentrale Telefonnummer 116 117, wenn das Telefonieren mit ihm schwierig ist? Klar ist das eine große Hürde. Aber Opa hat eine Familie, die ihm helfen würde. Ich würde ihn auch zum Impfzentrum bringen. Da ist er vielleicht in einer privilegierten Situation.

Vielleicht braucht Opa Vorbilder

Ich habe noch nicht persönlich mit meinem Großvater über das Thema Impfen gesprochen. Meine Familie, von denen ein paar Mitglieder im Krankenhaus arbeiten, ist sehr vorsichtig, dass er sich nicht ansteckt. Ich nehme mir aber fest vor, dass ich ihn in Kürze treffe, um mit ihm darüber zu sprechen.

Vielleicht lese ich ihm diesen Text vor und spreche einen kleinen Appell aus. Meine Oma, die schon verstorben ist, hätte das sicher so gewollt. Wenn mein Großvater nach dem Gespräch immer noch nicht will, ist das okay für mich. Dann habe ich es wenigstens versucht.

Vielleicht hat mein Großvater auch einfach nur Angst. Vielleicht braucht er Vorbilder. Vorbilder wie Gertrud. Die weißhaarige Berlinerin ließ sich Ende Dezember als eine der Ersten in Deutschland impfen. Sie ist 101 Jahre alt.

Mein letztes Mittel

Wenn diese Dame meinen Opa nicht überzeugen kann, bleibt mir nur eins: Ich werde ihn fragen, ob ich ihn weiterhin besuchen kommen soll. Das wird er sicher bejahen.

Ich werde entgegnen, dass ich ihn nicht besuchen kann, solange er nicht geimpft ist. Oder ich. Das wäre nur konsequent. Dann bekäme er erstmal nur noch die üblichen Briefe von mir.

Dabei würde ich mich eigentlich freuen, mit ihm mal wieder eine Partie Dame mit zu spielen. Ich würde ihn auch gewinnen lassen. Opa, ich finde: Geimpfte sind echte Gewinnertypen!

Über die Autorin
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Freddy Schneider, Jahrgang 1993, Dortmunderin. Gelernte Medienkauffrau Digital/Print und Redakteurin. Seit 2012 arbeitet sie bei den Ruhr Nachrichten.
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Frederike Schneider

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