Dauerabriss oder Kopie: Zukunft des Tisa-Brunnens schlägt hohe Wellen

mlzTisa-Brunnen

Die Empfehlung, den beliebten Tisa-Brunnen in Dorsten nicht wieder aufzubauen, sorgt für Diskussionen. Bürger schäumen, eine Expertin meldet sich zu Wort, Politiker suchen Alternativen.

Dorsten

, 22.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diese Entscheidung stimmt mich sehr traurig.“ „Bei allem Verständnis, dass die Stadt sparen muss, aber das ist einfach ein Husarenstück der Verwaltung und des Kulturbeirats.“ „Ich finde, dass man die Bürger mitentscheiden lassen soll.“ „Der Brunnen stellt die Stadtgeschichte Dorstens dar. Da sollte man schon das nötige Fingerspitzengefühl besitzen.“

Viele Diskussionen

Nur einige der zahlreichen Einsendungen, Kommentare und Meinungen, die unsere Redaktion in den vergangenen Tagen erreicht haben. Sie zeigen: Die einhellige Empfehlung des nicht-öffentlich tagenden Kunstbeirats der Stadt, den sanierungswürdigen und derzeit eingelagerten Tisa-Brunnen der verstorbenen Künstlerin und Ehrenbürgerin Tisa von der Schulenburg (Schwester Paula) weder auf dem Marktplatz noch sonstwo in der Stadt wieder aufzubauen, hat für viele Diskussionen in der Bürgerschaft gesorgt.

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Das Argument des neunköpfigen Gremiums, das aus Vertretern der Ratsfraktionen und externen Kunstexperten besteht: Nicht der Brunnen an sich, sondern lediglich die Reliefplattten von Tisa seien als Kunstwerke zu betrachten. Sie sollten deshalb an anderer Stelle ausgestellt werden.

Steinbildhauer Rainer Kuehn montierte fachgerecht die Reliefarbeiten ab und sicherte sie in seiner Werkstatt.

Steinbildhauer Rainer Kuehn montierte fachgerecht die Reliefarbeiten ab und sicherte sie in seiner Werkstatt. © Stadt Dorsten

Die Kunsthistorikerin Marion Taube ist da ganz anderer Meinung. „Tisa wirkte immer in großer Ganzheitlichkeit“, erklärt sie in einem offenen Brief an Bürgermeister Tobias Stockhoff (online zu sehen unter www.freitaube.de) . „Tisa hat als Auftragsarbeit einen Brunnen für das öffentliche Herz dieser Stadt, den Dorstener Marktplatz geschaffen“, so Marion Taube, die als Kuratorin für künstlerische Dorstener Projekte wie „Anstiftung zur Stadtentdeckung“, „Lippe-Polder-Park“ und „Stadtkrone“ verantwortlich war.

Lebendig sprudelnd

„Dieser Werkskontext aus Aufgabe, Ort, Zeit, Erinnerungsraum und Bestimmung war ihr wichtig. Hätte man Tisa seinerzeit um erinnerungsträchtige Reliefplatten für einen musealen Kontext gebeten, es wäre kein Brunnen entstanden“, so Marion Taube. „Sie erschuf aber einen, lebendig sprudelnd, Geschichte und Geschichten erzählend, tauglich zur Erbauung ganzer Generationen.“

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Die Politik muss nun über die Zukunft des Tisa-Brunnens, der fast 60 Jahre nahe des Alten Rathauses auf dem Marktplatz stand, entscheiden. SPD-Fraktionschef Friedhelm Fragemann schlägt eine Bürgerbefragung vor.

SPD: Bürger befragen

„Der Tisa-Brunnen ist eine der wichtigen kulturellen Landmarken in unserer Stadt“, betont Fragemann, der auch Vorsitzender des Dorstener Umwelt- und Planungsausschusses ist, der sich am Dienstag (23. Juni) in der Petrinum-Aula in öffentlicher Sitzung mit dem Brunnen beschäftigt.

Die Dorstener Kunsthistorikerin Marion Taube

Die Dorstener Kunsthistorikerin Marion Taube © Moritz Brilo

Der SPD-Stadtverband wolle den Brunnen erhalten, heißt es in einer Pressemitteilung. Fragemann schlägt vor, eine Kopie des Brunnens zu errichten und die Original-Reliefs vor Umwelteinflüssen geschützt an anderer Stelle den Bürgern zugänglich zu machen.

CDU Altstadt forderte Duplikat

Einen ähnlichen Vorschlag hat unterdessen auch die CDU-Altstadt/Feldmark unterbreitet. Sie spricht sich für ein Duplikat des Tisa-Brunnens auf dem Marktplatz aus - und teilt die Ansicht des Kunstbeirates, dass die Originalplatten an anderer Stelle für die Nachwelt gesichert werden müssen. Das Duplikat sei aus CDU-Sicht erforderlich, da die originalen Geschichtsplatten aus Beton stark verwittert seien.

„Würde man Schwester Paulas Originalplatten wieder anbringen, würde der Brunnen als Tisa-Brunnen vielleicht noch 10 oder 15 Jahre erkennbar sein. Danach wäre es nur noch ein Brunnen mit undefinierbaren Betonplatten“, so Ratsherr Hendrik Schulze-Oechtering (CDU).

„Warum nicht eine Restaurierung?“, fragt hingegen Kunsthistorikerin Marion Taube. „Auch verwittert bleibt der Brunnen eine starke Arbeit.“ Aus der Bürgerschaft kämen sicherlich genügend Spenden dafür zusammen.

Siena als Beispiel

Im Zweifel wäre für Marion Taube auch eine „wirklich gut gemachte Replik“ des Brunnens denkbar: „Auch die kostet natürlich.“ Als Vorbild und Beispiel führt sie unter anderem Jacopo della Quercias Brunnen „Fonte Gaia“ auf der Piazza del Campo in Siena an. „Kein Mensch vermisst das Original, alle

verehren die Kopie aus dem 19 Jahrhundert, niemand in der Welt möchte diesen einmaligen, stadtbildprägenden Brunnen missen.“

An den Reliefarbeiten hatte der Zahn der Zeit genagt.

An den Reliefarbeiten hatte der Zahn der Zeit genagt. © privat

Die CDU-Ratsfraktion Dorsten wird in einer Sondersitzung das Thema „Tisa-Brunnen“ im Anschluss an die Umwelt- und Planungsausschuss-Sitzung am Dienstagabend beraten. Eine Restaurierung sei nach Meinung von CDU-Fraktionschef Bernd-Josef Schwane keine echte Option.

Auch ein Mahnmal

Da der Kunstbeirat eine Reproduktion (Abdruck der Platten auf einem neuen Brunnen) verworfen habe, wolle die CDU-Fraktion erst final beraten, wenn ein Sprecher des Kunstbeirates die Position im Umwelt- und Planungsausschuss erläutert hat“, betont der CDU-Fraktionschef. Es gäbe weitere Aspekte: Der Brunnen sei auch ein Mahnmal, da er auch an die dunklen Stunden der Dorstener Stadtgeschichte erinnere.

Tisa-Stiftung enttäuscht

Ganz vom Tisch scheint inzwischen eine in die Diskussion geworfener Standort-Alternative sein: Der Brunnen, so die Stadt, könnte vor dem im Aufbau befindlichen Tisa-Archiv seinen Platz finden. „Schade, dass wir als Tisa-von-der-Schulenburg-Stiftung, die wir dabei sind, mit Unterstützung der Ruhrkohle das Erbe von Tisa am Standort Fürst Leopold zu sichern, an den Beratungen nicht beteiligt werden“, so Altbürgermeister Lambert Lütkenhorst. „Ich hatte dazu als Vorsitzender der Stiftung einen finanzierbaren Vorschlag gemacht.“

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