Therapeut: Coronavirus wirft Angstpatienten und Depressive zurück

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Psychisch erkrankte Dorstener haben es seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie besonders schwer. Ein Psychotherapeut erläutert, warum Angstpatienten oder Depressive jetzt besonders leiden.

Dorsten

, 08.05.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Dorstener Psychotherapeut Helmut Dikomey hat seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie feststellen können: „Einige Patienten kommen nicht mehr in die Praxis, weil sie ihren Haushalt nicht mehr verlassen wollen.“ Etwa ein Viertel seiner Patienten sei betroffen, so Dikomey. Der Kontaktabbruch sei besonders problematisch bei Patienten mit Depressionen oder Angststörungen.

Helmut Dikomey

Helmut Dikomey © privat

Corona lähmt die ohnehin zerbrechlichen, mithilfe der Therapie wieder gewonnenen Spielräume, sagt der Therapeut: „Für diese Patienten ist eine geregelte Tagesstruktur besonders wichtig. Sie müssen Sozialkontakte pflegen. Jede Woche, die diese Menschen inaktiv sind, verschlechtert ihr Krankheitsbild.“ „Die augenblickliche Situation führt dazu, dass sich die Patienten immer weiter zurückziehen.“

  • PsyNet e.V. heißt der Verein von Psychotherapeuten im Kreis Recklinghausen. Der Verein hat eine Geschäftsstelle in der Springstr. 11, 45657 Recklinghausen und ist telefonisch zu erreichen unter (02361) 3068872, kontakt@psynet-ev.de.
  • Es gibt telefonische Sprechzeiten für Patienten montags von 15 bis 16 Uhr und donnerstags von 9 bis 10 Uhr. Die Therapeuten führen eine gemeinsame Interessentenliste, auf die Therapieplatzsuchende sich eintragen lassen können und die allen ca. 60 Vereinsmitgliedern zugänglich ist. So müssen Patienten nicht alle Praxen einzeln abtelefonieren.

Corona hat die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stark verändert. Besonders schwerwiegend wirken sich die Einschränkungen auf das Gemüt seelisch kranker Menschen aus. Hinzukommt, dass „viele ergänzende Beratungsangebote eingestellt worden sind. Gruppentreffen oder Beratungsangebote wurden eingestellt. Auch das ist problematisch“, so Dikomey.

Telefonsprechstunden oder Videosprechstunden

Recht gut angenommen werden indes die Videosprechstunden bzw. Telefonsprechstunden von Therapeuten. Diese Angebote bewähren sich zunehmend. Denn die Wartelisten in den Praxen der 16 Dorstener Psychotherapeuten sind auch ohne Beeinträchtigungen durch Corona lang. „20 Wochen dauert es etwa, bis Patienten eine Therapie beginnen können“, sagt Dikomey.

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Das sei etwas weniger Wartezeit als noch vor sechs Jahren. Damals mussten Patienten bis zu einem halben Jahr ausharren, bis sie an der Reihe waren. Dass sich Wartezeiten verkürzt haben, liegt nicht etwa daran, dass sich deutlich mehr Therapeuten niedergelassen hätten.

Kreis Recklinghausen gilt als „überversorgt“

Denn im Kreis Recklinghausen sind insgesamt nur fünf Kassensitze im Laufe der letzten sechs Jahre hinzugekommen. Der Kreis gilt trotz der Bevölkerungsdichte als „überversorgt“.

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Positiv auf die Patientenversorgung habe sich laut Helmut Dikomey aber ausgewirkt, dass Psychotherapeuten ihre Praxissitze mit Berufskollegen teilen können. „Zwei Therapeuten haben mehr Kapazitäten“, erklärt Dikomey. Früher habe er 30 Sitzungsstunden pro Woche allein geleistet, jetzt habe er einen halben Sitz an einen Kollegen verkauft. Macht unterm Strich zehn Sitzungsstunden mehr. Ein Plus, vom dem Patienten profitieren.

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