Die Stadt bekämpft die EPS-Raupen mit dem Einsatz von Bioziden an befallenen Bäumen. © Guido Bludau (A)

Baumsachverständiger warnt vor Biozid: „Es vernichtet alles Leben“

Biozid - das hört sich biologisch an, ist es aber nicht. „Mit einem Biozid werden nicht nur Eichenprozessionsspinnerraupen, sondern alle Falterarten vernichtet.“ Das rächt sich dann.

Ein Dorstener Baumsachverständiger, der seinen Namen nicht öffentlich machen will, beobachtet gespannt und sehr kritisch, wie umfassend die Behörden Straßen.NRW, Kreis Recklinghausen und Stadt Dorsten in Dorsten an Straßen, Wegen und Plätzen zurzeit den Eichenprozessionsspinnerraupen mit dem Einsatz von Bioziden den Garaus machen.

„Leider geistert noch immer die Fehlermeldung herum, dass die Biozide NeemProtect, DipelES und andere unschädlich gegen andere Lebewesen seien. Alle derzeit gegen EPS zugelassenen Biozide wirken gegen alle blattfressenden Raupen – also nahezu gegen alle heimischen Schmetterlinge“, sagt der Gutachter. Er hält vom Einsatz dieser angeblichen biologischen Waffe nichts, denn: „Die Population der Eichenprozessionsspinner ist nach den Peaks in den Jahren 2017 und 2018 stetig gesunken.“

Eine biologische Wirkung habe der Einsatz von Bioziden ohnehin nicht: „Die Wirkung ist ja nicht lebensfördernd, sondern vernichtet Leben.“ Gartenbesitzern rät der Dorstener Sachverständige, ihre Grundstücke vor dem Einsatz abzudecken, damit Falter aller Arten Überlebenschancen haben. Und Anliegern sagt er, dass sie ihre Fenster schließen sollen. „Der Sprüheinsatz mit den Bioziden kann bei Menschen Allergien auslösen.“

Nur nach eingehender Abwägung anwenden

Nach dem Biozidrecht dürften diese Mittel nur nach genauer Abwägung eingesetzt werden. Nach Meinung des Dorstener Baumsachverständigen werden Biozide in Dorsten viel zu verschwenderisch eingesetzt. „Wenn die Behörden vernünftiges Monitoring vorgenommen hätten, dann blieben derartige Maßnahmen in diesem Jahr aus – wir Fachleute rechnen mit einem geringen Befall von Eichenprozessionsspinnern“, kritisiert der Fachmann aus Dorsten. Das sei ein natürlicher Verlauf, der sich alle Jahre wieder wiederhole.

Die Stadt bekämpft die EPS-Raupen mit dem Einsatz von Bioziden an befallenen Bäumen. © Guido Bludau © Guido Bludau

Er selbst beobachte etwa 500 bis 600 Objekte (Bäume) im nördlichen Ruhrgebiet, die in der Nähe öffentlicher Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten stehen. „Im Winter machen wir nach unserem Monitoring Informationsveranstaltungen, damit Eltern und Kinder Bescheid wissen, was im Frühjahr zu beachten und mit welchem Befall von EPS zu rechnen ist.“ Das könne man gut beobachten. Der Dorstener Sachverständige hat bei seiner Gutachtertätigkeit ein Baumkataster angelegt, um sich einen Überblick zu verschaffen. „Die Stadt Dorsten folgt einer anderen Expertise“, sagt er.

Bei den Biozideinsätzen werde leider nicht berücksichtigt, dass den natürlichen Fressfeinden der Eichenprozessionsspinner mangels Nahrung die Existenzberechtigung genommen werde. Der große Puppenräuber, eine Käferart, siedelt gerne in der Nähe der EPS-Bäume. Ein Käfer kann pro Saison 450 Puppen und Larven vertilgen – das wäre dann wirklich eine echte Bio-Waffe gegen die EPS-Raupen.

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Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel