Mottowoche, Abigag, Intensiv-Lernwoche? Alles ausgefallen! Dorstens angehende Abiturienten pauken daheim für Prüfungen. Manchen fällt das Lernen zu Hause leicht, andere tun sich noch schwer.

von Paul Kahla

Dorsten

, 26.03.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Daniela Falkes Wecker klingelt wie immer um 6.30 Uhr. An diesem Donnerstag kann sie jedoch noch etwas liegen bleiben. Wegen der Schließung der Kindergärten muss sie aktuell nur noch zwei Tage die Woche das Haus verlassen, um ihrer Arbeit als Erzieherin nachzugehen. An den Tagen, an denen sie nicht die Notgruppe des Kindergartens betreut, arbeitet sie von zu Hause.

Um 10 Uhr frühstückt Familie Falke gemeinsam. Normalerweise ist um diese Zeit niemand mehr im Haus. Aber auch die Kinder Lino (11) und Marie (14) bleiben momentan zu Hause. Ihre Schulen sind geschlossen. Aufgaben von Lehrern erhalten die beiden weiterhin - nur eben auf einem anderem Weg als sonst.

Familie Falke beim gemeinsamen Frühstück. Im hektischen Alltag ist dafür sonst eher wenig Zeit.

Familie Falke beim gemeinsamen Frühstück. Im hektischen Alltag ist dafür sonst eher wenig Zeit. © Paul Kahla

„Als die Lehrerinnen und Lehrer des Petrinum am Freitag (13.3.) zur Dienstbesprechung geladen wurden, war zwar offiziell noch nichts bekannt, aber die Schulschließung lag wie das Virus in der Luft“, sagt Michael Grave. Er unterrichtet Mathematik und katholische Religion am Gymnasium Petrinum und wurde wie viele Lehrer in Dorsten schon vor einiger Zeit auf den Ernstfall vorbereitet.

Am Mittwoch vor Bekanntgabe der Schulschließung begannen zwei Petrinum-Lehrer, ein System für Online-Beschulung zu entwickeln - ohne zu wissen, dass es schon zwei Tage später zum Einsatz kommen würde. Die Schüler bekamen ein Infoblatt und einen Link zu einem Cloud-Speicher, in den jeder Lehrer in seinem eigenen Ordner Aufgaben bereitstellt.

„Wir hätten die Schüler gerne intensiver informiert, als durch einen Informationszettel“, sagt Dr. Vera Merge, stellvertretende Schulleiterin am Petrinum. Dies sei allerdings nicht möglich gewesen, da die Anordnung der Landesregierung zur Schulschließung erst am Nachmittag erfolgte. Bislang habe es von Schülern und Lehrern nur positive Rückmeldungen gegeben. Andere Schulen, die weniger gut vorbereitet gewesen seien, hätten das System sogar übernommen, so Merge.

Die Gesamtschule Wulfen gehört nicht dazu. Zwei Wochen vor der Schließung habe sich eine achtköpfige Arbeitsgruppe gebildet, um eine Online-Beschulung vorzubereiten, sagt Schulleiter Hermann Twittenhoff. In den Tagen vor der Schließung waren Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern bereits verboten worden. Twittenhoff war klar, dass seine Schule, in der täglich rund 1600 Menschen zusammenkommen, dann auch nicht mehr lange geöffnet sein wird.

Hermann Twittenhoff, Schulleiter der Gesamtschule Wulfen, geht davon aus, dass die Schulen auch über das Ende der Osterferien hinaus geschlossen bleiben.

Hermann Twittenhoff, Schulleiter der Gesamtschule Wulfen, geht davon aus, dass die Schulen auch über das Ende der Osterferien hinaus geschlossen bleiben. © Foto: Claudia Engel

Über einen Cloud-Service auf der Schul-Website können Gesamtschüler Aufgaben herunter- und später ihre Lösungen wieder auf demselben Portal hochladen. Die Lösungen dienen zu Überprüfung des Lernfortschritts, nicht zur Bewertung der Schüler, so Twittenhoff. Es sei wichtig, den Schülern durch den regelmäßigen Upload von Schulmaterial ein Gefühl von Struktur und Alltag zu geben.

Petrinum und Gesamtschule sind sich im Klaren, dass ihr System nicht den echten Unterricht ersetzen kann. An beiden Schulen ist man jedoch zuversichtlich, dass bei der aktuell angekündigten Dauer der Schulschließung Schüler in ihrer Schullaufbahn keinen Nachteil haben werden.

Petrinum-Lehrer macht sich Sorgen

Petrinum-Lehrer Michael Grave macht sich dennoch Sorgen: um Schüler, die eigentlich persönlich von Lehrern motiviert werden müssten; um die, die ohne Unterstützung der Eltern lernen müssen und die, denen sich komplexe Themen auch nach mehrmaligem Anschauen von Erklärvideos im Internet nicht erschließen, sagt er.

Obwohl den Schulen zufolge die fürs Abi relevanten Themen in den Abschlussjahrgängen bereits weitestgehend durchgearbeitet wurden, haben einige Abiturienten ebenfalls Sorgen wegen der fehlenden Unterrichtszeit.

Plötzlich letzter Schultag: Mottowoche und Abigag fallen aus

„Am Freitagnachmittag hat unser Schulleiter in einer Durchsage erklärt, dass unsere Schule ab Montag geschlossen bleibt“, erzählt Jolene Rademacher. Die 19-Jährige macht in diesem Jahr an der Gesamtschule Wulfen ihr Abitur. Die anfängliche Freude der Abiturienten über die schulfreie Zeit wich schnell der ernüchternden Erkenntnis, dass sie gerade ihren letzten Schultag erlebt hatten. Und der war bei Weitem nicht so feierlich gewesen, wie sie ihn sich vorgestellt hatten. Wegen der Schließung können auch Mottowoche und Abistreich nicht stattfinden.

„Für viele ist die Mottowoche ein Highlight in der Schullaufbahn“, sagt Jolene Rademacher. „Und das wird uns jetzt durch die Corona-Krise genommen.“ Die Schüler halten die Schulschließungen für völlig nachvollziehbar, sind von den Umständen dennoch enttäuscht.

„Lieber im Unterricht, weil ich direkt Fragen stellen kann“

Jolene Rademacher fällt es teilweise noch schwer, sich daran zu gewöhnen, mit dem restlichen Lernstoff auf sich allein gestellt zu sein. „Ich arbeite lieber im Unterricht, weil ich dort angeleitet werde und direkt Fragen stellen kann“, sagt sie. Bei der Nutzung des Online-Portals helfen die Schüler sich gegenseitig. Von der ursprünglichen Idee, sich in Lerngruppen zu treffen und sich gemeinsam auf die Prüfungen vorzubereiten, haben sie erst einmal Abstand genommen.

Philiene Wickler blickt positiver auf die Situation. Die 19-jährige angehende Abiturientin am Gymnasium Petrinum ist mit dem Online-System ihrer Schule sehr zufrieden. „Wenn die vergangenen 18 Monate mich nicht schon genug auf das Abitur vorbereitet haben, dann hätten die letzten drei Wochen des Unterrichts daran auch nichts mehr geändert“, sagt sie.

Intensive Lernwoche vor Abizulassung wird fehlen

Gleichwohl gibt auch sie zu, dass ihr die intensive Lernwoche, die normalerweise kurz vor den Abiturzulassungen stattfindet, fehlen wird. Allerdings kann sie die verbleibenden Wochen nutzen, um sich zu Hause in ihrem eigenen Rhythmus auf die Prüfungen vorzubereiten.

Auch Daniela Falkes Kinder haben unterschiedliche Sichtweisen auf die momentane Lernsituation. Lino (11) kann seine Aufgaben alleine viel schneller und konzentrierter bearbeiten als im Schulalltag. Seiner Schwester Marie (14) fehlt die Struktur der gewohnten Unterrichtsstunden. Sie hat Schwierigkeiten, sich auf die Aufgaben zu konzentrieren, die sie in den Online-Ordnern ihrer Lehrer findet. Sie hat außerdem das Gefühl, insgesamt weniger zu lernen als im normalen Schulalltag.

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Daniela Falke ist jedenfalls beeindruckt davon, wie gut die Vernetzung und der Informationsfluss an beiden Schulen ihrer Kinder funktioniert hat. Sie sieht die nächsten Wochen zu Hause als eine Chance, sich zu erden und auf das Wichtige zu besinnen. Außerdem kann die Familie nun Dinge tun, für die im hektischen Alltag sonst keine Zeit ist.

Es ist nun Zeit, gemeinsame Mahlzeiten zu genießen und sich um den Garten zu kümmern. Besonders die Kinder fürchten allerdings, dass die Wochen zu Hause früher oder später langweilig werden. Die Familie hofft daher, dass alle öffentlichen Einrichtungen nach den Osterferien wieder öffnen können.

Hermann Twittenhoff ist was die Öffnung der Schulen angeht wenig optimistisch. Er fürchtet, dass der Unterricht noch über das Ende der Osterferien hinaus nicht stattfinden wird - auch, weil das Virus besonders von der jungen Generation teilweise immer noch nicht ernst genug genommen würde. „Wir machen das alles schließlich nicht, weil wir endlich mal Schüler zu Hause beschulen wollten.“

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