Coronavirus: Kornbrenner hilft Apothekern mit Alkohol

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Die Kornbrennereien von Dirk Böckenhoff in Dorsten und Raesfeld laufen derzeit unter Volllast. Die Abnehmer sind aber nicht Kneipen, Restaurants oder Privatleute. Sondern Apotheken.

Dorsten, Raesfeld

, 06.04.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Coronavirus-Krise hat auch Kornbrenner Dirk Böckenhoff erreicht. Der Laden in Erle, in dem sonst hochwertige Brände und Likörspezialitäten verkauft werden, ist geschlossen. „Korn läuft im Moment nicht“, sagt Böckenhoff.

Trotzdem produzieren seine Obstbrennerei in Dorsten und seine Kornbrennerei in Erle derzeit unter Volllast. Gefragt ist das Destillat allerdings derzeit nicht zum Trinken. Denn der Markt an Desinfektionsmitteln ist leer gefegt. Und der hochprozentige Alkohol kann zum Desinfizieren genutzt werden. Und sogar ein „Abfallprodukt“ ist jetzt gefragt.

„So einfach ist das nicht“

Vom Kornbrenner zum Desinfektionsmittel-Hersteller? „So einfach ist das ehrlich gesagt nicht“, sagt Böckenhoff. Derzeit liefert er 96-prozentigen Alkohol an Apotheken in Dorsten, Raesfeld, Wesel, Bottrop und weitere Städte aus. Die Apotheken hätten die Betriebserlaubnis, diesen Alkohol mit Wasserstoffperoxid und Glycerin („damit der Alkohol nicht die Haut austrocknet“) zu mischen, um daraus Desinfektionsmittel herzustellen, sagt Böckenhoff. Ein entsprechendes Verbot habe die Regierung angesichts der Knappheit im März gelockert.

Apotheker hätten sich zu diesem Zeitpunkt bei ihm „reihenweise gemeldet“, sagt Böckenhoff. Aber auch das Verkaufen des Alkohols an die Apotheker ist nicht so einfach: Denn da ist noch der Zoll.

Staatsdiener begleiten Touren von Dorsten nach Erle

13 Euro Steuern pro Liter hochprozentigem Alkohol würde der Staat aufgrund der Brandweinsteuer eigentlich bekommen. Bei Desinfektionsmitteln entfällt diese Steuer. Das führt dazu, dass Böckenhoff derzeit häufig in Begleitung von zwei Staatsdienern von Dorsten nach Erle fährt. „Ansonsten müsste man die Behälter verplomben oder in Dorsten und Erle alles wiegen.“

Denn in Dorsten kann Böckenhoff zwar viel mehr Getreide „einmaischen“ als in Erle - dabei wird das Getreide mit Hefepilzen vermischt. 11 Tonnen pro Woche sind dort möglich - in Erle nur 2 Tonnen. Doch technisch bedingt kann die Dorstener Brennerei nur 85-prozentigen Alkohol erzeugen - zu wenig für Desinfektionsmittel.

Vor- und nachgebrannt

Deshalb brennt Böckenhoff nun den Alkohol in Dorsten vor, fährt in nach Erle und brennt ihn dort auf 96 Prozent. Damit bei den Fahrten kein Alkohol „abgezwackt“ wird, der mit Wasserzugabe trinkbar gemacht werden könnte, begleitet der Zoll jede Tour. Und Böckenhoff muss bei jedem Verkauf nachweisen können, wer den Alkohol zu welchem Zweck bekommen hat.

Derzeit arbeitet Böckenhoff daran, eine Erlaubnis zu bekommen, Desinfektionsmittel selbst mischen zu können. Problem dabei ist, dass auch „Zutaten“ wie Glycerin und Wasserstoffperoxid knapp sind. Zudem braucht Böckenhoff noch einen „Liefer- und Vertriebskontrakt“ mit einer Apotheke: „Damit sind wir gerade beschäftigt.“ Böckenhoffs Hoffnung ist, dass er fertige Desinfektionsmittel in etwa einer Woche produzieren kann.

„Vorlauf“ ist gefragt

Ein Abfallprodukt, das beim Brennen abfällt, ist derzeit auch sehr gefragt: der so genannte „Vorlauf“. Damit wird laut Böckenhoff „schlechter Alkohol“ bezeichnet, der beim Brennen etwa 25 Prozent der Gesamtmenge ausmacht und etwa 70 Prozent Alkoholgehalt hat. „Der wird vergällt mit Tannennadelöl“, sagt Böckenhoff und anschließend an Reinigungsmittelfirmen zur Flächendesinfektion verkauft.

Angesichts der Knappheit an Desinfektionsmitteln: Ist der Verkauf von Alkohol zu diesem Zweck ein gutes Geschäft für Böckenhoff? „Es ist ein Ersatzgeschäft - besser als nichts“, sagt der Brennmeister. Man könne eine „kleine Mark“ damit machen, aber nicht reich werden. Lieber wäre ihm, wenn es gelänge, die Coronavirus-Krise zu beenden. „Wir sind froh, dass wir da auch helfen können.“

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