Angeklagter kann aufatmen: Gedächtnisschwäche rettet Bewährung

mlzGerichtsprozess

Die Gedächtnislücken der Zeugen waren so gravierend, dass ein Angeklagter nach einer Schlägerei mit Arbeitsstunden davonkommt. Ihm rettet das die Bewährung.

Dorsten

, 13.08.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es gab eine Rauferei, so viel steht wohl fest. Aber das Erinnerungsvermögen der Zeugen war dermaßen schwach, dass Amtsrichterin Lisa Hinkers sich zu einem besonderen Statement veranlasst sah: „Da, wo ich herkomme, werden Menschen in der Regel so ab 70 dement, in Dorsten scheint das bei manchen schon zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr der Fall zu sein.“

Dem Angeklagten kam dieses seltene medizinische Phänomen zugute: Der bereits vielfach vorbestrafte 26-Jährige kam noch einmal mit dem sprichwörtlichen blauen Auge davon. Er muss in den nächsten sechs Monaten 600 Euro bezahlen oder 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten, dann wird das Verfahren wegen Körperverletzung eingestellt.

Auf der Straße wollte der Angeklagte eine Aussprache herbeiführen

Der junge Mann stand noch unter Bewährung wegen eines Vorfalls von häuslicher Gewalt, als er einen Bekannten mit dessen Freundin und dem gemeinsamen Kind auf der Straße traf und sich mit ihm über einen einige Monate zurückliegenden Streit aussprechen wollte. Der andere wollte aber nicht reden, und ratzfatz flogen offenbar die Fäuste.

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Schon einmal hatten sich die beiden Bekannten eine „kleine Rauferei“ geliefert, wie der Angeklagte berichtete, die Meinungsverschiedenheit sei damit aber geklärt gewesen. „Dann ist jeder wieder seines Weges gegangen.“

Von wem dann im Oktober 2019 die Gewalt ausging, ob und welche Verletzungen es gab, welche Beleidigungen ausgetauscht wurden - so richtig klären konnte Richterin Hinkers das auch in der Vernehmung der Begleiterin des vermeintlichen Opfers nicht.

Während der Bewährungszeit in Schlägerei verwickelt

Staatsanwalt Linder hatte bei der Anklageverlesung schon deutlich gemacht, dass es für den Angeklagten in dieser Verhandlung förmlich um alles gehe, weil er noch unter Bewährung stehe. Und schließlich war es auch der Anklagevertreter, der dem Gericht die Einstellung des Verfahrens durch Ableistung von Arbeitsstunden oder einer Geldbuße oder wahlweise einer Mischung von beiden nahelegte.

Richterin Hinkers und die beiden Schöffen ließen sich auf die Verfahrenseinstellung ein. Sie vergatterten den gelernten Gebäudereiniger zu 600 Euro oder 100 Stunden sozialer Arbeit, damit seine Bewährung nicht gefährdet wird und gewährten ihm damit sozusagen eine letzte Chance. Den gedächtnisschwachen Zeugen empfahlen sie dringend, bei wichtigen Ereignissen demnächst Gedächtnisprotokolle anzulegen, um der Erinnerung später damit nachhelfen zu können.

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