Coronavirus: Dorstener Chöre sind in der Krise verstummt

mlzCoronavirus

Seit Mitte März steht vieles still, auch die Musikszene. Während Solokünstler das Netz mit Streaming-Konzerten und Video-Teaching überfluteten, wurde es um die Chor-Szene immer stiller.

von Barbara Seppi

Dorsten

, 26.04.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ja, es gibt das ein oder andere Chorstück, von den Sängerinnen und Sängern zu Hause mit Bild aufgenommen und von einem Tontechniker zusammengeführt, aber das wahre Chorleben der hunderttausenden von begeisterten Laien liegt schmerzhaft brach.

Kammerchor Cantus Dorsten

In Dorsten ist es da nicht anders, die engagierte Chor-Szene der Lippestadt ist aktuell verstummt. Das erste Konzert, das den Corona-Maßnahmen des „social-distancing“ und Veranstaltungsverbots zum Opfer fiel war das Gedenkkonzert am 22. März des Kammerchores Cantus Dorsten. „Das war schon sehr traurig“, berichtet Chorleiter Kantor Dr. Hans-Jakob Gerlings. „Es hat sehr viel Arbeit darin gesteckt. Und für den Chor ist mit Karfreitag auch der zweite Einsatz innerhalb kurzer Zeit weggefallen“. Cantus Dorsten hatte die Johannes-Passion von Heinrich Schütz einstudiert, ein anspruchsvolles A-cappella-Werk. Was macht der Cantus jetzt in der probenfreien Zeit?

Der Kammerchor „Cantus Dorsten

Der Kammerchor „Cantus Dorsten © privat (A)

„Die Sänger lernen zu Hause in Eigenregie, das ist nichts Neues, so arbeiten wir immer“. Dann und wann gibt es Geburtstagswünsche in der Gruppenchat-App, das ein oder andere „ich vermisse das Singen“. Gerlings Kirchenchor, die Chorgemeinschaft St. Agatha, trägt sich etwas schwerer mit dem Ausfall der Treffen. „Es sind überwiegend ältere Leute, für die ist Gemeinschaftserlebnis jeden Mittwoch wichtig“, sagt die Vorsitzende Gabi Heimann.

Keine Chorproben in Video-Konferenz

Gerlings Mädchenchor wiederum ist besonders unruhig, weil nicht sicher ist, ob die lang geplante Assisi-Reise am Anfang der Sommerferien und das Spenden-Konzert dazu Ende Mai stattfinden kann. Ob er Chorproben in Video-Konferenz in Erwägung gezogen hätte? „Nein, das wäre nicht zu vergleichen mit der realen Situation, Stimmen zusammenzuführen, an Interpretationen und Ausdruck zu feilen“.

Trotz probenfreier Zeit seiner insgesamt fünf Chöre, die Choralschola und der Kinderchor trifft sich selbstverständlich ebenfalls nicht, hat Gerlings genug zu tun. St. Agatha überträgt Gottesdienste im Livestreaming, da spielt er die Orgel und die Vorbereitungen mit dem Pastoral-Team sind sehr intensiv.

Die Chorgemeinschaft St. Agatha

Die Chorgemeinschaft St. Agatha © Marie Rademacher (A)

„Von Entschleunigung kann ich aktuell nicht sprechen“, informiert auch der Leiter der Dorstener Musikschule. Wolfgang Endrös muss Online-Unterricht koordinieren, Gebühren und Honorarstrukturen prüfen, selbst via Internet drei Jekits-Cello-Schüler und Musiktheoriestudenten unterrichten und den Wiedereinstieg in den Schulbetrieb planen. Viel zu tun.

Nur seine Funktion als Chorleiter und Dirigent von „Confido Vocale & Camerata“ liegt brach. Chor und Orchester hatten im Winter die „Messa di Gloria e Credo“ von Gaetano Donizetti einstudiert, jetzt in den Osterferien war die Konzertreise zum diesjährigen Projektpartner in Kroatien geplant. „Sehr traurig, dass wir das absagen mussten.“

Confido Vocale & Camerata

Confido Vocale & Camerata © Archiv

Mehr noch, der Chor aus Rovinj wird im August nicht zum Gegenbesuch kommen und die Konzerte in Dorsten und Gladbeck sind damit abgesagt. Das Projekt „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi, Konzert geplant im November, ist noch nicht aufgegeben. Die erste Probe fiel aus, der Maitermin steht in Frage, aber die Chormitglieder haben ihre Noten und können zuhause lernen.

Video-Chorproben gibt es auch bei „confido“ nicht. „Die Zeitverzögerung ist einfach zu groß, als dass man gemeinsam singen könnte. Schon der 1:1-Unterricht mit meinen jungen Schülern zeigt, nur bei sehr simpler Musikstruktur funktioniert das einigermaßen“. Endrös hofft, das noch vor den Sommerferien in einzelnen Stimmgruppen geprobt werden kann, also wenige Personen, weiträumig verteilt.

Swinging Church

Swinging Church © Archiv

„Chorsängerinnen und Chorsänger wären bei Proben und Konzerten besonders gefährdet. Man atmet sehr intensiv ein und aus beim Singen“, erläutert Hans-Jürgen Gromann, Leiter von Swinging-Church. Daher hatte der Vorstand des Vereins schon am 1. März, also noch vor der Kontaktsperre, beschlossen, die Proben auszusetzen.

Proben noch vor der Kontaktsperre ausgesetzt

Der Chor hat eine Stärke von bis zu 80 Sängerinnen und Sänger, wenn alle Mitglieder kommen. „Da wäre eine Ansteckung sehr wahrscheinlich gewesen.“ Konzertausfälle auch hier, eine Messe in Raesfeld und die Teilnahme am Dorstener Chorfestival. Der jetzt fällige Halbjahresbeitrag der Mitglieder wurde ausgesetzt. „Wir verstehen, wenn die Leute andere Prioritäten setzen, unser Chor ist ein Hobby, wir haben auch aktuell keine Ausgaben“. Beruflich ist Gromann als Firmenkundenberater bei der Volksbank momentan mehr als ausgelastet, mit den Freunden im Chor bliebe man im telefonischen Kontakt, alle sähen das sehr gelassen.

Der Kirchenchor St. Barbara Wulfen-Barkenberg

Der Kirchenchor St. Barbara Wulfen-Barkenberg © privat

Ganz anders sieht es da bei Lukas Czarnuch, Chorleiter vom Kirchenchor St. Barbara, aus. „Die Gemeinschaft ist elementar für uns, wir verstehen uns als Teil der Gemeinde“. In einem Projekt hatte der Kirchenchor mit Gastsängern eine wunderschöne „Tango-Messe“ für den 29. März geplant, auch diese hat nicht stattgefunden. Eine Sängerin wollte im Mai heiraten, der Chor als Geschenk singen, das ist verschoben. „Alle, wirklich alle, sind sehr niedergeschlagen. Sich nun nicht mehr treffen zu können, bedeutet uns viel mehr, als „nur“ nicht mehr Musik machen zu können“.

Der Kirchenchor St. Nikolaus

Der Kirchenchor St. Nikolaus © Archiv

Ähnlich geht von Tobias Seidel mit dem Nikolauschor. Er ist mit seinen 24 Jahren wohl der jüngste Chorleiter der Dorstener Chorlandschaft, weiß aber sehr wohl um die Belange seiner größtenteils älteren Sängerinnen und Sängern. „Alle bleiben natürlich schön zu Hause, aber es fehlt ihnen der Kontakt zu den anderen“. Seidel hat per Mail Noten und Midifiles verschickt, damit der Rhythmus nicht abbricht. Videokonferenzen macht er keine. „Das würde den Ausschluss von denen bedeuten, die nicht so technikaffin sind oder die Ausstattung nicht haben“.

Ihm selber fehlt das Singen ebenfalls sehr, denn der Student der Kirchenmusik an der Universität Düsseldorf ist in der Hochschule und im Domchor Essen als Bariton unterwegs. „Man merkt jetzt erst, wie viel man eigentlich normalerweise singt, es war ein Teil meines Alltags.“

Der Brahmschor

Der Brahmschor © Barbara Seppi (A)

Martin Fleckenstein fehlen die Chorproben natürlich auch, aber der Vorsitzende des Brahmschores Dorsten musste gemeinsam mit Chorleiter Alfred Schulze-Aulenkamp eine Entscheidung fällen. Das diesjährige Konzert war erst für September geplant, aber die Ungewissheit, wie es weitergeht, nagt an den Akteuren. „Für uns ist jedes Konzert, bei dem wir ein Orchester kaufen, ein finanzielles Risiko. Wenn im September nur die Hälfte an Zuschauern mit Abstand in die Kirche kommen könnten, dann wäre das ein Fiasko.“ Daher hat der Brahmschor entschieden, das Konzert mit Händels „Alexander’s Feast“ direkt auf 2021 zu verschieben.

Der VHS-Chor TonArt

Der VHS-Chor TonArt © Archiv

„Sehr schade, mir fehlt es einfach, zusammen mit den anderen aus voller Kehle Lieder zu singen“, findet auch Rainer Schöneweiß. Der Lehrer und Gästeführer im Ruhestand ist Mitglied im VHS-Chor TonArt. Keine Proben, keine Kurse, es ist ungewiss, wann es weitergeht. „Ich rechne eigentlich nicht damit, dass wir in diesem Jahr noch einmal anfangen“, sagt Schöneweiß.

Der MGV 1948 Hervest-Dorsten

Der MGV 1948 Hervest-Dorsten © Guido Bludau (A)

„Aus meiner Sicht werden wir in diesem Jahr wohl nicht mehr unserem schönen Hobby nachgehen können, da wir in unserem Alter zur Risikogruppe gehören“, sagt auch Hans Schwankl, Vorsitzender des Männergesangvereins 1948 Hervest-Dorsten. Er hatte den Chorleiter Michael Hartel gebeten, eine Übungs-CD mit den Liedern, die im Moment einstudiert werden, aufzunehmen. „Das ist eine wunderbare Möglichkeit, zu Hause im stillen Kämmerlein zu singen, aber ersetzt nicht das Chorleben“. Da spricht Schwankl wohl allen engagierten Chorsängerinnen und Chorsängern aus dem Herzen.

Lesen Sie jetzt