Alt-Wulfen: Hohe Lebensqualität trotz großer Verkehrsbelastung

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Alt-Wulfen hat alles, was es zum Leben braucht: Die Nahversorgung ist top, die Natur um die Ecke. Die gute Verkehrsanbindung bezahlen die Wulfener allerdings mit überlasteten Straßen.

Wulfen

, 06.04.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für Thorsten und Beatrix Rathmann ist Wulfen vor allem eines: Heimat. „Hier haben wir unsere Freunde, unsere Familien. Wir kennen Wulfen aus dem Eff-Eff“, sagen sie, und diese Verbundenheit war es auch, die sie bewog, nach Wulfen zurückzukehren. Sieben Jahre lang lebten die Eheleute in Bayreuth und Haltern am See, doch 2009 ging es zurück in ihren Heimatort. Dabei hätte es für Thorsten Rathmann mehr Sinn gemacht, näher an seinem Arbeitsplatz in Dortmund zu wohnen. Doch die zusätzliche Fahrtzeit nimmt er gerne in Kauf, denn die Vorteile von Wulfen überwiegen für ihn eindeutig.

Die Nahversorgung in ihrem Ortsteil bewerten die Wulfener als sehr gut. Hier gab es in unserer Umfrage mit 9,5 Punkten den Bestwert.

Die Nahversorgung in ihrem Ortsteil bewerten die Wulfener als sehr gut. Hier gab es in unserer Umfrage mit 9,5 Punkten den Bestwert. © Andreas Leistner

„Die Nahversorgung ist sehr gut. Supermärkte, Metzger, Bäcker, ein Café - alles da“, sagt der 41-Jährige. Das Sportangebot in Wulfen hat es ihm besonders angetan: „Das ist für solch einen kleinen Ort wirklich außergewöhnlich. Wir haben mit Fußball, Basketball und Tanzen drei echte Aushängeschilder, aber auch Nischensportarten, wie Schießen oder Judo, gibt es bei uns.“

Das sagt Rathmann natürlich auch mit Blick auf seine Kinder. Mats (6) und Jule (3) besuchen beide den Matthäus-Kindergarten. „Da haben wir wirklich Glück gehabt und sofort Plätze bekommen“, erzählt Beatrix Rathmann. Auch der Platz in der Wittenbrink-Grundschule ist Mats schon sicher. „Alles mit dem Rad erreichbar“, freut sich seine Mutter. Positive Erfahrungen, die sich auch in den meisten Antworten der Wulfener Teilnehmer an unserer Umfrage widerspiegeln.

Das wurde positiv bewertet

Nahversorgung: Mit 9,5 Punkten geben die Wulfener diesem Bereich die Bestnote der Umfrage. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen: „Als ich 1977 nach Wulfen zog, gab es Textilgeschäfte, Schuhgeschäfte, Fahrradladen, Papier- und Spielwaren und ein Haushaltswarengeschäft. Jetzt muss man dafür nach Dorsten fahren“, schreibt ein Teilnehmer. Nicht umsonst befindet sich die Gewerbegemeinschaft Wulfen in Auflösung. Doch Thorsten Rathmann hat Verständnis: „In Zeiten des Onlinehandels lohnt sich Einzelhandel in Wulfen eben nicht mehr.“

Grünflächen: Neun von zehn Punkten gibt es hier, und Beatrix Rathmann fasst es zusammen: „Wir haben Grün rings um uns herum. Ob Hervester Bruch oder Hohe Mark − mit dem Rad ist man ganz schnell da.“

Radfahren: Auch hier ziehen die Umfrage-Teilnehmer die 9. Dabei merkt ein Teilnehmer an: „Man könnte Radfahrwege nach Deuten und Lembeck anlegen.“ Ein Punkt, den auch Thorsten Rathmann teilt: „In Höhe von Schloß Lembeck darf einem keiner entgegen kommen, sonst wird es eng.“ Und Beatrix Rathmann ergänzt: „Eigentlich ist das Netz gut. Nur auf dem Weg zum Kindergarten gibt es ein kleines Stück ohne Radweg.“

Das wurde negativ bewertet

Angebote für Jugendliche und Senioren: Mit 5 Punkten erzielen die Angebote für Jugendliche den schlechtesten Umfragewert, bei den Senioren ist es mit der 6 kaum besser. „Zu unserer Zeit gab es im Matthäusheim regelmäßig Disco und andere Angebote“, erinnert sich Beatrix Rathmann. Heute? Fehlanzeige. Im Angebot der Katholischen Kirchengemeinde St. Matthäus sucht man vergeblich nach Angeboten, auch bei der Evangelischen Kirchengemeinde Hervest-Wulfen müssten die Jugendlichen nach Hervest oder Barkenberg.

Gesundheit: 7 Punkte sind kein schlechter Wert, liegen aber unter dem Dorsten-weiten Durchschnitt. Dabei sind Thorsten und Beatrix Rathmann durchaus zufrieden: „Allgemeinmediziner findet man hier. Für Fachärzte oder zum Krankenhaus muss man eben fahren.“ Drei Allgemeinmediziner und drei Zahnärzte finden sich an der Hervester- und Dülmener Straße, dazu noch ein Diplom-Psychologe. Viele weitere Ärzte haben ihre Praxen zudem am nahen Wulfener Markt in Barkenberg.

Familienfreundlichkeit: Auch hier nur 6 Punkte. Dabei bietet die Familienbildungsstätte im Matthäusheim an der Dülmener Straße reichlich Kurse für Eltern mit Kleinkindern an.

Kinderbetreuung: Mit sieben Punkten ebenfalls im unteren Bereich der Umfragewerte. Vor allem wohl, weil trotz zweier Kindergärten viele Kinder ohne Platz bleiben. Ulrike Scherer, Leiterin des Evangelischen Familienzentrums Wittenbrink, bestätigt, dass auch in diesem Jahr bedeutend mehr Anträge vorlagen als die 24 Plätze, die sie vergeben konnte. Im katholischen St.-Matthäus-Kindergarten sieht es nach Auskunft von Leiterin Melanie Ostgathe genauso aus. Ostgathe wird voraussichtlich über 30 angemeldete Kinder ablehnen müssen: „Wir können 23 Kinder neu aufnehmen, haben aber rund 55 aktuelle Anmeldungen.“ Ostgathe weiß, dass das die betroffenen Eltern vor große Probleme stellt: „In Dorsten ist es schwer, eine Tagesmutter zu finden, da die Stadt das Netzwerk noch nicht so ausgebaut hat.“

Gastronomie: Das Kneipensterben ist auch an Wulfen nicht vorübergegangen. Vier Restaurants, zwei davon mit Thekenbereich, dazu das Vereinsheim des SC Blau-Weiß Wulfen − zu Hochzeiten gab es 18 Gaststätten im Ort. Dafür sind sieben Punkte noch erstaunlich viel.

Das Brauhaus am Brauturm hat sich zum beliebten abendlichen Anlaufpunkt gemausert. Doch es dürften nach Geschmack der Wulfener gerne noch mehr sein.

Das Brauhaus am Brauturm hat sich zum beliebten abendlichen Anlaufpunkt gemausert. Doch es dürften nach Geschmack der Wulfener gerne noch mehr sein. © Andreas Leistner

Den Rathmanns reicht das Angebot aber vollkommen aus. „Als wir nach Wulfen zurückkamen, war der Brauturm geschlossen. Da war es natürlich problematisch, abends mal mit Freunden rauszugehen“, erzählt Thorsten Rathmann. Seit das Brauhaus aber wiedereröffnet wurde, habe es sich unter den neuen Betreibern sehr positiv entwickelt. Und der Horizont vieler Alt-Wulfener endet nicht, wie zuweilen kolportiert wird, an der B58. Die Bar 61 im Gemeinschaftshaus ist für sie ebenfalls ein beliebter Anlaufpunkt.

Verkehrsbelastung: „Die B58 muss endlich verlegt werden. Wie viele Menschen sollen dort noch sterben?“, findet ein Umfrageteilnehmer drastische Worte. 26.000 Fahrzeuge täglich zählte eine Bürgerinitiative hier schon in den 90er-Jahren. Die Ansiedlung eines Logistik-Unternehmens auf dem ehemaligen Zechengelände verheißt in dieser Hinsicht nicht gerade Besserung.

An der ebenfalls stark befahrenen Hervester Straße ärgert sich Thorsten Rathmann über die Fußgängerampel in Höhe des Brauturms: „Die Schaltung ist eine Katastrophe.“

Alt-Wulfen: Hohe Lebensqualität trotz großer Verkehrsbelastung

© Verena Haske

Verkehrsanbindung: Mit dem Auto gibt es nichts zu meckern − nur zehn Minuten sind es jeweils bis zur A43 und zur A31. Kritik gibt‘s am ÖPNV. Zu volle Busse, schlechte Verbindungen in den Abendstunden und eine Nordwestbahn, die viel zu oft ausfällt, sind die Kritikpunkte. Erfahrungen, die auch Thorsten Rathmann schon gemacht hat: „Ich wollte von einem Festival in Essen nach Hause. Weil kein Zug mehr von Dorsten nach Wulfen fuhr, bin ich nach Deuten gefahren und von dort gelaufen.“

Historie

Von der Herrlichkeit Lembeck nach Dorsten

Blick auf die Matthäuskirche entlang der Hervester Straße um 1920, also vor fast genau 100 Jahren.

Blick auf die Matthäuskirche entlang der Hervester Straße um 1920, also vor fast genau 100 Jahren. © Heimatverein Wulfen

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Kirchengemeinde St. Matthäus Wulfen im Jahre 1173. Bis 1803 gehörte Wulfen jahrhundertelang zur Herrlichkeit Lembeck und zum Fürstbistum Münster. 1810 kommt die Gemeinde kurzzeitig zum Kaiserreich Frankreich, 1815 schließlich zu Preußen. 1945 werden Kirche und Ortskern bei einem alliierten Bombenangriff am 22. März stark zerstört. 1958 beginnt die Abteufung der Zeche Fürst Leopold/Wulfen. Sie wird ab 1998 aufgegeben, die Schächte im Jahr 2000 verfüllt. Am 1. Januar 1975 wird Wulfen im Zuge der Kommunalreform in die Stadt Dorsten eingemeindet.
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