„Beängstigend“: Engpässe bei wichtigen Medikamenten spitzen sich dramatisch zu

mlzEngpässe in Apotheken

Dorstener Apotheker schlagen Alarm. Immer mehr lebenswichtige Medikamente sind derzeit nicht lieferbar. Mit dramatischen Folgen für Patienten, die auf die Präparate angewiesen sind.

Dorsten

, 25.09.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit Monaten schon gibt es bundesweit Engpässe bei der Versorgung mit wichtigen Medikamenten. Jetzt hat sich die Situation in den Dorstener Apotheken noch mal dramatisch zugespitzt. „Im Moment ist es ganz schlimm“, berichtet Apotheker Simon Nattler, der vier Elisana-Apotheken in Dorsten leitet.

Auch seine Kollegin Anke Murlat von der Alten Markt-Apotheke schlägt Alarm. „Die Situation ist beängstigend. Der Markt ist leer gefegt.“ Waren es vor vier Monaten noch 72 Präparate, die ihr im Bestand fehlten, sind es nun schon 150 Medikamente, die sie gerne vorrätig hätte, aber derzeit nicht lieferbar sind. Tendenz steigend.

Im Internet lassen sich die Engpässe nachvollziehen, etwa über die „Gelbe Liste“. Allein am Montag kamen elf neue Präparate hinzu, die derzeit nicht bestellbar sind. Ein bayrischer Apotheker veröffentlicht dazu eine „List of Shame“, die die dramatische Entwicklung bei der Medikamentenversorgung deutlich macht.

Vorwürfe an die Krankenkassen

Besonders Blutdruckmittel, Harnsäure-Mittel und Antidepressiva seien chronisch knapp, berichtet Anke Murlat. Aber auch Impfstoffe seien immer öfter nicht verfügbar. „Dabei ist die Herdenimpfung so wichtig.“ Auch alltägliche Präparate wie Ibuprofen seien inzwischen betroffen.

Viele Mittel seien kaum bis gar nicht zu ersetzen. „Besonders schrecklich ist der Mangel an Mitteln gegen Epilepsie“, so die Apothekerin. Nattler bestätigt: „Da ist eine Umstellung besonders heikel.“ Auch bei Antidepressiva oder Mitteln gegen Diabetes sei eine Umstellung nicht einfach möglich.

Dr. Stefan Möllhoff, Vorsitzender des Ärztevereins in Dorsten, klagt: „Wir Ärzte stehen der Situation hilflos gegenüber.“ Er kann sich vorstellen, dass sich die Situation noch verschärft. Nicht nur in der Praxis kriegt er die Engpässe zu spüren. Ein Blutdruck-Medikament, das er selbst benötigt, bekam er zuletzt nur noch über Umwege.

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Die Ursachen sehen die Apotheker im Kostendruck im Gesundheitswesen. „Alles wird ganz knapp kalkuliert und irgendwelche Wald- und Wiesenfirmen bekommen den Zuschlag von den Krankenkassen, weil sie die billigsten sind“, sagt Anke Murlat. „Und alle anderen fahren die Produktion runter“, so Nattler. Entsprechend gebe es nur wenige Hersteller in China oder Indien - ohne jede Alternative. „Das haben die Krankenkassen selbst verursacht“, meint Murlat.

„Beängstigend“: Engpässe bei wichtigen Medikamenten spitzen sich dramatisch zu

„Die Situation ist beängstigend.“ Apothekerin Anke Murlat schlägt Alarm. © Robert Wojtasik (A)

Verändertes Bestellungsverhalten

„Es ist sehr ärgerlich, wenn eine Therapie unterbrochen werden muss, nur weil das Präparat nicht lieferbar ist“, findet Nattler. „Für die Patienten ist das eine Katastrophe.“ Und er ist überzeugt: „Am Ende spart das weder Geld noch ist das ethisch vertretbar.“

Die Apotheker haben ihr Bestellungsverhalten angepasst. Ist etwas verfügbar, ordern sie gleich größere Mengen auf Vorrat. „Es ist so, dass man mehr hortet“, sagt Anke Murlat. Aber eine Lösung für das Problem ist das nicht. Ganz im Gegenteil: „Wenn das alle machen, ist der Markt schnell wieder leer gefegt.“

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