Flyer der „Ärzte für Aufklärung“ wurden in Briefkästen in der Region verteilt. Die Gruppe hat Verbindungen in die „Querdenker“-Szene. © Lensing Media
Coronavirus

„Ärzte für Aufklärung“: Irreführende Flyer in Dorstener Briefkästen

Flyer der „Ärzte für Aufklärung“ sind in Dorstener Briefkästen aufgetaucht. Gegen den Kopf der Gruppe ermittelt die Staatsanwaltschaft. Eine Ärztin aus Dorsten unterstützt die Gruppe.

In Dorstener Briefkästen sind dubiose Flyer der Gruppe „Ärzte für Aufklärung“ aufgetaucht. Ein Exemplar aus Lembeck liegt der Redaktion vor. Darin wird vor physischen und psychischen Langzeitfolgen bei Kindern durch das Tragen von Masken gewarnt.

„Befürchtungen, Masken könnten die Atmung beeinträchtigen, die Versorgung mit Sauerstoff gefährden oder zu einer gefährlichen Anreicherung von Kohlendioxid führen, sind unbegründet“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, der Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin, der Gesellschaft für Pädiatrische Pulmologie und der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Und weiter: „Auch führen Masken bei entsprechender Aufklärung von Eltern und Kindern nicht zu seelischen Problemen oder gar Schäden. Vielmehr schützen sie das tragende Kind und evtl. auch seine Umgebung.“ Auch in Haltern wurden zuletzt solche Flyer verteilt: Er könne nur davor warnen, den Inhalten Glauben zu schenken, sagte ein Halterner Arzt.

Prominent platziert auf der Website der „Ärzte für Aufklärung“ ist der Name Dr. Walter Weber. Er steht auch im Impressum. Gegen Weber, der der Impfgegner-Szene zugerechnet wird und sich auf Querdenker-Demos unter anderem gegen Masken ausspricht, ermittelt aktuell die Staatsanwaltschaft Hamburg. Es geht um § 278 des Strafgesetzbuches: „Ausstellung unrichtiger Gesundheitszeugnisse“. Das kann zum Beispiel ein falsches Attest sein.

Dorstener Zahnärztin unterstützt „Ärzte für Aufklärung“

Im Juli war auf der Website der Gruppierung eine Liste mit allen Unterstützern öffentlich einzusehen. Darauf stand auch der Name einer Dorstener Zahnärztin. Eine Mitarbeiterin der Dorstener Zeitung hat damals inkognito versucht, bei Dr. Esther Lingen am Telefon ein Attest zur Befreiung von der Maskenpflicht zu bekommen. Begründung: Man wolle sie einfach nicht tragen. Das hat Dr. Lingen abgelehnt und betont, dass sie so etwas nicht machen könne.

Andere Unterstützer der „Ärzte für Aufklärung“ sahen das lockerer. Nach Recherchen von „Report Mainz“ haben mehrere Ärzte auf der Unterstützerliste bundesweit Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt, ohne Patienten überhaupt gesehen zu haben.

„Querdenker“-Video auf Praxis-Homepage

Auf der Website der Praxis von Dr. Lingen sind auf der Startseite mehrere Videos eingebettet. Eines heißt „Corona-Pandemie vom Reissbrett“, ein anderes zeigt eine Rede von Bodo Schiffmann. Der HNO-Arzt vermischt Falschbehauptungen und irreführende Interpretationen mit Fakten und gilt als Arzt, dem die selbsternannten „Querdenker“ vertrauen.

Screenshot der Website von Dr. Esther Lingen. Die Zahnärztin teilt dort unter anderem Videos aus der „Querdenker”-Szene. © Screenshot © Screenshot

„Ärzte dürfen natürlich eine persönliche Meinung haben“, sagt Volker Heiliger, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Das sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. „Das Problem beginnt dann, wenn Ärzte ihre Patienten dazu verleiten, sich zum Beispiel nicht an die Coronaschutzverordnung zu halten. Es darf nicht sein, dass durch die persönliche Meinung von Ärzten Patienten gefährdet werden, indem man sie verleitet, sich nicht vor Corona zu schützen.“

Als Berufsaufsichtsbehörde schreitet die Ärztekammer ein, wenn sie von solchen Fällen erfährt. „Wir haben 46.000 Ärzte in Westfalen-Lippe“, sagt Heiliger. Davon sei nur eine Handvoll bislang in diesem Zusammenhang auffällig geworden. „Da ist uns bislang auch nichts Dramatisches bekannt“, so Heiliger weiter.

Ausnahme: Ein Arzt aus Bochum, der reihenweise Blanko-Bescheinigungen zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt haben soll. Eine Lehrerin war stutzig geworden, nachdem mehrere Schüler ihrer Klasse die gleichen Atteste des Arztes vorgelegt hatten. „Der Fall liegt schon bei der Staatsanwaltschaft“, sagt Volker Heiliger.

Über den Autor
Redakteur
Einst aus Sachsen nach Westfalen rübergemacht. Dort in Münster und Bielefeld studiert und nebenbei als Sport- und Gerichtsreporter gearbeitet. Jetzt im Ruhrpott gelandet. Seit 2016 bei Lensing Media.
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Robert Wojtasik

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