Wie Willi Neuhaus und seine drei Kumpels 1955 zum Erbfeind nach Frankreich aufbrachen

mlzPioniere der Freundschaft

Seine Kumpels von einst sind längst tot, doch die guten Erinnerungen von Willi Neuhaus an die Reise mit ihnen nach Frankreich leben bis heute fort. Es war eine Reise von Pionieren.

von Michael Fritsch

Castrop-Rauxel

, 01.08.2019, 18:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Auch über 60 Jahre nach seiner ersten „Tour de France“ im Juni 1955 hat der Castroper Willi Neuhaus noch zahlreiche Details dieser unvergesslichen zwei Wochen parat. Der 85-Jährige gehörte in den 50er-Jahren zu jenen jungen Männern aus unserer Stadt, die lange vor der offiziellen politischen Aussöhnung, dem von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1963 besiegelten Elysee-Vertrag, ihren persönlichen Beitrag zur Völkerverständigung mit dem Nachbarn geleistet haben.

Pfadfinder aus der Nähe von Paris waren zu Gast

Der Impuls, nach dem Zweiten Weltkrieg die seit Generationen beschworene unselige „Erbfeindschaft“ zwischen den Nachbarvölkern zu beenden, kam seinerzeit für Neuhaus und seine Freunde aus Frankreich. „Eine junge Pfadfindertruppe aus der Nähe von Paris besuchte uns zu Hause und lud uns zu sich nach Hause ein“, erinnert sich Neuhaus zurück. Ein Foto vor der Haustür des längst abgerissenen elterlichen Hauses auf dem Gelände des heutigen Parkplatzes an der Schillerstraße mit Mutter Josefine und Schwester Marlies dokumentieren diese Begegnung.

Wie Willi Neuhaus und seine drei Kumpels 1955 zum Erbfeind nach Frankreich aufbrachen

Wie alles begann: Französische Pfadfinder beim Besuch des ehemaligen Neuhaus-Hauses mit Neuhaus‘ Mutter Josefine und Schwester Marlies in der Schillerstraße 5. Links im Hintergrund Blick auf die Widumer Straße. © Willi Neuhaus

Die Pfadfinderbewegung spielte nach dem Krieg eine ganz entscheidende Rolle bei der Annäherung zwischen Deutschen und Franzosen. Auf französischer Seite war Louis Faurobert (1908 bis 1999) eine der treibenden Kräfte. Er war es, der bereits Ende der vierziger Jahre im Mont-Blanc-Massiv auf 1600 Metern Höhe in dem Örtchen Doran bei Sallanches den Bau einer Kapelle initiierte, die er „Notre-Dame de la Paix du Monde“ nannte. Also explizit als Gegenentwurf zum Krieg der Gottesmutter als Hüterin des Weltfriedens widmete.

Mitarbeit beim Bau einer Kapelle

Das Gotteshaus entstand in den Jahren 1950 bis 1957 unter maßgeblicher Beteiligung auch aus Castrop-Rauxel. Impulsgeber hier war der damalige Stadtjugendpfleger Hans Spranke, dessen Credo nach Krieg und Gefangenschaft lautete: „Frankreich und Deutschland dürfen nie wieder gegeneinander Krieg führen.“

Wie Willi Neuhaus und seine drei Kumpels 1955 zum Erbfeind nach Frankreich aufbrachen

Der schwarze Käfer vor der Kathedrale Saint-Julien de Mans. © Willi Neuhaus

Bereits 1952 fuhr eine erste Gruppe, unter anderem mit Hans Grimmenstein und Heinrich Blumenroth, nach Doran. 1953 folgte eine zweite, unter anderem mit Heinrich Schülken. Die jungen Männer, zumeist um die zwanzig, haben diese Begegnungen ihr Leben und Denken nachhaltig beeinflusst, wie Heinrich Schülken berichtet.

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Ein gut erhaltenes Dokument: Der damalige Reisepass von Willi Neuhaus weist die Ausreise aus Deutschland, die Durchreise durch Belgien und die Einreise nach Frankreich für den 17. Juni 1955 aus, am 30. Juni erfolgte die Rückkehr. © Willi Neuhaus

Die persönliche Einladung, die Willi Neuhaus kurz nach diesen Arbeitseinsätzen von den jungen Franzosen aus Paris erhielt, blieb nicht lange unbeantwortet. Rasch fand sich mit Franz Jansen, Willi Vierhaus und Herbert Hunold ein Quartett, das sich bereits bestens vom Fußball bei der DJK Wacker Obercastrop kannte. Was dem Projekt zugute kam: Herbert Hunolds Vater besaß bereits einen neuen schick-schwarzen VW-Käfer mit der legendären Brezelheckscheibe, so dass die „Viererbande“ mobil war. Zudem waren somit zwei Schlafplätze gesichert.

Ohne ein einziges Wort Französisch

Und so kam es, dass vier junge Männer in damals schwer modischen Knickerbockern ohne ein Wort französisch zu sprechen in eine unbekannte Welt aufbrachen. „Abwechselnd pennten immer jeweils zwei im Auto und zwei in einem alten Wehrmachtszelt, denn teure Unterkünfte konnten wir uns natürlich nicht leisten“, so der gelernte Karosseriebauer Neuhaus. Sein längst abgelaufener Reisepass dokumentiert die Grenzüberfahrten nach Belgien und Frankreich: Es war der 17. Juni 1955.

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Neben der Tribüne der Rennstrecke von Le Mans erinnerten im Juni 1955 zahlreiche Kränze an die 84 Todesopfers des Unfalls vom 11. Juni. Es ist bis heute die größte Katastrophe in der Geschichte des Autorennsports. © Willi Neuhaus

Da Spranke zuvor von der Reise gehört hatte, erhielt die Mission des Castrop-Rauxeler Quartetts sogar einen offiziellen Auftrag: Übergabe eines verschlossenen Din-A-4-Umschlages an Patres in Le Mans. „Was drin war, haben wir nie erfahren, aber ich vermute Bargeld zur Unterstützung eines Neubaus einer Kirche oder eines Jugendheims“, so Neuhaus.

Als Paris vor ihnen auftauchte, verließ sie der Mut

Als Paris am Horizont auftauchte, verließ die Vier zunächst der Mut, und man beschloss, auf einem Waldweg zu übernachten. „Morgens sind wir dann alle in einen Friseursalon gegangen, um uns schick machen zu lassen“, berichtete Neuhaus weiter. Doch weil es keine echte Verständigung gab, habe man auf die Fragen des Friseurs immer nur mit „Oui“ geantwortet. „Am Ende hatten wir alle Kurzhaarschnitte mit viel Pomade im Haar, das war natürlich nicht das, was wir eigentlich gewollt hatten“, so die ernüchternde Bilanz.

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Über den Dächern von Paris auf dem Triumphbogen v. l.: Franz Jansen, Willi Vierhaus, Willi Neuhaus und Herbert Hunold. Vorne einer der französischen Pfadfinder. © Willi Neuhaus

Doch anschließend verlief alles glatt. Die vier Helden in Knickerbockern eroberten Paris, die Fotos vom Dach des Triumphbogens und einer Seine-Rundfahrt zeigen gut gelaunte junge Kerle. Auch in Le Mans fand die Geldübergabe wie geplant statt. In der dem Autorennsport seit fast hundert Jahren verbundenen Stadt, die seit über 1000 Jahren wegen des Heiligen Bischofs Liborius eng mit der Stadt und dem Erzbistum Paderborn verbunden ist, hatte sich kurz zuvor die bis heute größte Katastrophe des Autorennsports ereignet. Das dort aufgenommene Foto zeigt zahlreiche Kränze, die zum Gedenken an die 84 Todesopfer am Ende des 24-Stundenrennens vom 11. Juni 1955, aufgehängt worden waren.

„Überall freundlich aufgenommen“

In einer großen Schleife ging es anschließen über Biarritz, die Pyrenäen und natürlich Doran wieder zurück ins heimische Castrop-Rauxel. Ausländerfeindliche Erfahrungen im Hinblick auf den erste zehn Jahre zurück liegenden Krieg, so Neuhaus, habe er nirgendwo gemacht.

Wie Willi Neuhaus und seine drei Kumpels 1955 zum Erbfeind nach Frankreich aufbrachen

Willi Neuhaus im Sommer vor der Kulisse seines Gartens in der Glückaufstraße. © Michael Fritsch

„Ganz im Gegenteil: Wir sind überall freundlich aufgenommen worden und ein Fischer in Biarritz hat mich sogar beim Muschelfang mitgenommen“, erinnert sich Neuhaus zurück. Das gelte, so Neuhaus weiter, im Übrigen auch für alle Auslandsreisen, die er in den Jahrzehnten danach mit seiner Familie unternommen habe.

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Beim Besuch und der Geldübergabe bei den Patres in Le Mans. © Willi Neuhaus

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