Die Dorstenerin Claudia Hennecke züchtet bunte Dackel. Zu Weihnachten vermittelt sie grundsätzlich keine Welpen. Für den Wurf im Frühjahr hat sie schon 100 Anfragen. © Claudia Hennecke
Tierschutz

Der Wunsch nach einem Hundewelpen: Menschen sind „im Kaufrausch“

Der beste Freund des Menschen, der Hund, ist beliebt wie nie – das bestätigen Hundezüchter, -Trainer und Tierschützer aus Dorsten. Sie erzählen, warum man jetzt keine Welpen kaufen sollte.

Die Corona-Maßnahmen führen zu traurigen Entwicklungen. Vielleicht um die Einsamkeit zu stillen, ist die Nachfrage nach Haustieren im Corona-Jahr 2020 immens gestiegen. Was sich zunächst nach einer guten Nachricht anhört, führt bei genauer Betrachtung zu immensen Problemen, die auf dem Rücken der Tiere ausgetragen werden.

Einen Welpen um jeden Preis

Marina Hinz vom Tierschutzverein Dorsten bestätigt, dass „Corona-bedingt“ viele einen Hund adoptieren wollen. Obwohl das Tierheim, wie jedes Jahr zu Weihnachten, die Vermittlung gestoppt hat, kämen immer wieder Anfragen rein.

Hundetrainerin Melanie Jordan von der Hundeschule „menschund“ in Wulfen spricht gar von einem „Kaufrausch“.

Die Dorstenerin Dorothea Hennecke erlebt es tagtäglich: Leute rufen bei ihr an und wollen einen Dackel bei ihr kaufen. Seit 30 Jahren züchtet sie Hunde. Mit der Zeit hat sie sich auf bunte Dackel, die amerikanische Linie, spezialisiert und züchtet mit zwei Hündinnen. Sie plant mit zwei Würfen im Jahr.

Obwohl sie aktuell keine Welpen vermittelt, was auch ausdrücklich auf ihrer Homepage steht, hat sie jetzt schon 100 Anfragen für den Wurf im Frühjahr. „Es ist schrecklich“, sagt sie.

Was macht einen seriösen Hundezüchter aus?

Jeden Tag E-Mails und Anrufe. Dorothea Hennecke sitzt zwischen allen Stühlen. „Die Leute sind verzweifelt“, erzählt sie. Da ist zum Beispiel der trauernde Hundebesitzer, der nach 16 Jahren sein Tier verloren hat, und nicht mehr alleine sein will, und dem sie absagen muss, weil die Nachfragen überhand nehmen.

Sie habe momentan keine Tiere in der Vermittlung, „ich produziere ja nicht“.

Die Dorstenerin sucht die künftigen Hundehalter ihrer Schützlinge gezielt aus und vertraut auch auf ihr Bauchgefühl. Laut Tierschützerin Marina Hinz sind Nachfragen seitens des Züchters ein Hinweis auf einen seriösen Anbieter. Wer nur das schnelle Geld machen wolle, schere sich nicht um das Umfeld der Interessenten.

Tierheim-Leiterin Annika Niemann und Marina Hinz (Vorstandsteam des Tierschutzvereins) vermitteln über Weihnachten grundsätzlich keine Tiere. © Privat © Privat

Diese Leute gibt es leider immer häufiger, das beobachtet auch Dorothea Hennecke. „Im Moment züchten viele Leute einfach drauflos, nehmen horrende Preise und verkaufen die Tiere ohne Papiere“, so die Züchterin. Das sei ein echtes Problem. Sie selbst erfülle hohe Auflagen, damit ihre Welpen gesund sind.

„Man darf einen Tiger-Dackel nie mit einem anderen Tiger-Dackel kreuzen“, erklärt sie. Die Nachkommen können an Gen-Defekten leiden, blind sein und andere schwerwiegende Behinderungen entwickeln. Der Experte spricht in diesem Zusammenhang von „Qualzucht“.

Der Charakter wird durch Gene und Prägephase bestimmt

Hundetrainerin Melanie Jordan rät generell dazu, sich die Elterntiere zeigen zu lassen, wenn man einen Welpen adoptieren will. Denn: Die Gene und das Verhalten der Elterntiere haben Einfluss auf das Verhalten der Tiere. „Ich habe von einer Züchterin gehört, die eine verhaltensauffällige Hündin hat decken lassen, weil sie so gut ausgesehen habe“, erzählt die Hundetrainerin. Die Auffälligkeiten können sich dann weitervererben.

Was im Welpenalter vielleicht noch niedlich wirkt, kann sich in der Junghund-Phase zu massiven Problemen auswachsen. Welpen, die „reizarm“ aufgewachsen sind und in den ersten Lebenswochen wenig kennengelernt haben, können, wenn die Besitzer nicht gegensteuern, massive Ängste entwickeln. „Das kann so weit gehen, dass die Hunde sich eventuell im schlimmsten Fall nicht mehr vor die Tür trauen, weil sie massiv gestresst sind.“

Auch Familienhunde können einen Jagdtrieb haben

Marina Hinz nennt ein anderes Beispiel: „Ich habe selber eine Golden Retriever-Hündin übernommen, die einen starken Jagdtrieb hat.“ Das sei im Grunde nicht ungewöhnlich, ist die Rasse doch für die Entenjagd gezüchtet worden. Nur würden Golden Retriever heutzutage als Familienhunde gehandelt. Marina Hinz‘ Hündin möge Hektik und hohe Töne hingegen nicht und könne deshalb nicht gut mit Kindern.

Sie rät deshalb dazu, sich vorher zu überlegen, was für einen Hund man sucht. Der Tierschutzverein oder Züchter sollte die Interessenten beraten. So macht es auch Dorothea Hennecke: „Nicht der, der am meisten bezahlt, sondern bei dem ich das Gefühl habe, dass es passt, bekommt den Welpen.“

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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