Zum Beruf des Erziehers gehören Herzblut und Idealismus - viele Stellen, wenige Bewerber

mlzErziehermangel

Früher war es wichtig, dass Kinder eine Bastelarbeit mitbringen. Heute haben Erzieherinnen einen Bildungsauftrag. Warum das schön ist und warum es schwieriger wird, Fachkräfte zu finden.

Ickern

, 23.02.2019, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Nicole Kulms sitzt mit ihrer Gruppe des Familienzentrums Lummerland im Morgenkreis. Sie begrüßt jedes Kind mit Namen und sagt „Guten Morgen“. Die Kinder wissen das zu schätzen: „Guten Morgen, wunderschöne Nicole“, säuselt Lynn mit einem schelmischen Grinsen. Nicole Kulms strahlt. Genau deswegen mache sie den Job, erklärt die 37-Jährige. Sie erlebe jeden Tag etwas Neues, die Kinder seien unvoreingenommen und authentisch.

Die Tür geht auf und Tylor kommt mit seiner Mama rein. Er zögert kurz und kuschelt sich dann bei Erzieherin Heike Möller-Ishorst auf den Schoß. Er kommt direkt vom Kinderarzt, der sein Okay für den Kita-Besuch gegeben hat. „Das Fieber ist weg, er ist aber noch etwas anhänglich“, erklärt die Mutter, bevor sie verschwindet.

Krankheitswelle rollte durch das Land

Die Krankheitswelle rollt Anfang des Jahres durch die Einrichtungen des ganzen Landes. Grippe, Magen-Darm, Läuse: Das Immunsystem der Kinder ist noch nicht stark genug, um das alles abzuwehren. Und die Erzieherinnen stecken sich an. In anderen Städten mussten Kitas bereits einige Gruppen oder die ganze Einrichtung schließen, weil nicht nur die Kinder, sondern eben auch die Fachkräfte betroffen sind.

Auch im Familienzentrum Lummerland und in der Kita Mikado auf Schwerin mussten Ende vergangenen Jahres Notgruppen eingerichtet werden. Claudia Wimber, Leiterin des Castrop-Rauxeler Jugendamts: „Einrichtungen schließen mussten wir noch nie, wir haben aber die Eltern mal gebeten, ihre Kinder für ein oder zwei Tage zu Hause zu betreuen, wenn es geht.“ Solange alle Fachkräfte im Einsatz sind, sei alles gut, so Wimber. Aber sobald irgendetwas passiert, sei das vom Kinder- und Bildungsgesetz (Kibitz) nicht abgedeckt. Springer für Engpässe seien beispielsweise nicht vorgesehen.

Schlüssel: eine Erzieherin für 9,3 Kinder

Der Personalschlüssel laut Ländermonitor der Bertelsmannstiftung beträgt im Kreis Recklinghausen im U3-Bereich eine Erzieherin für 3,7 Kinder, im Ü3-Bereich eine Erzieherin für 9,3 Kinder.

Der Laden läuft immer, die Frage ist manchmal nur wie.

Nicole Kulms, Erzieherin

Kranke Kinder, kranke Erzieher, hohe Arbeitsanforderungen, dünne Personaldecke, schlechte Bezahlung: Das alles macht den Erzieher-Beruf nicht unbedingt attraktiv. Wer Nicole Kulms erlebt, sieht aber auch die andere Seite. Gemeinsam mit den Kindern singt sie ein Geburtstagsständchen für ihre Kollegin, dann setzen sich alle an die kleinen runden Tische und frühstücken.

„Die meisten Kinder haben einen eingebauten Schalter“, erklärt Kulms. Sie würden sich gut benehmen. Wenn sich alle so verhalten würden, wie sie es zu Hause tun, sei die Arbeit nicht zu schaffen. So geht aber alles seiner geregelten Wege. Kita-Kind Nele erklärt, dass sie Pipi muss, Luca und Lennox packen die Holzeisenbahn aus. Kulms: „Der Laden läuft immer, die Frage ist manchmal nur wie.“

Anforderungen hätten sich extrem verändert

Die Anforderungen hätten sich extrem verändert. Früher hätten die Eltern ihre Kinder um 12 Uhr abgeholt und sich gefreut, wenn eine Bastelarbeit mitgebracht wurde. „Wir sind jetzt Bildungseinrichtungen“, erklärt Claudia Wimber, und das bestätigt Nicole Kulms, die seit 17 Jahren im Job ist. Die Betreuungszeiten seien ausgeweitet, die Eltern wollen eine lückenlose Dokumentation über die Entwicklung ihrer Kinder, die Kitas müssen mit Logopäden und Ergotherapeuten zusammenarbeiten, es muss gewickelt und getröstet werden.

Bei Kita-Kind Lara hängt die Strumpfhose in den Kniekehlen, sie braucht Hilfe. Nicole Kulms nimmt es nicht nur gelassen, sondern mit Freude: Sie packt die Strumpfhose am Bündchen und zieht sie mitsamt dem Mädchen hoch, bis die Füße über dem Boden schweben und die Hose unter den Achseln klemmt.

Das muss sich ändern

„Ich selbst fand Kindergärten früher streng, es herrschte einfach ein anderer Schlag. Das wollte ich anders machen“, erklärt Kulms. Aber auch ihre Nerven sind endlich. Die Lautstärke mache ihr besonders im Winter zu schaffen. Was sich ihrer Meinung nach ändern müsste?

  • Die Gruppen müssten kleiner sein - 16 Kinder wäre ideal. In ihrer „Frau-Mahlzahn-Gruppe“ sind es 21 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren.
  • Teilzeit müsste mehr anerkannt werden
  • Mehr Weiterbildung wäre schön, schließlich ändern sich die Anforderungen stetig
  • Mehr Männer in der Einrichtung wäre gut für das Team und für die Kinder. Doch das Rollenbild ist in diesem Bereich noch sehr verfestigt: Kinder erziehen, das machen die Frauen. Oft wird auch das Gehalts-Argument gebracht: Das Einstiegsgehalt liegt bei 2580 Euro brutto, vielen ist das zu wenig.
  • Aufstiegschancen gibt es nur bedingt - man kann die Leitung einer Einrichtung übernehmen. Das hat Frank Strümpel im Familienzentrum Lummerland getan. Er findet: „Wir legen hier den Grundstein. Wenn es hier gut klappt, läuft es auch in der Schule. Das wird oft nicht anerkannt.“

Wie können diese Wünsche erfüllt werden? Einen Anfang macht das Gute-Kita-Gesetz, das am 1. Januar in Kraft getreten ist. Bis 2022 fließen 5,5 Milliarden Euro vom Bund an die Länder. Mit dem Geld können zum Beispiel längere Öffnungszeiten oder zusätzliche Erzieher finanziert werden. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen, fragt sich Claudia Wimber. Aktuell seien bei den städtischen Einrichtungen alle Stellen besetzt. Für die Caritas-Kita am Meisenweg und die Kindertageseinrichtung am Stadtmittelpunkt, betrieben von der Evangelischen Krankenhausgemeinschaft, laufen die Bewerbungsverfahren.

Es gibt immer weniger Bewerbungen auf offene Stellen.

Claudia Wimber, Jugendamtsleiterin der Stadt Castrop-Rauxel

Claudia Wimber weiß: „Es gibt immer weniger Bewerbungen auf offene Stellen.“ Fachkräftemangel nennt man das. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Wimber: Oft wird mehr gebaut, als Erzieherinnen auf dem Markt sind.“ Das liegt zunächst mal an dem Rechtsanspruch auf Betreuung - ohne Einrichtungen ist der nur schwer zu erfüllen. Sind die Einrichtungen eröffnet, wünschen Eltern sowohl U3-Betreuung als auch lange Öffnungszeiten, um die Betreuung der Kinder mit ihrem Beruf zu vereinen. Das fordert wiederum mehr Erzieherinnen.
  • Das Berufsbild ist nicht nur positiv besetzt, zumal die Aspiranten in der dreijährigen Ausbildung kein Geld verdienen - erst im Anerkennungsjahr. Nicole Kulms hatte während ihrer Ausbildung verschiedene Nebenjobs, um über die Runden zu kommen, und hat bei ihren Eltern gewohnt. Ein Quereinstieg ist fast unmöglich. Zudem sind die Anforderungen extrem gestiegen.
  • Wimber: „Gute Kräfte werden sofort übernommen.“ Die landen also gar nicht bei ihr auf dem Tisch. Die Referenzen der Bewerber, die es sonst gibt, seien nicht gerade herausragend.

Diese Probleme hat nicht nur die Stadt, sondern auch andere Träger wie Diakonie und AWO. Laut Wimber gebe es auch eine gewissen Konkurrenz zwischen den Trägern. Die Bewerber suchen sich schließlich aus, wo sie arbeiten möchten. Da geht es nicht nur um die Einrichtung selbst, sondern auch um Themen wie zeitige Entfristung und Arbeitsbedingungen. Wimber: „Wir müssen einen guten Personalentwicklungsplan vorlegen.“ Man müsse Ausbildungsbetrieb werden, die Azubis begleiten, qualifizieren und binden. Die Stadt strebe dafür eine Kooperation mit dem Berufskolleg an.

Bei Nicole Kulms blitzen die strahlenden Augen

Zurück ins Familienzentrum Lummerland: Die Kinder haben sich aufgeteilt, einige basteln, andere bauen weiter mit der Eisenbahn, manche spielen ein Rollenspiel, eine kleine Gruppe hat sich auf den Flur zurückgezogen, um in Ruhe zu spielen. „Manchmal bin ich morgens wirklich nicht gut drauf“, erklärt Kulms, die selbst Mutter eines vierjährigen Sohns ist. „Aber wenn ich dann in die Gruppe komme, vergesse ich das ganz schnell.“ Claudia Wimber findet, zum Beruf des Erziehers brauche man eine Portion Herzblut und Idealismus. Bei Nicole Kulms blitzen diese Eigenschaften schon aus den strahlenden Augen.

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