25-fach erhöhte Wasser-Belastung nach Dünger-Havarie im Rennbach

mlzDünger-Austritt in Marl

Nach einem Dünger-Austritt in Marl zeigen Wasserproben eine deutliche Belastung des Rennbachs. Kreis und Unternehmen beschwichtigen. Haben sie genug getan, um die Havarie zu verhindern?

Dorsten

, 21.07.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Claudia Baitinger ist sauer. Die Dorstener Umweltschützerin sorgt sich um die Wasserqualität im Rennbach. Der mündet bei Altendorf-Ulfkotte in den Rapphofs Mühlenbach. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt sie über einen Vorfall einen Kilometer weiter östlich in Marl.

Am 5. Juli war auf dem Gelände der Firma Refood in Marl-Frentrop eine unbekannte Menge Flüssigdünger in den Rennbach ausgetreten. Dabei handelte es sich um ein Gärsubstrat, das bei der Verarbeitung von Lebensmittelresten entsteht und in der Landwirtschaft als Dünger verwendet wird. Bei einer Revision des Fermenters, in dem die Flüssigkeit gelagert wird, war offenbar eine Panne passiert.

Zur Begehung des Fermenters sollte die Flüssigkeit abgepumpt werden. Die Pumpen hätten fälschlicherweise angezeigt, dass der Behälter leer sei, teilte Marcel Derichs, Sprecher der Muttergesellschaft Saria mit. Nach der Öffnung eines Mannlochs trat der Dünger auf das Firmengelände aus und braune Suppe lief in den Rennbach. Erst nach 15 bis 20 Minuten gelang es, das Mannloch zu schließen. Offenbar blieb es nicht bei einem technischen Defekt. Auch ein Trübungssensor, der den Zufluss in den Bach hätte verriegeln sollen, habe nicht funktioniert, so Derichs.

25-fach erhöhte Wasser-Belastung nach Dünger-Havarie im Rennbach

Hier im Dorstener Südosten trifft der Rennbach auf den Rapphofs Mühlenbach. © Falko Bastos

Ein Großaufgebot der Feuerwehr war im Einsatz. Mehrere Bachsperren wurden errichtet. Rund 14 Lkw-Ladungen verunreinigten Wassers wurden abgepumpt und als Dünger auf umliegende Felder verteilt.

Der Kreis gab früh Entwarnung, doch dann tauchten tote Fische auf

„Keine große Sache“, sagt Unternehmenssprecher Derichs. Auch Vertreter des Kreises Recklinghausen hatten frühzeitig Entwarnung gegeben und das Wasser für sauber erklärt. Alles in Ordnung also? „Augenscheinlich in Ordnung“, sagt Andrea Middendorf, Sprecherin des Kreises Recklinghausen auf Nachfrage. Denn zwar sei die untere Wasserbehörde am Tag des Vorfalls und den beiden Folgetagen vor Ort gewesen, doch habe man das Wasser nur nach äußeren Gesichtspunkten begutachtet.

Doch mehrere Marler entdeckten tote Fische im Rennbach und meldeten diese dem Kreis. „Dass man nach einem solchen Ereignis schon mal einen toten Fisch findet, ist logisch“, sagt die Kreis-Sprecherin. Schließlich binde der Dünger Sauerstoff. „So konzentriert ist das für Wasserlebewesen nicht gut.“ Sorgen machen müsse sich aber niemand. „Die Konzentration nimmt ja mit dem Fluss zur Lippe ab.“

25-fach erhöhte Wasser-Belastung nach Dünger-Havarie im Rennbach

Nach der Havarie hatten Bürger aus Marl tote Fische im Rennbach entdeckt. © Privat

Am 11. Juli, sechs Tage nach dem Vorfall, entnahmen Kreis-Vertreter eine Wasserprobe westlich der Austrittsstelle in Richtung Dorsten, deren Ergebnis nun vorliegt. 4,9 Milligram Ammonium-Stickstoff pro Liter, das 25-fache des Jahresmittelwertes von 0,2 Milligramm.

Firma muss ihr Havariekonzept überarbeiten

Warum die Probe erst so spät erfolgte, versteht Claudia Baitinger nicht. „Bei einem Fließgewässer muss man ja davon ausgehen, dass die Werte vorher noch deutlich höher waren“, sagt Claudia Baitinger. Für eine frühere Probe habe keine Veranlassung bestanden, sagt die Kreis-Sprecherin. Auch drastische Maßnahmen seien nun nicht sinnvoll, meint Middendorf. „Man muss jetzt beobachten, wie es sich entwickelt. Die Natur reguliert sich.“

Claudia Baitinger, die unter anderem im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) aktiv ist, sieht die Verantwortung beim Kreis Recklinghausen. Denn der habe bei der Genehmigung der Anlage nicht genau genug hingeschaut, vermutet sie. „Saria macht, was die Behörde erlaubt.“ Für eine solche Havarie müsse es einfach bessere Sicherungsmechanismen geben. „Wenn ein System versagt, muss das andere greifen.“

Deshalb hat sie nun eine Anfrage nach dem Umweltinformationsgesetz an den Kreis gestellt. „Die Frage für mich ist, ob bei der Genehmigung genug getan wurde, um solche Fälle zu verhindern.“

Offenbar nicht. Deshalb macht der Kreis der Firma nun schärfere Vorgaben. Diese muss ihr Havariekonzept überarbeiten. Eine doppelte Sicherung werde zur Pflicht, so Middendorf. So müsse der Schieber, der den Zulauf in den Bach verriegelt, künftig auch manuell betätigt werden. Auch monatliche Kontrollen der Systeme werden verpflichtend. „Warum muss erst etwas passieren, bevor man auf so etwas kommt?“, ärgert sich Claudia Baitinger.

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