30 Jahre Dorsten/Hainichen - die Mauer ist in vielen Köpfen gefallen

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Seit 30 Jahren verbindet Dorsten (NRW) und Hainichen (Sachsen) eine Städtepartnerschaft. Groß gefeiert wird das nicht. Ist so eine deutsch-deutsche Beziehung überhaupt noch zeitgemäß?

Dorsten

, 27.07.2020, 16:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war eine Menge Zufall im Spiel, dass Dorsten und Hainichen am 4. Juli 1990 feierlich eine Städtepartnerschaft eingingen. Denn wenige Wochen nach dem Fall der Mauer hatte die Stadt an der Lippe eigentlich einen anderen Partner im Osten auserkoren: Freiberg, gleichfalls Bergbaustadt wie Dorsten damals, sollte es werden, war aber schon vergeben. Clausthal-Zellerfeld im Harz war schneller gewesen.

„Wollt ihr nicht Partnerstadt werden?“

Auf dem Rückweg, so erinnerte jüngst noch mal die Freie Presse, machte die Dorstener Delegation mit dem damaligen Ratsherrn Gerd Schiwy und Dr. Peter Hardeter im Dezember 1989 einen Stopp in Hainichen - und verliebte sich offenbar spontan in das kleine Städtchen (9000 Einwohner) 26 Kilometer nordöstlich von Chemnitz. „Wollt ihr nicht Partnerstadt werden?“ Einige Monate später wurden die Partnerschaftsurkunden unterzeichnet, zunächst beim Altstadtfest in Dorsten, dann an eben jenem 4. Juli 1990 in Hainichen.

750 Jahre Dorsten im Jahr 2001: Carmen Fischer (l.) vom Freundeskreis in Hainichen, Dorstens damaliger Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, Jutta Waldheim aus der Verwaltung der Partnerstadt und Hainichens damaliger Stadtchef Rainer Sobotka (v. l.).

750 Jahre Dorsten im Jahr 2001: Carmen Fischer (l.) vom Freundeskreis in Hainichen, Dorstens damaliger Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, Jutta Waldheim aus der Verwaltung der Partnerstadt und Hainichens damaliger Stadtchef Rainer Sobotka (v. l.). © privat

Für Dorstens Altbürgermeister Lambert Lütkenhorst war das „eigentlich unvorstellbar“. Der heute 72-Jährige, von 1999 bis 2014 Bürgermeister in Dorsten, hat selbst eine DDR- und Polen-Vergangenheit und war damals der Überzeugung, dass es „zu viele Vorurteile“ gäbe. „Heute bin ich den Initiatoren der Partnerschaft dankbar. Sie haben Weitsicht bewiesen und erkannt, dass zu einem gelingenden Miteinander die Mauern in den Köpfen fallen müssen.“

„Die Initiatoren dieser Städtepartnerschaft haben Weitsicht bewiesen.“
Altbürgermeister Lambert Lütkenhorst

Lütkenhorst erinnert sich noch sehr genau an die schweren Überschwemmungen in Hainichen im Jahr 2002. „Als ich damals nach Hainichen kam, erlebte ich die Stadt in Schockstarre. Straßen, Häuser, ganze Bereiche der Stadt standen tief unter Wasser. Die Menschen tief verzweifelt, mutlos und angewiesen auf konkrete Hilfe.“ Die gelebte Solidarität, die Spenden von etwa 70.000 Euro und zum Beispiel die Einsätze der Dorstener Feuerwehr im Hochwassergebiet berühren ihn noch heute.

Helmut Mertens war einer der Pioniere dieser deutsch-deutschen Städtepartnerschaft. Seine damalige Firma Permaclean eröffnete 1990 die erste Filiale in Hainichen. „Dreckig war es, ein permanentes Chaos. Aber ein Abenteuer, das ich heute nicht mehr missen möchte“, sagt er.

Zur Sache

Corona stoppt Feierlichkeiten

Beim Neujahrsempfang in Hainichen durfte Tobias Stockhoff Mitte Januar ein Grußwort zum Städtepartnerschaftsjubiläum übernehmen. Am zweiten Wochenende nach Pfingsten wollte sein Amtskollege Dieter Greysinger erstmalig das Schützenfest in der Feldmark besuchen. „Dann sollte auch eine Veranstaltung zur Städtepartnerschaft Hainichen/Dorsten stattfinden“, berichtet der Bürgermeister. „Die Corona-Pandemie hat uns leider einen Strich durch den Terminkalender gemacht.“ Am 11. September wird der Festsaal „Goldener Löwe“ am Marktplatz in Hainichen eingeweiht. Den Termin hat die Dorstener Stadtspitze wegen der Kommunalwahl zwei Tage später abgesagt. Am 3. Oktober ist jedoch die Einweihung der Geschichtsstation „Städtepartnerschaften“ geplant, die eigentlich am 22. März, dem 75. Jahrestag der Zerstörung der Innenstadt von Dorsten und des Dorfes Wulfen, vorgesehen war. „Wahrscheinlich werden wir Videotechnik als Unterstützung benötigen“, glaubt Stockhoff, „da der persönliche Austausch mit unseren acht Partnerstädten noch coronabedingt eingeschränkt sein dürfte.“

Nicht nur beruflich, sondern auch privat war er oft im Osten, half in der Anfangszeit bei Spendenfahrten. „Die schnellste Tour nach Hainichen dauerte keine vier Stunden, die längste 13 Stunden.“ Helmut Mertens erinnert sich noch gut, wie er dem damaligen Bürgermeister Uwe Schönfeld Taschenrechner überreichte, die mit Solarzellen betrieben wurden. „Er hatte Tränen in den Augen. Batterien gab es ja zur damaligen Zeit nicht in Hainichen.“

„Da ist eine wahrlich intensive Partnerschaft“

Inzwischen hat sich in Hainichen vieles verändert, die Menschen dort sprechen von einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“. Mertens findet sogar, dass sich die ehemalige Kreisstadt „besser als Dorsten“ entwickelt hat. Nur das Unternehmertum, das fehlt dem früheren Geschäftsmann nach wie vor.

Carmen Fischer war viele Jahre Vorsitzende des Freundeskreises in Hainichen, der ebenso wie die Dorstener Gruppe aus Altersgründen aufgelöst wurde. „Private Kontakte gibt es aber immer noch viele.“ Sie wird nicht müde, Höhepunkte der „wahrlich intensiven und gelebten Städtepartnerschaft“ aufzuzählen: die Einweihung des Partnerschaftsbrunnens in Holsterhausen (1993) zum Beispiel, die 750-Jahr-Feier in Dorsten (2001), die 825-Jahr-Feier in Hainichen (2010), die Einweihung der Dorstener Straße in Hainichen (2012) und des Hainichenrings in Dorsten (2015).

Barbara Köhn, Bürgermeister Tobias Stockhoff, sein Amtskollege Dieter Greysinger und Carmen Fischer (v.l.) vom Freundeskreis in Hainichen bei der Einweihung des Hainichenrings auf dem ehemaligen Zechengelände.

Barbara Köhn, Bürgermeister Tobias Stockhoff, sein Amtskollege Dieter Greysinger und Carmen Fischer (v.l.) vom Freundeskreis in Hainichen bei der Einweihung des Hainichenrings auf dem ehemaligen Zechengelände. © Ralf Pieper (A)

Für Dorstens amtierenden Bürgermeister Tobias Stockhoff („Wir sollten die Unterschiede als Bereicherung und wichtige Ideengeber verstehen“) geht es nicht mehr nur um Erfahrungsaustausch und wirtschaftliche Kooperation und Begegnungen auf offizieller Ebene. Stockhoff ist Mitglied des Hainichener Schützenvereins und beeindruckt, „wie viele Freundschaften entstanden sind“.

Freundschaft zwischen den Schützen

Die Freundschaft der Schützen beider Städte reicht bis ins Jahr 1992 zurück. Nach einem Besuch bei den Feldmärker Schützen fand bald das erste Vogelschießen in Hainichen statt, die zu DDR-Zeiten aufgelöste Privilegierte Schützengilde 1717 wurde wiederbelebt.

„Zum ersten Schützenfest im Jahr 2003 besuchten fünf Dorstener Schützenvereine Hainichen und überbrachten dabei eine Spende für die Wiederherstellung der Hainichener Vereinsfahne. 2005 erfolgte dann der Gegenbesuch in Dorsten“, erinnert sich Carmen Fischer. Die jährlichen Treffen sind seitdem lieb gewonnene Tradition.

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Bürgermeister Tobias Stockhoff lässt keinen Zweifel daran, dass diese Städtefreundschaft auch mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall ihre Berechtigung hat. „Die Europäische Einigung und die Deutsche Einheit gehören untrennbar zusammen: Ohne Europa keine Deutsche Einheit!“, sagt er „Deshalb steht unsere Städtepartnerschaft mit Hainichen auch symbolisch für die Wiedervereinigung. Städtepartnerschaften bedeuten für mich: Freunde in Deutschland, Europa und der Welt.“

Im vergangenen Jahr ist Stockhoff mit einer Dorstener Gruppe mit dem Fahrrad nach Hainichen gefahren und später von Hainichen nach Rybnik, Dorstens Partnerstadt in Polen. Ende 2018 besuchten Bürgermeister Dieter Greysinger und seine Frau für mehrere Tage Dorsten und das Ruhrgebiet. „Im Regelfall findet mindestens einmal im Jahr ein persönliches Treffen statt“, sagt Dorstens Bürgermeister.

„Unterschiedliche Charaktere verstehen“

Dieter Greysinger, den Tobias Stockhoff wegen seines sozialdemokratischen Parteibuchs gerne „meinen Lieblings-Roten“ nennt, beschreibt seine Eindrücke so: „Ein so großes Land wie Deutschland hat völlig unterschiedliche Menschenschläge“, meint der gebürtige Franke. „Deutschland kann man nur verstehen, wenn man die unterschiedlichen Charaktere der Menschen kennt und versteht.“

Die Mauer in den Köpfen

Greysinger räumt ein, dass die Mauer in den Köpfen „gerade bei der Generation über 50 häufig noch zu bemerken ist. Das ist auch nichts Schlimmes.“ Die Vita und Lebensläufe zwischen 1961 und 1990 seien halt sehr unterschiedlich gewesen. „Und der in den 1990er-Jahren folgende Niedergang weiter Teile der ostdeutschen Wirtschaft hat auch heute noch für viele Menschen zwischen Kap Arkona und Fichtelberg etwas Traumatisches.“

Bei jüngeren Menschen ist diese Denkweise, so Greysinger, nicht mehr so verbreitet. Das ist aber ganz normal, denn wenn ich meinem 15-jährigen Sohn heute erkläre, dass es mal eine Mauer gab, die Deutschland trennte, dann ist es für ihn genauso Geschichte wie für mich in meiner Jugend das Deutsche Kaiserreich oder der Zweite Weltkrieg.“

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