„Begabungen stecken in jedem.“ Davon ist Christian Fischer, Professor für Begabungsforschung und individuelle Förderung an der Uni Münster, überzeugt. Er weiß auch, wie man sie fördern kann.

Dorsten

, 30.06.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Manche Kinder sind echte Mathegenies, andere haben es eher mit Fremdsprachen, wieder andere lesen super vor – Kinder haben unterschiedliche Begabungen. Individuell sind sie, aber in jedem Kind vorhanden. Davon ist Christian Fischer, Professor für Begabungsforschung und individuelle Förderung an der Universität Münster, überzeugt. Wie sie gefördert werden müssen, darüber sprach Fischer mit Redakteurin Jennifer Uhlenbruch.


Was verstehen Sie unter dem Begriff „Begabung“?

Ich habe einen sehr breiten Begabungsbegriff. „Begabung“ bedeutet, eine individuelle Befähigung für bestimmte Leistungen zu haben. So werden besonders begabte Kinder erfasst, sogenannte Hochbegabte, aber auch Kinder, die spezielle Beeinträchtigungen zeigen und gleichzeitig eine Begabung auf einem Gebiet haben.

Warum ist das Thema Begabungen und deren Förderung so aktuell?

Wir merken im internationalen Vergleich, dass es in Deutschland noch nicht hinreichend gelingt, das vielfältige Potenzial von Schülern zu erkennen und zu fördern. Das ist für die Gesellschaft in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Zum anderen für das Lebensglück jedes Kindes, das nicht richtig gefördert wird und seine Talente entfalten kann. Gerade besonders begabte Kinder kommen bei uns oft noch zu kurz.

Wir sind also keine begabungsfördernde Gesellschaft?

Wir sind noch stark defizitorientiert. An Schulen gibt es mehr Förderung für Leistungsschwache als für Leistungsstarke. Man könnte jetzt sagen, das sei ausgleichende Gerechtigkeit. Die Kinder seien ja eh schon schlauer. Aber wer Kinder unterfordert, schadet ihnen. Studien zeigen, dass Lehrer Kindern oft zu wenig zutrauen und viel zu wenig von ihnen erwarten.

Gerade bei Kindern aus sozial benachteiligten Lagen oder mit Migrationshintergrund ist das so. Es gibt die sogenannte „Unterforderung aus Empathie“, die aber alles andere als guttut. Man vergisst oft, dass Kinder mit einer Zuwanderungsgeschichte und der daraus resultierenden Mehrsprachigkeit eine große Sprachkompetenz haben. Oft wird nur auf die Defizite in der deutschen Sprache geschaut.

Wie müsste sich das Schulsystem also ändern, damit es besonders begabten Schülern eher gerecht wird?

Es geht nicht darum, Förderung einseitig zu forcieren und die Kinder wie in manchen südostasiatischen Systemen zu drillen. Aber wir müssen Möglichkeiten des beschleunigten und vertieften Lernens schaffen. Wenn Kinder also schnell mit dem Unterrichtsstoff, der im Lehrplan steht, durch sind, muss man ihnen im Unterricht die Möglichkeit geben, diesen zu vertiefen. Ist ein Kind sehr schnell in diesem Fach, macht es vielleicht Sinn, es darin höherzustufen. Eine gesamte Klasse zu überspringen ist nur dann gut fürs Kind, wenn es insgesamt weiter entwickelt ist, also auch auf der emotional-sozialen und psycho-motorischen Ebene. Es kann ansonsten eine Entwurzelung für das Kind bedeuten.

Montessori-Schulen umgehen das, indem sie altersgemischte Klassen anbieten. In diesen Klassen haben die Kinder zwischen zwei und vier Jahren Zeit, den Unterrichtsstoff zu lernen. Sind sie nach zwei Jahren fertig, gehen sie in die nächste Lerngruppe. Andere wechseln erst später.

Wie zeigt sich das, wenn Kinder nicht genug gefördert werden?

Sie sind gelangweilt, unglücklich und es kann sein, dass sie eine chronische Anstrengungsverweigerung entwickeln. Das bedeutet: In der Grundschule fiel ihnen alles leicht. In der weiterführenden Schule kommen dann die Fremdsprachen dazu und die Kinder schaffen es nicht, sich zu motivieren, um Vokabeln zu lernen. Sie haben nie gelernt zu lernen. Diese Anstrengungsvermeidung weitet sich häufig aus. Deswegen ist es ja auch oft nicht der IQ, der für erfolgreiche Lebensläufe sorgt, sondern die Leistungsmotivation und die haben diese Kinder häufig nicht.

Wir sprechen jetzt viel von den hochbegabten Kindern. Aber Sie sagen ja auch: „Begabungen stecken in jedem.“

Ja, das ist auch so. Begabungen hat jedes Kind und wir versuchen an unserem Institut, Erkenntnisse aus der Begabtenförderung auf die individuelle Förderung aller Schüler zu übertragen. Ein Beispiel: An der Wittenbrinkschule gibt es das Forder-Förder-Projekt. Ein halbes Jahr lang beschäftigen sich Schüler wöchentlich eine Doppelstunde mit einem Thema ihrer Wahl, werden so zu Experten, schreiben eine Hausarbeit, halten einen Vortrag. Wir haben das auch an einer Förderschule durchgeführt und auch diese Schüler haben Dinge erarbeitet, über die viele am Ende gestaunt haben.

Gehen wir mal weg von der Schule. Wie können Eltern Begabungen fördern?

Sie müssen offen sein und sehr genau hinschauen, was ihr Kind gerne tut. Verschiedene Angebote sollten gemacht werden; die Musikschule, Sportvereine und andere Angebote in der Stadt genutzt werden. Eltern sollten das Kind ermutigen, Dinge auszuprobieren und auch mit den Kindergärten und Schulen in den Dialog über die Talente und Begabungen des Kindes treten.

Und dann geht mein Kind montags zum Ballett, dienstags zum Gitarrenunterricht und mittwochs zum Buchclub.

Manche Eltern bräuchten schon einen Taxischein, das ist richtig. Es ist für die Eltern ein Drahtseilakt, die Balance zu halten. Denn die meisten Kinder müssen auch mal abspannen. Aber natürlich nicht alle. Manche brauchen so viele Herausforderungen.

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