Bundestagswahl

Der große Wahlplakate-Check: Wer kommt am besten an?

Christian Jäger ist Kommunikationsberater und coacht Politiker. Er hat die Plakate der Bundeskandidaten im Wahlkreis 122 bewertet. Der Experte vermisst Kreativität und klare Aussagen.
Christian Jäger hat die Wahlplakate kritisch geprüft. © privat

Mit den Wahlplakaten ist es wie mit Spekulatius im Spätsommer, meint Christian Jäger: Wenn sie da sind, regen sich die Leute darüber auf, dass sie da sind. Aber wehe, wenn wir nicht Wochen vor einer Wahl in Politiker-Gesichter schauen und wenn nicht bereits Monate vor Weihnachten das genannte Gebäck im Supermarkt kaufen kann.

Der Kommunikationstrainer und Politikberater ist sich sicher: „Über Wahlplakate wird gesprochen.“ Und natürlich möchten die Politiker, dass ihre Werbung wahrgenommen wird – auch wenn sie vor jeder Wahl uns Glauben machen wollen, dass sie ja nicht plakatieren müssten … Ja, wenn da bloß nicht der Mitbewerber nicht wäre. Jäger: „Eine große Koalition für den Verzicht auf Wahlplakate kann ich nicht erkennen.“ Er sagt auch: „Über den Ausgang von Wahlen entscheiden allerdings andere Dinge.“

Kandidaten sollten es wie Claus Hipp machen

Nichtsdestotrotz hat er sich die Zeit genommen, um die Wahlplakate der Bundestagskandidatinnen und -kandidaten zu bewerten – und räumt am Ende des Treffens ein: „Bei den wenigsten ist richtig was hängengeblieben.“ Weder ein markanter und deswegen überzeugender Slogan habe sich ihm eingeprägt noch eine besonders hervorstechende grafische Umsetzung.

Nachvollziehbar sei das für ihn nicht: „Gerade Kandidaten müssen klare, verständliche und wiedererkennbare Botschaften aussenden, wofür sie stehen und woran sie sich messen lassen.“ Jäger erinnert an die Kampagne von Hipp: „Da sagt Firmengründer Claus Hipp: ,Dafür stehe ich mit meinem Namen.‘ Wofür die Kandidaten stehen, ist leider nur im Ansatz erkennbar.“

So hat Christian Jäger die Wahlplakate der Kandidaten bewertet – es sind die der sechs im Bundestag vertretenen Parteien:

Brian Nickholz (SPD)

Optik: Das ist schnell zu erkennen: Das ist das SPD-Ding. Da sehen alle Plakate gleich aus, egal ob da Olaf Scholz oder eben Brian Nickholz drauf ist. Ich bin mir nicht sicher, ob die SPD bei der Farbwahl und der Gestaltung gut beraten gewesen ist: Schwarze Männer auf rotem Grund mit weißer Schrift – das hatten wir schon mal. Das ist aber lange, lange her. Aber zurück zu Herrn Nickholz: Er wirkt nicht entspannt. Sein Mund ist geschlossen, wirkt wie zusammengepresst. Grundsätzlich ist er ja sympathisch und jung. Der Name ist deutlich größer als seine Partei gesetzt. Das kann man als Statement verstehen: ,Meinen Namen müsst ihr euch noch merken!‘“

Lars Ehm (l.) und Brian Nickholz © SYSTEM © SYSTEM

Lars Ehm (CDU)

Optik: „Da schau an, jetzt ist die CDU eine Umweltpartei. Wie sich der Bewerber an den Baum ankuschelt! Und auf einem anderen Plakat habe ich ihn als Radfahrer gesehen, mit Helm, versteht sich – auch wenn der lässig am Lenker baumelt. Was mich an beiden Plakaten stört: der verschwommene Hintergrund. Das könnte sonstwo sein. Das ist schade. Denn grundsätzlich kommt der Kandidat ja überaus sympathisch, gewinnend und hemdsärmelig herüber. Interessant ist bei der CDU: Auf allen Plakaten findet sich das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Fahne als wiederkehrendes Element, meist als Halbkreis. Das soll für Schwung stehen oder auch symbolisieren: Du gehörst zu unserem Kreis. Was mir auffällt: Sein Ehering ist sehr gut zu erkennen.“

Aussage: „Lars Ehm will uns sagen: ,Ich gehöre in diese Region. Ich bin euer lokaler Vertreter.‘ Daher sticht sein Name ja auch so hervor, damit klar wird, dass er der Kandidat ist, den man wählen soll. Wofür er allerdings inhaltlich steht und wofür er sich einsetzen will, erfahre ich leider nicht.“

Robert Heinze (FDP)

Optik: „Das ist kein Wahlplakat, sondern ein Foto von einem Herrn und ein Text der Freien Demokraten. Es wirkt geradezu so, als gehöre er nicht zur FDP. Und dann das Foto in Schwarz-Weiß mit dem verschwommenen Hintergrund. Der Sinn hat sich mir schon bei der Kommunalwahl im vorigen Jahr nicht erschlossen. Ich denke, es soll eine gewisse Seriosität ausstrahlen. Kommt aber irgendwie farblos rüber. Und der Blick des Kandidaten erinnert mich daran, wie mich mein Lehrer manchmal angeschaut hat. Er kann aber auch sagen wollen: ,Ich nehme dich in den Blick.‘ Aber eigentlich müsste er vermitteln: ,Lern mich kennen!‘“

Aussage: „Da will einer machen, machen, machen. Aber in welche Richtung? Welche Aufgaben will er als Abgeordneter angehen? Welche politischen Schwerpunkte will er setzen? Ein bisschen mehr hätte ich schon gern an Inhalt.“

Robert Heinze (l.) und Robin Conrad © SYSTEM © SYSTEM

Robin Conrad (Grüne)

Optik: „Ich musste unweigerlich an den Film ,Der grüne Bogenschütze‘ nach Edgar Wallace denken, als ich dieses Plakat sah. Oder auch an ,Hulk‘. Oder an grüne Soße, die ja in Frankfurt eine Spezialität ist. Warum machen die das? Was ich sehe, ist ein durchaus sympathischer Kandidat mit offenem Blick. Da stören mich auch die verschränkten Arme nicht, die ja sonst eher für eine Abwehrhaltung stehen. Auch von der Komposition ist das Plakat stimmig, selbst die Sonnenblume fehlt nicht.“

Aussage: „Ist ein Trend etwas Schlechtes? Oder warum heißt es ,Weil Grün mehr als ein Trend ist.‘? Und was will uns Robin Conrad damit sagen? Wofür steht er? Wofür will er sich einsetzen, wenn er gewählt wird? Und bei dem Slogan „Bereit, weil Ihr es seid.“ sollte man bei ,bereit‘ auf keinen Fall ein e überlesen!“

Bernard Keber (AfD)

Optik: „Der Herr kommt unglaublich sympathisch rüber. Elegant und zugewandt. Und er zeigt Zähne, sogar viele Zähne. Wenn man es nicht durch den Hinweis auf die AfD wüsste, könnte er auch ohne Weiteres als ein FDP-Kandidat durchgehen.“

Aussage: „Insgesamt ist das ganz pfiffig gemacht. Der Bewerber ist siegesgewiss und ist schon in Berlin. Irritierend ist allerdings, dass der rote Aufruf oben links aus dem Plakat rauswächst. Wie die CDU bedient sich auch die AfD der Farben der Deutschland-Fahne. Wofür der Bewerber steht und was er für seine Wähler erreichen will, verschweigt er allerdings. Möglicherweise denken er und seine Partei, dass das überflüssig ist, weil das Programm so gut besetzt ist.“

Bernard Keber (l.) und Ulrike Eifler © SYSTEM © SYSTEM

Ulrike Eifler (Die Linke)

Optik: „Das ist eine sehr stimmige Körperhaltung: aufrecht und nicht steif. Es gab mal eine Diskussion darüber, ob verschränkte Arme eine Abwehrhaltung ausdrücken. Das kann man so sehen. In ihrem Fall aber ist das gut gelöst, weil man nur die Finger sieht. Das strahlt insgesamt eine chillige Entschlossenheit aus, von Aggressivität ist da nichts zu spüren. Die Kandidatin kommt sehr sympathisch rüber, dazu trägt ihr offener Blick bei. Auch wenn sie den Mund geschlossen hält.“

Aussage: „Es fällt sofort ins Auge, dass ihr Name sehr prominent gesetzt ist. Ist ihr Name Programm – oder muss sie etwa erst noch bekannt gemacht werden? Das Ganze wirkt sehr professionell gemacht. Einzige Einschränkung: das in Frau Eifler hereinreichende Wortfabrikat. Das erinnert mich ein bisschen an Pacman – nur, dass er hier die Frau auffrisst.“

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