500 Kinder in Dorsten sind seelisch krank - Tendenz steigend

mlzHilfen zur Erziehung

Die Stadt zahlt 11,4 Millionen Euro für Hilfen zur Erziehung. Das sind Hilfen für Kinder, die seelisch erkrankt sind oder davon bedroht sind. Die Zahl der Hilfsbedürftigen steigt stetig.

Dorsten

, 03.07.2020, 16:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hilfen zur Erziehung sind zeit- und kostenintensiv. Der Anteil von Kindern in Dorsten, die auf hoch spezialisierte Hilfen im Rahmen der Eingliederungshilfe angewiesen sind, steigt. 500 Fälle waren es 2019. Im Jahr 2017 waren es noch 386 Hilfen zur Erziehung gewesen. Die Stadt Dorsten rechnet Ausgaben von 11,4 Millionen Euro für 2019 vor.

Zu diesem Thema nimmt Jugendamtsleiter Stefan Breuer in einem Interview mit uns Stellung.

Stefan Breuer ist Leiter des Dorstener Amtes für Jugend-, Familien und Schule.

Stefan Breuer ist Leiter des Dorstener Amtes für Jugend-, Familien und Schule. © Archivfoto Claudia Engel

Sind die Fallzahlen gestiegen und wenn ja, wie viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene werden ambulant oder stationär betreut?

Die Fallzahlen sind in den Jahren 2017 bis 2020 kontinuierlich gestiegen. Im Jahr 2017 wurden insgesamt 386 Hilfen zur Erziehung durchgeführt, im Jahr 2018 waren es dann 491 und in 2019 über 500.

Dies entspricht zunächst dem landesweiten Trend. Besonders stark ist die Zunahme von Hilfen nach §35a SGB VIII im Rahmen der Eingliederungshilfe. Dies sind Schulbegleitungen, Therapiemaßnahmen und hoch spezialisierte Hilfen für Kinder, die von einer seelischen Behinderung bedroht oder betroffen sind. Diese Hilfen sind besonders kostenintensiv.

Die ebenfalls kostenintensiven stationären Unterbringungen bewegen sich zwischen 100 und 120 Fällen. Hier gibt es keine signifikante Steigerung.

Gibt es weitere Gründe für die Kostensteigerungen? Welche sind das?

Die Entwicklung der Kosten der Hilfen zur Erziehung bedarf einer sehr differenzierten Betrachtung.

Landesweit gibt es seit 2011 einen kontinuierlichen Anstieg der finanziellen Auswirkungen der Hilfen zur Erziehung von 6 Prozent bis 13 Prozent jährlich.

Hier hat man in Dorsten einen deutlich anderen Weg gefunden. In den Jahren 2017 und 2018 wurde das festgelegte Budget tatsächlich unterschritten. In den Jahren 2019 und 2020 wurde es überschritten. Daher kann man die Arbeit im Kontraktmanagement als sehr erfolgreich bezeichnen.

Gründe für die dennoch eintretenden Kostensteigerungen sind neben den Tarifentwicklungen, die sich auf die Tagessätze auswirken, insbesondere die Zunahme der §35a-Fälle sowohl ambulant als auch stationär. So fallen zum Beispiel für die stark zunehmende Zahl an Integrationshelfern (Schulbegleiter) teilweise Kosten in gleicher Höhe an wie bei einer stationären Unterbringung. Auch die teilweise sehr spezialisierten Unterbringungen in diesem Bereich sind oftmals zwei- bis dreimal teurer als ein „normaler“ Heimplatz.

Wie hoch ist der Anteil der präventiven Maßnahmen am Gesamtbudget, die von den Sozialraumteams angeboten und ausgeführt werden?

Die präventiven Maßnahmen sind in den Personalkosten für die MitarbeiterInnen und den entsprechenden Sachmitteln enthalten. Am Gesamtvolumen sind es etwa 5 Prozent. Es ist in den Verträgen festgehalten, dass die MitarbeiterInnen in den Mobilen Jugendhilfen mindestens 15 Prozent ihrer Arbeitszeit für die Einzelfall-übergreifende Stadtteilarbeit einsetzen und hier entsprechend präventiv wirken.

Was genau sind präventive Maßnahmen?

Die präventiven Maßnahmen finden im Sozialraum der Familien statt. Die Arbeit der Mobilen Jugendhilfen (bzw. KiJuFaZ in Wulfen) zeichnet sich durch vielfältige Aktionen im Rahmen der Stadtteilarbeit aus. Es werden Ressourcen in der Bevölkerung vor Ort in die Arbeit mit den Familien eingebunden, die Familien werden aktiviert, sich im Stadtteil zu engagieren, die Zusammenarbeit mit allen Institutionen wird gefördert. Über die Arbeit vor Ort wird regelmäßig im Jugendhilfeausschuss berichtet.

Bastelangebote für die Kinder, Unterhaltung für die Eltern: Olga Bespalov, Britta Neumann, Noel und Amira hatten ihren Spaß bei einem Angebot des KiJuFaZ in Wulfen.

Bastelangebote für die Kinder, Unterhaltung für die Eltern: Olga Bespalov, Britta Neumann, Noel und Amira hatten ihren Spaß bei einem Angebot des KiJuFaZ in Wulfen. © Archivfoto Claudia Engel

2016 hat der damalige Sozialdezernent Lars Ehm im Interview mit der DZ angekündigt, dass das Sozialraummanagement zur Kostenreduzierung beitragen soll. Er führte Kooperationen für passgenaue Hilfen an. Inwieweit hat sich das in der Praxis ausgezahlt und konnten damit tatsächlich Kosten gespart werden, was an den konkreten Zahlen für 2020 aber nicht abzulesen ist?

Wenn man die oben angesprochene Kostensteigerung bei den Hilfen zur Erziehung in Höhe von 6 Prozent bis 13 Prozent jährlich nimmt und dann die nur sehr geringen Steigerung von 1,5 Prozent jährlich bei den Hilfen, die von den Mobilen Jugendhilfen durchgeführt dazurechnet, liegt die Kostensteigerung unter dem Landesdurchschnitt.

Hinzu kommt, dass eine endgültige Abrechnung des Vertragszeitraumes erst zum Ende diesen Jahres erstellt werden kann. Diese Abrechnung wird im nächsten Jahr dann die Jahre 2017 bis 2020 umfassen. Erst hier kann man verlässlich feststellen, welche Kosten tatsächlich entstanden sind.

Auch im laufenden Jahr können sich noch starke Änderungen ergeben. So macht zum Beispiel der Zu- oder Wegzug von Familien, bei denen mehrere Kinder untergebracht sind, schnell eine Differenz von über 100.000 Euro aus.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Arbeit im Rahmen des Kontraktmanagements sehr erfolgreich läuft und in den Sozialräumen präventiv wirkt. Alleine durch die Durchführung der ambulanten Hilfen durch die MitarbeiterInnen in den Mobilen Jugendhilfen kann man mit Sicherheit sagen, dass die Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung ohne das Kontraktmanagement in Dorsten deutlich höher wären.

Eine Senkung der Kosten für Hilfen zur Erziehung ist unrealistisch. Aber das Kontraktmanagement hat den Anstieg der Kosten gebremst und damit verlangsamt.

Wie bewerten Sie das Kontraktmanagement?
Im Controlling-Bericht für das Jahr 2018 heißt es zum Kontraktmanagement in Dorsten:

„Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich das Kontraktmanagement in Dorsten mit seiner Ausrichtung positiv auf Familien mit und ohne Unterstützungsbedarf auswirkt. Die Arbeit wird transparenter und somit greifbarer. Das hat unweigerlich die Folge, dass durch die Präsenz im Sozialraum auch mehr Familien in den Fokus geraten, die sonst durch die Maschen gefallen wären. Diese Entwicklung ist daher positiv zu werten. Mehr Hilfen bedeuten jedoch auch eine Steigerung der Ausgaben. Da es sich hier aber um Rechtsansprüche der Betroffenen handelt, verbietet sich der rein fiskalische Blick.“

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