Corona-Schnelltest im Selbstversuch: Bin ich immun gegen das Virus?

mlzCorona-Schnelltest

Corona-Schnelltests kann man sogar in Online-Drogerien bestellen. Im Selbstversuch erfahre ich, was das überraschende Ergebnis in mir auslöst. Und: Schnelltest ist nicht gleich Schnelltest.

Dorsten

, 19.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fluggäste machen es, Besucher einiger Pflegeeinrichtungen und neuerdings auch Besucher von Patienten im St. Elisabeth-Krankenhaus – einen Schnelltest auf Corona. Ein negatives Ergebnis ebnet den Weg ins Ausland, zur pflegebedürftigen Oma oder zum kranken Vater.

Doch wie funktionieren die Tests eigentlich? Ich probiere es aus. Schon auf dem vierseitigen Beipackzettel steht: „Ausschließlich für die professionelle Anwendung in In-vitro-Diagnostik bestimmt.“ Stimmt, das wusste ich schon vorher: Die AWO hatte mir erzählt, dass sie erstmal das Personal im Umgang mit den für ihre Pflegeeinrichtungen bestellten Tests schulen müsse.

Geschult bin ich nicht und mir ist bewusst, dass das Testergebnis nicht als Beweis für eine Infektion herhalten kann. Trotzdem wage ich den Selbstversuch.

Der Test verlangt nach Blut - damit hatte ich nicht gerechnet

Die erste Überraschung lässt nicht lange auf sich warten: Auf der Verpackung steht das Wort „Vollbluttest“. Damit habe ich nun gar nicht gerechnet. Ich dachte eher an einen Rachenabstrich; so wird es auch im St. Elisabeth-Krankenhaus gemacht. Ich lese die Anleitung sorgfältig durch und erfahre, dass ein negatives Testergebnis eine SARS-CoV-2-Infektion nicht ausschließe.

Ermittelt werden mit dem Test nämlich IgM- und IgG-Antikörper im Blut.

IgM-Antikörper bilden sich innerhalb einer Woche nach Infektion und erreichen ihren Höhepunkt nach zwei bis drei Wochen. IgG-Antikörper werden erst später, nach zwei Wochen, gebildet und erreichen ihren Höhenpunkt nach fünf Wochen. Sie können sechs Monate bis zu Jahren andauern, wobei in der Erholungsphase dieser Antikörpertiter viermal höher als in der Akutphase oder während des Krankheitsrückgangs sein kann.

Daraus schließe ich, dass der Test auch anzeigen kann, ob ich eine Corona-Infektion schon durchgemacht habe.

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Ich desinfiziere also meine Hände, reiße das zugeschweißte Mini-Labor auf und pikse mir mit einer mitgelieferten Nadel in den Finger. Das Blut tropfe ich auf das dafür vorgesehene Feld. Jetzt noch zwei Tropfen der mitgelieferten Lösung - und das Warten beginnt.

Nach dem Blutstropfen folgt die Lösung. Und dann heißt es: Warten.

Nach dem Blutstropfen folgt die Lösung. Und dann heißt es: Warten. © Stefan Diebäcker

Der oberste Kontrollstrich verfärbt sich nach kurzer Zeit rosa. „Sehr gut“, denke ich mir, „der Test funktioniert also.“ Dann zeichnet sich auch der IgG-Strich ab. Ich bin überrascht. Das würde ja bedeuten, dass ich die Krankheit durchgemacht habe, ohne es zu merken. Bin ich jetzt immun? Eine Superheldin, der das Virus nichts mehr anhaben kann?

Bin ich jetzt eine Superheldin und immun?

Schön wär‘s. Die Verheißungen, die mit solch einem Test verbunden sind, werden mir erst jetzt richtig bewusst. Weihnachten feiern, ohne Angst, meine Lieben zu infizieren. Meine Oma endlich wieder umarmen dürfen ...

Ich informiere mich beim Kreis Recklinghausen, um Klarheit zu bekommen, und die verpassen mir einen ordentlichen Dämpfer.

Schnelltest sei nicht gleich Schnelltest. Auf dem Markt gebe es solche, die auf Antikörper testen, und die, die auf Antigene prüfen. Nur die zweite Variante wird in Pflegeeinrichtungen und im Krankenhaus verwendet und liefere sichere Ergebnisse.

So handelt das Gesundheitsamt, wenn ein Antikörper-Schnelltest positiv ist

Nur solche positiven Antigen-Schnelltest-Ergebnisse werden durch die Einrichtung, die den Test durchgeführt hat, umgehend an das zuständige Gesundheitsamt übermittelt. Pressesprecherin Svenja Küchmeister erklärt auf Anfrage, dass positive Antigen-Schnelltests wie nicht eindeutige PCR-Test-Ergebnisse behandelt werden.

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„Es gibt die Kategorie ‚schwach positiv’. Wenn das der Fall ist, ordnen wir einen weiteren Test an.“ Zu nicht eindeutigen Ergebnissen könne es beispielsweise kommen, wenn die Viruskonzentration in der Probe nicht ausreichend war, um abzuschätzen, ob es sich um eine Infektion handelt.

Bis zum zweiten Ergebnis bleiben die getesteten Personen in häuslicher Quarantäne. Fällt der „Kontroll-Test“ negativ aus, ist die Quarantäne aufgehoben.

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Die Kontaktnachverfolgung nimmt das Gesundheitsamt bei positiven Schnelltests jedoch nicht direkt auf. In der Statistik tauchen die positiven Ergebnisse indes auf. „Auch ‚schwach positive’ PCR-Tests kommen in die Statistik“, erläutert Svenja Küchmeister. Sei der Kontrolltest dann negativ, würde der positiv Getestete wieder aus der Statistik verschwinden. Bei PCR-Tests komme es oft vor, dass es schwach positive Tests gebe. Ob positive Antigen-Tests häufig durch einen negativen PCR-Test aufgehoben würden, diese Frage kann Svenja Küchmeister aufgrund geringer Erfahrungswerte nicht beantworten.

Mein Fazit zum Antikörper-Schnelltest

Zurück zu meinem Antikörper-Test: Das Ergebnis sagt mir, dass ich wohl Antikörper im Blut habe, die sich durch eine Virus-Infektion gebildet haben. Sie sind quasi die Immunantwort auf die Erkrankung.

Über den IGeL-Monitor, den der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen in Auftrag gibt, um individuellen Gesundheitsleistungen auf ihre Wirksamkeit hin einzuordnen, erfahre ich, dass die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) und das RKI von Antikörper-Schnelltests abraten. Das RKI komme zu dem Schluss, „dass ein Nachweis von Antikörpern im Blut keine eindeutige Aussage zur Infektion oder

dem Immunstatus einer Probandin oder eines Probanden zuließe.“ Im IGeL-Report heißt es außerdem: „Zu falschpositiven Ergebnissen kann es auch kommen, wenn der Test Antikörper erkennt, die keine Immunantwort auf COVID-19 sind, sondern auf andere Corona-Erreger, die vielleicht nur eine vergleichsweise harmlose Erkältung verursacht haben (Kreuzaktivität).

Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich den Test gar nicht erst gemacht.

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