Der Dorstener Alfred Weiß engagiert sich als Mentor bei der Initiative „Joblinge“

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Die Initiative „Joblinge“ sucht neue Mentoren. Freiwillige, die jungen Leuten bei der Lehrstellensuche Mut machen. So wie der Dorstener Alfred Weiß.

Dorsten

, 18.02.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seine Worte klingen fast schon pathetisch, aber Eren Özdemir trägt sie ganz nüchtern vor: „Alfred Weiß ist mein Lehrer, mein Motivator, mein Inspirator – und mein Freund“, sagt der 23-Jährige. Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich bin ohne Großvater aufgewachsen. Auch diese Rolle füllt er aus.“

Dass sich ihr Verhältnis einmal so entwickeln würde, hätte Eren Özdemir auch nicht gedacht. Denn als die beiden Dorstener sich vor knapp vier Jahren kennenlernten, war Alfred Weiß (75) zunächst mal nur eins: sein Mentor bei den „Joblingen“.

Bundesweit gibt es 30 Standorte

Bei der Initiative „Joblinge“ engagieren sich Akteure aus Wirtschaft und Staat sowie Privatpersonen gemeinsam, um jungen Menschen mit schwierigen Startbedingungen echte berufliche Chancen zu eröffnen – und sie nachhaltig in Ausbildung und Gesellschaft zu integrieren. Bundesweit haben die „Joblinge“ 30 Standorte. Im Ruhrgebiet sind sie seit 2013 vertreten, im Kreis Recklinghausen seit 2015.

„Die jungen Leute kommen über das Jobcenter zu uns. Sie stammen fast alle aus Bedarfsgemeinschaften, beziehen also Hartz IV“, erläutert der Regionalleiter der „Joblinge gAG Ruhr“, Raphael Karrasch. Unterstützt, gefördert und qualifiziert werden die 16- bis 25-Jährigen sechs Monate lang vom hauptamtlichen „Joblinge“-Team – aber eben auch von ehrenamtlich tätigen Mentoren wie Alfred Weiß. Von diesen freiwilligen Mutmachern gibt es am Standort Recklinghausen offiziell knapp 90. „Aber davon sind einige inaktiv. Deshalb ist es für uns sehr wichtig, dass wir neue Leute finden, die sich engagieren“, sagt Karrasch.

Alfred Weiß gehörte im Kreis Recklinghausen zu den ersten Mentoren

Mentoren sollten mit beiden Beinen fest im Leben stehen, eigene Berufserfahrungen haben – und als Vorbilder jungen Leuten etwas mit auf den Weg geben können und wollen. So wie Alfred Weiß. Der 75-Jährige war früher Prokurist bei der Wirtschaftsförderung in Dorsten (Windor) und spielte eine große Rolle bei der Entwicklung des Industrieparks Dorsten/Marl. Er gehörte in Recklinghausen zu den ersten Mentoren und hat bisher sieben, acht „Joblinge“ betreut: „Aber mit Eren ist das schon etwas Besonderes“, sagt der Rentner.

Die beiden treffen sich bis heute einmal pro Woche. Dann reden sie über Politik, Sport, Privates, das Berufsleben allgemein – und natürlich vor allem über Özdemirs Ausbildung, den Alltag im Betrieb, die Klausuren in der Berufsschule. „Wenn ich nicht weiter weiß, kann ich ihn immer fragen. Er hat so viel Erfahrung“, sagt der 23-Jährige.

Sehr schnell ein Praktikum bei der Euroquarz GmbH bekommen

Eren Özdemir hat damals über die „Joblinge“ sehr schnell ein Praktikum bei der Euroquarz GmbH in Dorsten bekommen – und konnte dort anschließend eine Ausbildung zum Industriekaufmann beginnen. Mittlerweile ist er im dritten Lehrjahr und „total zufrieden“.

Alfred Weiß verfügt über ein großes berufliches Netzwerk. Diesen Trumpf spielte er für Özdemir aber nicht aus. Stattdessen hat er ihm viele praktische Tipps gegeben – beispielsweise, wie man in einem Vorstellungsgespräch gewinnend auftritt.

Weiss findet die Arbeit mit den jungen Leuten spannend, es macht ihm Spaß, ihre Sicht der Dinge kennenzulernen – auch wenn sie ihm manchmal fremd ist. Etwa wenn es um Bewerbungs-Apps geht. „Ich denke immer noch, dass das persönliche Gespräch unschlagbar ist.“

Viele Joblinge wissen um ihre letzte Chance

Viele der „Joblinge“ seien schon mal gescheitert, wüssten um ihre letzte Chance – „und sind hoch motiviert“. Genau darauf legt die Initiative auch Wert: „Bei uns muss man mitmachen wollen“, betont Karrasch. Auch um das zu beweisen, beginnt jeder Umlauf zunächst mal mit einer dreitägigen gemeinnützigen Projektarbeit: „In Essen haben wir dabei zum Beispiel einen Kindergarten renoviert“, so Karrasch.

Sich mit seinem Mentor zu treffen, hat Özdemir von Anfang gefallen: „Weil ich gemerkt habe, dass er Freude daran hat, mir zu helfen. Er bekommt dafür ja nichts, er macht das alles freiwillig. Ihm ist es wichtig, dass ich Erfolg habe.“ Und das sei ein sehr gutes Gefühl.

Bericht von Markus Geling.

  • Die Initiative „Joblinge“ will Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen dauerhaft in Ausbildung oder Arbeit bringen. Das sechsmonatige Programm beginnt mit gemeinnütziger Projektarbeit. Danach finden die Teilnehmer in Workshops heraus, wo ihre Stärken liegen, besuchen Unternehmen und absolvieren Praktika in Betrieben.
  • Die „Joblinge“ wurden 2007 von der Boston Consulting Group und der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG initiiert. Im Ruhrgebiet gibt es drei Standorte: in Essen (seit 2013), in Gelsenkirchen (seit 2014) und in Recklinghausen (seit 2015). Im Revier seien bisher 1100 junge Menschen ins Programm aufgenommen worden. „In sieben von zehn Fällen klappt es dabei mit der Ausbildung. Das ist fürs Ruhrgebiet eine äußerst beachtliche Quote“, findet Raphael Karrasch, Regionalleiter der „Joblinge gAG Ruhr“.
  • In Recklinghausen gab es bisher 232 Teilnehmer. Pro Jahr starten hier vier Gruppen mit jeweils 20 jungen Leuten. Für die werden regelmäßig ehrenamtliche Mentoren gesucht.
  • Seit 2017 gibt es im Revier „Joblinge Kompass“. Das Programm will junge Flüchtlinge unterstützen. Es hat 45 Teilnehmer aus Essen, Gelsenkirchen und dem Kreis Recklinghausen.
  • Ein Großteil des benötigten Geldes kommt vom Jobcenter. Ein Viertel des Etats wird laut Raphael Karrasch über Spenden gedeckt. Zuletzt hat etwa die Sparkasse Vest erneut 1000 Euro für Unterrichtsmaterialien bereitgestellt.
  • Kontakt: Joblinge gAG Ruhr, Erlbruch 38, 45657 Recklinghausen, Tel. (02361) 40 86 130.
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