Ein Brauchtumsverein muss sich stets neu erfinden, um zu bleiben. Die jüngere Geschichte des ABSV Henrichenburg erzählt viel davon. Frauen? Unter-30-Jährige? Heute sind das zentrale Fragen.

Henrichenburg

, 24.07.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Aufbruchsstimmung herrschte im Saal der Gaststätte Wartburg, wo heute das Riad ist. Es war Samstag, 13. Dezember 1969. 50 Jahre ist das her nach dem erfolgreichen und gut besuchten Schützenfest 2019. „Wir brauchen wieder einen Schützenverein, da waren wir uns einig“, erklärt Manfred Vogel.

Der 76-Jährige ist einer der „69er“, einer der Wiedergründungsmitglieder des Allgemeinen Bürgerschützenverein (ABSV) 1747 Henrichenburg. „Die Leute wollten nicht nur reden, die wollten den Verein an diesem Abend wiederbeleben“, erinnert sich Vogel an jenem Samstagabend.

„Wegen der Dringlichkeit wird um pünktliches und vollzähliges Erscheinen gebeten“, hieß es damals in der Einladung, die Schützenbruder Heinrich Olfmann aufbewahrt hat. Henrich Hengst hatte den Anstoß zur ersten Planungsveranstaltung im Juli 1969 gegeben. Noch vor Jahreswechsel sollte die Wiedergründung unter Dach und Fach sein.

Vorsitzender nach der Wiedergründung wurde Karl-Heinz Winkelmann. Sein Stellvertreter war August Hennemann. Das ist der Großvater des nun amtierenden Kaisers Hubert Hennemann. In drei Kneipen hatten zuvor Listen ausgelegen. Dort sollten sich Schützen eintragen. 128 Einträge zählt Olfmann in den Originallisten. Er konnte damals nicht dabei sein. „Ich stand ja in unserer Kneipe am Tresen.“ Haus Olfmann wurde Stammlokal der 3. Kompanie.

Die Geschichte eines Vereins stellt ihn immer wieder vor Herausforderungen. Fünf Fragen, um die sich heutige Entwicklungen drehen, und ein Fazit daraus.

(1) Warum brachte Neustart drei Kompanien mit sich?

Aufgrund des großen Interesses konnte der frisch wieder gegründete ABSV Henrichenburg direkt mit drei Kompanien durchstarten. Über die vormalige Bataillonsstärke und Unterteilung in Kompanien ist nicht allzu viel überliefert. Fest steht aber: Die Flagge von 1747 ist das älteste Zeugnis des ABSV Henrichenburg.

Diese Fahne befindet sich heute im Heimatmuseum der Stadt Waltrop. Denn 1969 stand die Gemeinde Henrichenburg noch unter Waltroper Verwaltung. Zuletzt öffentlich präsentiert wurde die historische Fahne 2013. Henrichenburg feierte damals ein 750-jähriges Bestehen.

Seit 1969 ist das ABSV-Bataillon in drei Kompanien organisiert. Die 1. Kompanie, die sogenannte Dorfkompanie, ist die kleinste. Die 2. Kompanie umfasst den Bereich Borghagen. Die 3. Kompanie sitzt seit 50 Jahren in Becklem. Kompanieführer wurde der junge Josef Berkel, der damals noch die Agrarfachschule in Herford besuchte.

Im Rückblick auf 50 Jahre sagt Berkel: „Durch die Schützen ist hier eine Gemeinschaft entstanden. Hier kennt man sich, hier hilft man sich. Alle zwei Jahre kommt man zum Feiern zusammen. Wer sich gestritten hat, verträgt sich auf dem Fest wieder.“

Der Verein ist aber nicht in den 1970er-Jahren stehen geblieben. Wie der Stadtteil selbst, haben sich die Schützen verändert. „Klar, es ist moderner geworden“, sagt Berkel, „auch ein Brauchtumsverein muss mit der Zeit gehen.“

(2) Sind Frauen ein Teil der Schützen-Zukunft?

So sind die mitmarschierenden ABSV-Damen bei Schützenfest und Ausmärschen inzwischen nicht mehr wegzudenken. Der Verein verschloss sich zwar nie gegenüber weiblichen Mitgliedern, aber das anfänglich stürmische Interesse 1969 sei dann schnell wieder abgeflaut, erinnern sich Zeitzeugen.

So brauchte es mehrere Anläufe, bis sich Frauen beim Schützenumzug etablierten. Marianne Rösler hatte um die Jahrtausendwende herum schon mal einen Versuch gestartet. Passend zu den Schützenuniformen gekleidet, marschierte sie mit. Doch nur wenige ABSV-Damen folgten damals ihrem Beispiel. Das Interesse verlief sich.

2010 dann der zweite Versuch. Marianne Rösler fand in Michaela Sandhofe eine Mitstreiterin. Anja Volbach gesellte nach ihrer Zeit als Königin dazu. Ermutigung und Unterstützung kamen vom damaligen Vorsitzenden Werner Wiesmann.

„Wer sich gestritten hat, verträgt sich auf dem Fest wieder“: Fünf Facetten des neuen ABSV

Sarah Sander engagiert sich bei den ABSV-Damen, Jonas Ehm bei den Jungschützen. Der 22-Jährige ist vor sechs Jahren dem Schützenverein seines Stadtteils beigetreten. © Christian Püls

Weitere Frauen schlossen sich an, wie Sarah Sander. Die 32-Jährige ist seit 2012 dabei, folgte damals Michaela Sandhofe in den Verein. „Wir sind uns einig, das war eine der besten Entscheidungen, die wir getroffen haben“, sagt Sarah Sander.

(3) Sollten Frauen auf den Vogel schießen?

Inzwischen sind die ABSV-Damen in ihren Dirndln fester Bestandteil bei Schützenfesten und Ausmärschen. 20 Schützinnen treten dann an. Und sie legen auch an - auf den Vogel, ganz selbstverständlich.

In anderen Schützenvereinen der Region wäre das offenbar kaum vorstellbar. Manche würden lieber den Vogel abbauen, bevor eine Frau darauf schießt, wird gemunkelt. „Ich kann das nicht nachvollziehen, warum Frauen woanders ausgegrenzt werden“, sagt Sarah Sander, „im Hintergrund helfen sie sowieso kräftig mit, dann sollten sie auch Mitglied sein dürfen.“

„Wer sich gestritten hat, verträgt sich auf dem Fest wieder“: Fünf Facetten des neuen ABSV

Über die Kanalbrücke an der Lambertstraße zogen die Schützen ins Dorf. Dabei herrschte eine klare Ordnung: Voraus der Thron, gefolgt von den ABSV-Damen. Dann kamen die Grünröcke, die am Montag ihren neuen König ausschießen werden. © Christian Püls

Jonas Ehm von den Jungschützen pflichtet ihr bei, findet es unsinnig, nach Geschlechtern zu unterscheiden. „Ich habe mehr Spaß, wenn meine Freundin dabei ist“, sagt der 22-Jährige, „so ein gemeinsames Hobby stützt ja auch die Beziehung.“

(4) Ist der Schützenverein für junge Leute sexy?

Aber was bringt jemanden unter 30 Jahren eigentlich dazu, zu den Schützen zu gehen? „Mich begeistert die Gemeinschaft, die man dort erlebt“, sagt Jonas Ehm, „die erlebt man dort sogar stärker als in einer Sportmannschaft.“ Michaela Sandhofe ist jetzt 37 Jahre alt und seit 2010 im ABSV. „Ich wollte damals ein paar neue Leute kennen lernen“, erinnert sie sich, „mir war die Gemeinschaft wichtig.“ Und Sarah Sander erklärt: „Wir haben so viele tolle Leute unterschiedlichen Alters kennengelernt, zu denen sonst nie Kontakt entstanden wäre. Uns wären viele tolle und lustige Momente entgangen ohne den ABSV.“

Auf Michaela Sandhofe, die bei Vereinseintritt noch Radke hieß, hinterließ eine neue Bekanntschaft offenbar nachhaltigen Eindruck: Frank Sandhofe ist Fahnenoffizier beim BSV Oberwiese. Dort gehört das Ehepaar der Throngemeinschaft um Königspaar David Fiolka und Inga Gelesch an. Dass die Sandhofes inzwischen Mitglieder in zwei Schützenvereinen sind, war somit wohl die unausweichliche Folge. „Einen Mann kennenzulernen, war damals aber nicht der Hintergrund, dem Schützenverein beizutreten“, betont Michaela Sandhofe. Die feste Gemeinschaft und die Tradition gefiel ihr aber von Anfang an bei den Schützen.

„Wer sich gestritten hat, verträgt sich auf dem Fest wieder“: Fünf Facetten des neuen ABSV

Treffen der Generationen: Ex-König Dennis Pieper (3. v. l.) und Ann-Kathrin Ehm (links) mit Josef Berkel (2. v. l.) und weiteren „1969ern“, Mitgliedern aus dem Wiedergründungsjahr. © Christian Püls

(5) Warum gibt es beim ABSV Jungschützen?

Relativ neu in der langen Henrichenburger Schützentradition sind die Jungschützen. Seit vier Jahren gibt es diese Kompanie-übergreifende Jugendabteilung, die inzwischen 43 Mitglieder umfasst. Dennis Pieper, mit 26 Jahren jüngster Ex-König der Vereinsgeschichte (2017 bis 2019), „hat da noch einen Schub gegeben“, so Jonas Ehm, „nicht unbedingt von der Quantität, aber die Leidenschaft für die Sache ist stark gestiegen.“

Dabei sei „die Sache“ natürlich erst mal das vordergründige Ziel: gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen, erläutert Jonas Ehm. Aber auch, sich als Gemeinschaft sozial engagieren zu können. Beispielsweise brachten die Jungschützen frischen Sand in die Sandkästen des St.-Lambertus-Kindergartens.

Seit rund sechs Jahren ist Jonas Ehm nun dabei. Er gehörte mit Jessica Berning zur Throngemeinschaft von Ex-König Dennis Pieper. Den Verein zu repräsentieren sei zwar eine große Verantwortung, „aber die Angst ist weg“, so der 22-Jährige.

Das ist der Schützen oberstes Gesetz

Seit der Wiedergründung 1969 vereint der ABSV Generationen, die trotz aller Traditionen und Brauchtümer, das Wesen ihrer Gemeinschaft weiter entwickelt haben. Eines sei aber über 50 Jahre geblieben, merkt Josef Berkel an: „Bei den Schützen sind alle gleich, unabhängig vom gesellschaftlichen Stand.“

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