Dieter Landau fühlt sich mit fremdem Herz wie neu geboren

mlzHerztransplantation

Dieter Landau (66) aus Wulfen kommt es wie ein Wunder vor, dass er ein Spenderherz bekam. Rettung in letzter Minute, denn zuvor hatte sein krankes Herz schon siebenmal aufgehört zu schlagen.

Dorsten

, 02.02.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 5 min

Dieter Landau sitzt entspannt auf seinem Sofa. „Meine Frau holt gerade unsere Enkeltochter von der Schule ab“, sagt er – schon öffnet sich die Tür und ein siebenjähriger Wildfang mit dunkler Lockenmähne erstürmt die Wohnung: „Hallo Opa, spielen wir gleich was zusammen?“ Christina ist Dieter Landaus Sonnenschein, daran lässt die überschwängliche Begrüßung keinen Zweifel. „Ich habe immer an meine Enkelin gedacht, wenn´s mal wieder kritisch wurde. Ich will doch sehen, wie sie groß wird“, sagt der stolze Großvater, der in seinem strapaziösen Überlebenskampf bislang der Sieger blieb.

Diagnose: Herzmuskelentzündung

1976 spürte Dieter Landau erstmals sein schmerzendes Herz. „Ansonsten fühlte ich mich topfit. Aber ich habe dann vorsichtshalber doch mal meinen Hausarzt aufgesucht.“ Der überwies seinen Patienten ins Dorstener St.-Elisabeth-Krankenhaus. Diagnose: Herzmuskelentzündung! Der anschließende stationäre Aufenthalt von neun Wochen ließ ihm genügend Zeit, über die Ursache seiner Erkrankung nachzugrübeln: „Ich bin ja nie krank gewesen.“ Aber dann fiel ihm ein, dass er 1974, an seinem letzten Tag der Bundeswehr-Wehrpflicht, einen eitrigen Weisheitszahn gezogen bekam. Das könnte der Auslöser für das dann folgende Martyrium gewesen sein.

Mit Medikamenten und jährlichen Kontrolluntersuchungen im Uniklinikum Düsseldorf schien Dieter Landau alles im Griff zu haben. Er hatte seinen „Herzschmerz“ schon fast vergessen, bis die Pumpe 1999 ins Stolpern geriet. Nach Herzrhythmusstörungen folgte 2001 das Vorhofflimmern. „Ich musste jede Menge Medikamente schlucken. Hab neue ausprobiert, wenn die alten nicht mehr halfen.“ Doch sein Zustand verschlechterte sich. 2006 wurde ihm ein Schrittmacher implantiert, der das schläfrige Herz mit einem elektrischen Impuls anregt, wenn der Puls auf 40 Schläge pro Minute absackt.

Defibrillator wurde eingesetzt

Das funktionierte auch zehn Jahre lang recht gut. Der gelernte Dreher ging seiner Arbeit nach und lebte so normal wie möglich. Dann musste der Schrittmacher ersetzt werden. Landau landete wieder im Dorstener Krankenhaus bei Chefarzt Dr. Jan Bernd Böckenförde. Ein neuer Schrittmacher? Der Kardiologe riet ihm zu einer Alternative: „Wir können Ihnen auch ohne großen Mehraufwand einen Defibrillator einsetzen“, schlug Böckenförde vor. Im Gegensatz zum Schrittmacher werde der „Defi“ dann implantiert, wenn das Herz zu schwach pumpe, starke Herzrhythmusstörungen und schnelle Kammeraktionen vorlägen. Durch gezielte Stromstöße bringt der „Schockgeber“ die Pumpe bei akuten Störungen wieder in den richtigen Rhythmus.

Dr. Jan Bernd Böckenförde, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Fachbereich Kardiologie und internististische Intensivmedizin im St.-Elisabeth-Krankenhaus Dorsten (KKRN), betreut Dieter Landau lange Jahre und freut sich mit ihm über die gelungene Herztransplantation.

Dr. Jan Bernd Böckenförde, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Fachbereich Kardiologie und internististische Intensivmedizin im St.-Elisabeth-Krankenhaus Dorsten (KKRN), betreut Dieter Landau lange Jahre und freut sich mit ihm über die gelungene Herztransplantation. © Archiv

Dieter Landau, dessen Herzleistung bereits auf 35 Prozent abgesunken war (ein gesundes Herz seiner Altersklasse hat ca. 60 Prozent), folgte dem Rat des Spezialisten. Zum Glück. „Hätte ich es nicht getan, würde ich heute nicht mehr leben“, weiß er und ist Dr. Böckenförde auf ewig dankbar.

2017 kippt er das erste Mal um. „Ich hatte gerade meine Frau im Auto vom Arzt abgeholt, als ich vor unserer Wohnungstür bewusstlos zusammenklappte.“ Der „Defi“ springt an und verrichtet auch kurz darauf sein lebensrettendes Werk, als Dieter Landau wieder zusammenbricht, diesmal in der Küche. „Er war auf die Heizung aufgeschlagen. Ich habe ihn dort mit einer blutenden Wunde am Kopf gefunden“, erinnert sich Ehefrau Silvia an diese Schreckmomente, denen noch fünf weitere ähnlicher Art folgen sollten.

Siebenmal bewusstlos umgefallen

Sein Zustand verschlechtert sich zusehends. „Ich konnte keine Kellertreppen mehr steigen, keine zehn Meter am Stück mehr laufen.“ Dann die Atemnot durch das Wasser, das sich in der Lunge sammelte. Erleichterung verschafft ihm die Thorax-Drainage, die ihm dauerhaft gelegt wird. „Wenn Sie siebenmal tot umfallen, haben Sie keine Angst mehr vor dem Tod“, kommentiert Dieter Landau rückblickend mit schwarzem Humor. Doch sein Lebenswille ist stark - so konnte es nicht mehr weitergehen!

Dr. Böckenförde überweist ihn zum Herzzentrum in Bad Oeynhausen. Eins von insgesamt 80 Herzzentren in Deutschland, die nach den Richtlinien der Bundesärztekammer entscheiden, wer auf die Warteliste für ein Spenderherz gesetzt wird. Dabei wird die persönliche Situation des Patienten begutachtet und abgewogen. 60 bis 85 Herztransplantationen werden heute pro Jahr in Oeynhausen durchgeführt. „Machen Sie sich keine Hoffnungen“, hört Dieter Landau bei seinem abschließenden Arztgespräch, jüngere Patienten hätten Vorrang und Blutgruppe 0, die wolle jeder haben.

„Sie sind totkrank“

Ein Jahr später – sein Herz bringt nur noch 30 Prozent Leistung – wird er in Bad Oeynhausen stationär aufgenommen. „Sie sind totkrank“, konstatiert eine Ärztin und setzt den 65 Jahre zählenden Wulfener doch auf die Liste der Stiftung Eurotransplant, die die Vergabe der Spenderorgane in Deutschland verwaltet. Nach Angaben der Stiftung warten aktuell 1158 Menschen in Deutschland auf ein fremdes Herz. Unterschiedliche Faktoren entscheiden, wer ein Organ bekommt. Dazu gehören die Blutgruppe, der Gewebetyp, die Dringlichkeit, „ein ganz wesentlicher Faktor ist die Größe des Organs“, sagt Dr. Böckenförde. Ein kleines Herz für einen großen Körper mache ebenso wenig Sinn wie umgekehrt.

Dieter Landau gehört zu den Frohnaturen, die am frühen Morgen mit dem Aufdrehen des Wasserhahnes ihr erstes Lied anstimmen. Doch die Lust aufs Singen schwindet wie die Hoffnung und die Kraft des Herzens. Ehefrau Silvia hingegen sieht nicht so schwarz: „Mit etwas Glück finden sie genau das Herz, das Du brauchst, warte nur ab“, versucht sie, ihn immer wieder aufzumuntern.

Ein Anruf nach Oeynhausen

Zur Überbrückung der Wartezeit kann ein Herzunterstützungssystem implantiert werden, eine Hilfsvorrichtung, die den Ausfall des Organs vorübergehend kompensiert, bis ein passendes Menschenherz gefunden ist. Rund 1000 dieser Hilfssysteme wurden 2016 laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie bei Patienten eingesetzt. Auch Dieter Landau bekommt einen Termin: Am 17. August 2018 soll der Eingriff bei ihm gemacht werden.

Doch dann kommt alles anders als gedacht: Am 18. Juli 2018 landet Landau wieder atemlos mit Wasser in der Lunge im Dorstener Krankenhaus. „Die kümmern sich toll und ich fühle mich dort auch wirklich wohl, aber irgendwie hatte ich das Gefühl: Jetzt können die mir auch nicht mehr helfen“, berichtet der Wulfener. Er schlägt vor, in Bad Oeynhausen anzurufen – und dann überstürzten sich die Ereignisse.

„Ich konnte sofort kommen, wusste aber gar nicht, was die mit mir vorhatten“, erzählt der 66-Jährige heute. Er fügt sich in sein Schicksal. Auf der speziell für Transplantationspatienten eingerichteten HTx-Station empfängt ihn im Herzzentrum Dr. Fleischhauer mit den Worten: „Wir gucken mal, ob wir ein Herz für Sie bekommen.“

Die Ereignisse überstürzen sich

„Damit hatte ich ja überhaupt nicht gerechnet“, gesteht der Patient. Er wirbelt durch ein Wechselbad der Gefühle und hat keine Zeit, groß nachzudenken, geschweige denn, seine Familie zu informieren. „Morgens um halb sieben kam Dr. Fleischhauer in mein Zimmer und sagte, dass seine Kollegen schon unterwegs seien, um das Spenderherz zu holen.“ Sobald das Organ entnommen ist, muss es spätestens nach vier bis sechs Stunden implantiert werden – das weiß auch Dieter Landau, der mittlerweile selbst zu einem Cardio-Experten gereift ist.

Am 19. Juli 2018, um 13 Uhr, liegt Dieter Landau in Bad Oeynhausen auf dem OP-Tisch. Dort wird ihm das „neue Leben eingepflanzt“.

Wunder gibt es immer wieder

„Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort.“ Auch ein halbes Jahr nach seiner Transplantation kann der Wulfener sein Glück kaum fassen, „es ist ein Wunder“. Jan Bernd Böckenförde freut sich mit seinem Patienten, den er lange Jahre betreut hat. „Offensichtlich ist genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir in Bad Oeynhausen angerufen haben, ein Mensch gestorben, der von seiner Größe zu Herrn Landau passte“, vermutet der Fachmann. In seiner inzwischen 30-jährigen Berufslaufbahn habe er insgesamt nur fünf Patienten kennengelernt, die ein neues Herz bekommen hätten. „Das ist auch für uns etwas ganz Besonderes, ein Riesenereignis.“

Mit regelmäßigem Training auf seinem Ergometer im Wohnzimmer bringt Dieter Landau seine Kondition auf Trab.

Mit regelmäßigem Training auf seinem Ergometer im Wohnzimmer bringt Dieter Landau seine Kondition auf Trab. © Anke Klapsing-Reich

Dieter Landau hat sich zurückgekämpft. Die ersten Monate nach der Transplantation waren hart. „Anfangs konnte ich mich kaum rühren“, doch mit jedem Tag schlägt sein neues Herz ein bisschen kräftiger. Mittlerweile macht er schon kleinere Spaziergänge durch die Nachbarschaft. Mit regelmäßigem Training auf dem Ergometer bringt er seine Kondition auf Trab. Doch Medikamente gegen Abstoßungsreaktionen wird er bis zum Lebensende einnehmen müssen. Sogenannte Immunsuppressiva, die das menschliche Immunsystem zurückhalten und dafür sorgen, dass sich der Körper nicht gegen das fremde Organ wehrt.

Die Chancen stehen gut

Die Chancen stehen gut: „Früher überlebten keine 40 Prozent der Transplantierten die nächsten fünf Jahre. Da liegen wir heute dank der effektiv und zielgerichtet wirkenden Medikamente weit drüber“, bestätigt Jan Bernd Böckenförde.

Dieter Landau hat sich mit seinem neuen Herz schon sehr gut angefreundet. „Ich fühle mich so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr.“ Er genießt das neu geschenkte Leben, in dem er endlich wieder mit seiner Enkelin herumtollen kann. Und wenn er Christina genau betrachtet, dann scheint sie schon wieder ein Stückchen gewachsen zu sein.

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