Zwei Frauen erzählen, wie es ihnen im Frauenhaus und danach ergangen ist

mlzJahresempfang des Frauenhauses

Es geht ans Eingemachte. Das tut auch nach Jahren noch weh. Zwei Frauen erzählen, wie es ihnen beim Einzug und nach dem Auszug aus dem Frauenhaus ergangen ist. Es gibt viel Beifall.

Castrop-Rauxel

, 01.02.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der kommt von Herzen beim zweiten Jahresempfang des Frauenhauses und seines Trägervereins Frauen helfen Frauen im Café Residenz. Der Applaus ist auch als Mutmacher gemeint. Die eine weint um ihren Sohn (11), den sie nicht sehen darf, die andere sagt: Man muss den Hintern hochkriegen. Katrin Lasser-Moryson, die Frauenhaus-Chefin, die beide Frauen interviewt, bedankt sich für die Bereitschaft und das Vertrauen der Frauen, aus ihrem Leben zu erzählen und sich vor Fremden zu öffnen.

Unter den Gästen sind zwei Fraktionsspitzen aus dem Stadtrat, die Sozialdezernentin der Stadt, die Gleichstellungsbeauftragte, Vereinsmitglieder und viele Unterstützerinnen und Unterstützer. Der Kontakt der beiden Frauen zum Frauenhaus selbst und seinem Team hat auch zehn Jahre nach dem Auszug Bestand. „In Castrop-Rauxel begegnet man sich halt immer wieder“, sagt Lasser-Moryson - nicht bloß bei den Ehemaligen-Treffen im Schutzraum Frauenhaus.

Die Ehe mit ihm war schlimm.
Fatiha, ehemalige Bewohnerin des Frauenhauses

Fatiha ist 33 und Mutter zweier Söhne. Den großen, der jetzt elf ist, hat sie seit vielen Jahren nicht gesehen. Fatiha ist Marokkanerin. Und spricht mittlerweile ausgezeichnet deutsch. Das war 2009 noch ganz anders. Da gab es einen Todesfall in der Familie, sie flog mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn nach Marokko, wo die Schwiegermutter gestorben war. „Die Ehe mit ihm war schlimm“, sagt Fatiha. Ihr Mann habe sämtliche Kontakte zur Außenwelt verboten und sie geschlagen. Damit, was dann kam, habe sie aber nicht gerechnet. Einen Abend vor der geplanten Rückkehr nach Castrop-Rauxel sei er mit dem kleinen Sohn alleine geflogen. Und habe sie ohne Papiere zurückgelassen. Über einen Anwalt, Kontakte mit dem Jugendamt und der Polizei landet sie im Frauenhaus. Und versucht verzweifelt, ihren Sohn wieder zu bekommen. Ein schwieriges Unterfangen.

Der Vater hat das alleinige Sorgerecht

„Damals hatte ich viele Verständigungsprobleme“, berichtet sie. „Und wir wussten nicht, wie groß die Wohnung sein durfte, die wir für sie suchten“, ergänzt Lasser-Moryson. Weil nicht klar gewesen sei, ob sie den Kleinen wieder bekäme. Hat sie nicht, ihr Ex-Mann habe sich offenbar in Rechtsfragen sehr gut ausgekannt, und die Gerichte hätten schnell entschieden. Der Vater hat das alleinige Sorgerecht. „Uns ist das auch sehr nahe gegangen“, sagt die Frauenhaus-Chefin. „Ich habe es aufgegeben, mein Sohn hat jeglichen Kontakt abgeblockt“, sagt Fatiha leise. Und dann fließen doch die Tränen. Für die Hilfe im Frauenhaus sei sie unendlich dankbar, erklärt die junge Frau. Vom Löffel bis zur Matratze - sie habe ja nichts für eine eigene Wohnung besessen. Und für das Gefühl nicht alleine zu sein, auch dafür sei sie dankbar.

Es ist wichtig, nach vorne zu gucken.
Fatiha, ehemalige Bewohnerin des Frauenhauses

Genau wie für die Unterstützung vom Internationalen Bildungs- und Kulturverein für Frauen (IBKF) mit Ruziye Malkus an der Spitze. Fatihas zweiter Sohn ist jetzt sechs Jahre, die Ehe mit dessen Vater sei leider auch gescheitert, erzählt die 33-Jährige, die seit ein paar Wochen einen Job hat. Und sich so gerne auch um ihren großen Sohn kümmern würde. „Es ist wichtig, immer weiter nach vorne zu gucken“, das ist ihre Botschaft. Auch wenn die Vergangenheit nicht weggehe, und man sie in sich trage.

Diese Botschaft, sagt Katrin Lasser-Moryson, sei auch wichtig für die Frauen, die jetzt gerade im Frauenhaus wohnen. Damit sie sehen könnten, wie man weiterkommen kann.

Mit der kleinen Tochter und einer Reisetasche

Britta (29) kommt aus Bremen. Von Ende September bis Dezember 2011 war sie im Frauenhaus in Castrop-Rauxel. Als Opfer häuslicher Gewalt, so lautet der Oberbegriff, hinter dem sich bis auf wenige Ausnahmen unfassbare Frauen- und Kinderschicksale verbergen. Mit Prügeln, mit Psychoterror, mit Vergewaltigung und Kindesmisshandlung. Ein Mann aus Henrichenburg, in Bremen stationiert, den sie kennt, ruft für sie im Frauenhaus an. Und will ihr damit helfen. „Von der Stadt Castrop-Rauxel hatte ich vorher noch nie gehört“, berichtet Britta. Angekommen sei sie abends um 20.08 Uhr am Hauptbahnhof in Rauxel. Mit ihrer kleinen Tochter und einer schwarzen Reisetasche. „Das war alles, was wir hatten“, sagt Britta. Eine ruhige Zeit sei es gewesen. Im Frauenhaus ausnahmsweise ziemlich leer. „Ich war sehr dankbar für die Hilfe“, sagt Britta. Und dafür, dass sie schon so schnell in eine eigene Wohnung ziehen konnte.

Sich eine Perspektive suchen

Die erste Zeit sei sehr anstrengend gewesen. Das soziale Umfeld habe ja komplett gefehlt. Man müsse aufstehen, den Hintern hochkriegen und nicht im negativen Trott bleiben, sagt sie. Und sich eine Perspektive suchen. Sie packt das. Beendet die Schule mit einem Abschluss, absolviert eine Ausbildung erfolgreich, bekommt eine zweite Tochter, macht jetzt die zweite Ausbildung. Und hat seit ein paar Wochen den Führerschein.

Vorbei ist jene Zeit, als ihre Tochter im Frauenhaus mit niemandem sprach - außer mit der eigenen Mutter. Die Sprachblockade bleibt, bis sie in die Schule kommt. Trotz des Einschaltens von Fachkräften. „Vorbei, aber eben nicht vergessen, wie Kinder mit dem Erlebten umgehen“, sagt Katrin Lasser-Moryson. Vor zweieinhalb Jahren ist Brittas Schwester nach Castrop-Rauxel gezogen. Eine Familienzusammenführung, über die sich alle freuen.

Eigenes Beratungsbüro soll kommen

So viel zu zwei Schicksalen und dem Rückblick, den Frauenhaus und Trägerverein beim Jahresempfang gaben. Eins hat sich übrigens seit dem Bestehen der beiden Institutionen seit über drei Jahrzehnten nicht geändert: Das Erstaunen vieler Außenstehender darüber, dass häusliche Gewalt auch in Castrop-Rauxel passiert. Und nicht gerade selten. Im vergangenen Jahr in 72 Fällen. Darüber hinaus gab es 37 weitere Kontakte vor diesem Hintergrund. Anlass und Beweggrund, noch in diesem Jahr ein zentrales Büro in Castrop-Rauxel mit einem offenen Beratungsangebot für betroffene Frauen und Kinder anzubieten. „Die Zahlen zeigen sehr deutlich, dass präventive Beratung hier wie in anderen Städten auch sehr dringlich und wichtig ist“, sagt Katrin Lasser-Moryson.

Und noch ein paar Zahlen: Im vergangenen Jahr musste das Frauenhaus 276 anfragenden Frauen eine Absage erteilen. 41 Frauen wurden aufgenommen, dazu 42 Kinder. Der r der Frauen lag bei 36 Jahren, der der Kinder bei sieben Jahren. Die durchschnittliche Verweildauer der Frauen im Frauenhaus beträgt drei Monate.

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