Diakon spricht offen über die Gründe von Kirchenaustritten

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Der Diakon von St. Laurentius hat ein offenes Ohr für Menschen, die mit der Kirche hadern. So steht er zum Missbrauchsskandal, der Gleichberechtigung von Mann und Frau und dem Vatikan.

Dorsten

, 25.07.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Burkhard Altrath betrachtet seinen Beruf als Berufung - er ist Diakon der katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius in Lembeck. Vorher arbeitete er zehn Jahre lang als Erzieher in einem Hort. Seinen ersten Beruf und seinen jetzigen verbindet er mittlerweile. Jeden der drei katholischen Kindergärten der Gemeinde besucht Altrath einmal im Monat. Dort nimmt er sich Zeit für das Personal und die Kinder. „Seelsorge mit Gesicht“, nennt der Diakon das - für Altrath ein Weg, um den sinkenden Mitgliederzahlen entgegenzuwirken.

Warum treten Menschen aus der Kirche aus?

Denn das ist die Frage: Warum sind die Zahlen der Kirchenaustritte auf Rekordniveau? Burkhard Altrath meint: „Viele sagen, dass die Kirche ihnen nichts mehr bringe.“ Nach Firmung, Trauung und Taufe des Kindes würde manch einer zum Amtsgericht gehen, um auszutreten - ein schneller, formeller Akt, der um die 30 Euro kostet. „Oft ist es nur der Ernährer, der austritt. So spart die Familie an der Kirchensteuer.“ Früher wägten Menschen auch oft Gewerkschaftsbeiträge gegen die Kirchensteuer ab. „Die Generation, die jetzt austritt, sind Personen, die gerade in den Beruf reingehen. Meistens haben die seit der Firmung keine Kirche mehr von innen gesehen.“

Diakon Burkhard Altrath begegnet man oft in legerer Kleidung, ohne Collarhemd.

Diakon Burkhard Altrath begegnet man oft in legerer Kleidung, ohne Collarhemd. © Lydia Heuser

Hier setzt der Diakon an, um „den Funken überspringen zu lassen und eine Bindung aufzubauen“. Taufgespräche und liturgische Feiern sollen in positiver Erinnerung bleiben. Deshalb moderiert er Taufen. „Ich erkläre kurz, warum ich einen Segen sprechen, weshalb das Taufkleid weiß ist und so weiter.“ Das sei wichtig heutzutage, so nehmen die Familien gute Erinnerungen mit nach Hause.

Todesfälle sind die anderen Momente im Leben, wo Menschen mit ihrer Kirche in Verbindung treten. Der Seelsorger lässt sich bei Kondolenzgesprächen deshalb so viel Zeit, wie die Angehörigen brauchen - das können auch mal mehrere Stunden sein.

Grund: Der Skandal um den sexuellen Missbrauch in der Kirche

Der Diakon vermutet jedoch, dass es vor allem die großen Themen und Schlagzeilen sind, die den Mitgliederschwund verursachen. Der Missbrauchsskandal in der Kirche traf die Katholiken; manch einer - auch in Lembeck - erklärte seinen Austritt. „Das Vertuschen war ein großer Fehler. Wir als Kirche hätten viel offensiver und deutlicher Stellung nehmen müssen“, findet Altrath.

Innerhalb der Gemeinde haben sie das Thema in Predigten und Pfarrbriefen angesprochen. „Der Skandal hat uns Glaubwürdigkeit und Vertrauen gekostet“, weiß der Diakon. „Das Thema muss aufgearbeitet werden. Ich verurteile den Missbrauch aufs Härteste.“ Im Bistum gibt es nun drei Ansprechpartner, die bei Verdachtsmomenten gleich die Staatsanwaltschaft und Polizei verständigen. Dieses Vorgehen sei eine direkte Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal.

Gleichberechtigung: Frauen sind wichtig in der Kirche

Ein weiteres, heikles Thema, das Katholiken auf den Nägel brennt, ist die Gleichberechtigung. Auch dazu hat der Diakon eine klare Haltung: „Wo wäre die Kirche heute, wenn vor 2000 Jahren die Frauen nicht den Mut aufgebracht hätten, an das Kreuz Jesu zu treten? Sie waren die ersten Zeugen der Auferstehung Christi.“ Er bedauert, dass Frauen in der Kirche oft nur Teilnehmerinnen, Katechetinnen und Reinigungskräfte sind. Und fügt an: „Frauen sind wichtig für unsere männergeprägte Kirche.“

Auch er ist nicht immer einverstanden mit dem, was aus Rom diktiert wird. Das neueste Papier vom Vatikan sei „erschreckend“ und habe für „großes Kopfschütteln gesorgt“. Darin werde untersagt, dass Pfarreien nicht mehr über Leitungsmodelle, sondern ausschließlich von Priestern geleitet werden dürfen - ein Problem angesichts der Nachwuchssorgen. Wenige Männer fühlen sich heutzutage noch zum Priesteramt berufen.

Hinzu komme, dass die Aufgaben des Seelsorgers sich stark gewandelt haben. Aus einem Gespräch mit älteren Kollegen weiß der Diakon, dass in den 1960er-Jahren gut fünf bis zehn Prozent Verwaltungsaufgaben anfielen, das Hauptaugenmerk lag auf der seelsorgerischen Arbeit. Heute sei das Verhältnis umgekehrt. Das Gesicht zu zeigen, ist also auch zeitlich gar nicht mehr umsetzbar. Und so bedingt ein Problem das andere.

Menschen zum Wiedereintritt bewegen

Der Kirchenaustritt wird vom Amtsgericht an das Bistum weitergeleitet, dort wird es in ein Computerprogramm eingepflegt, das von den Gemeinden nach Kirchenaustritten durchsucht wird. Ist eine Person aus der Gemeinde ausgetreten, wird dieser Schritt im Taufbuch vermerkt. So das Prozedere.

Das Dekanat Dorsten zählt 46.196 Katholiken. 2019 sind 366 Personen aus der Kirche ausgetreten, es gab 9 Menschen, die wieder eingetreten sind. 385 Menschen wurden getauft. Bei den Protestanten gliedern sich die Kreise anders; hier werden die Kirchenkreise Bottrop, Gladbeck und Dorsten zusammengezählt. Der Kreis zählt 56.487 Mitglieder. 2019 traten hier 472 Menschen aus, 439 wurden getauft.

Einen Pastoralbrief, in dem oft die Nachteile aufgelistet werden, die der Austritt zur Folge habe, verschickt St. Laurentius nicht. Der Grund: Oft erfährt die Gemeinde erst Monate später vom Austritt. Menschen, die mit der Kirche hadern, müssen schon aktiv das Gespräch suchen. Burkhard Altrath und seine Kollegen haben immer ein offenes Ohr.

Fünf Menschen konnte der Diakon bereits zu einem Wiedereintritt bewegen. Einmal verlief „der Weg zurück“ über die Taufe des Enkelkindes, ein anderes Mal waren es intensive Gespräche um den Missbrauchsskandal.

Kann man denn Christ sein, ohne Mitglied der Kirche zu sein? Für den Seelsorger eine Frage, die es abzuwägen gilt. Die Frage sei schließlich, was einen Christen ausmache. „Ich vermute, dass manche Menschen nur der Institution den Rücken kehren und dass sie trotzdem aus vollem Herzen glauben.“

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