Ein schmuckes Häuschen, wie hier im Neubaugebiet Bückelsberg in Wulfen, hätten viele Dorstener Familien gerne. Trotz riesiger vorhandener Flächen bekommen sie aber kein Bauland. © Bludau
Trotz Baulandreserve

Dorstener Familien würden gerne bauen – daraus wird so schnell nichts

Viele Familien suchen händeringend in Dorsten nach Bauland oder Einfamilienhäusern. Sie schauen aber in die Röhre. Dabei hat Dorsten etwas, von dem andere Städte nur träumen können.

Familie Ignatjuk mit ihren vier Kindern steht mit ihrer Not in Dorsten nicht alleine da: „Wir suchen seit Jahren ein Haus oder ein Baugrundstück und bekommen nichts zum Preis bis 270.000 Euro“, sagt uns Familienvater Daniel Ignatjuk. Viele weitere junge Dorstener Familien stimmen ihm zu.

Familie Ignatjuk mit Vater Daniel und Mutter Oxana sowie den Kindern Olivia (10), Diana (4), Oliver (13) und Jason (4) sowie Pekinesen-Hündin Mia suchen seit fünf Jahren vergeblich ein Grundstück mit Haus oder nur ein Grundstück in Dorsten zum Bauen. © Claudia Engel © Claudia Engel

An Potenzialflächen in Dorsten kann es nicht liegen. Denn die Lippestadt hat, was andere Städte im Umkreis heiß begehren, aber nicht herbeizaubern können: reichlich Baureserveland. „Die Stadt verfügt zurzeit noch mit gut 66 Hektar Wohnbauland über die größten Reserven für den Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern, aber auch Mehrfamilienhäusern im nördlichen Ruhrgebiet“, schreibt die Verwaltung in einer Vorlage für den Umwelt- und Planungsausschuss. Davon wären allerdings nur 30,3 Prozent mittel- bzw. kurzfristig innerhalb der nächsten fünf Jahre verfügbar.

Eine gute Nachricht – eigentlich

Diese eigentlich gute Nachricht relativiert sich denn auch wieder. Denn die Stadt kann nicht einfach Flächen, die im Flächennutzungsplan als Bauland markiert wurden, nach eigenem Gutdünken zupflastern mit Ein- und Mehrfamilienhäusern. Ganz im Gegenteil: Wenn sie bauen will, muss sie Tauschflächen in petto haben, die dann nicht mehr bebaut werden dürfen. So wird es auf dem Gelände der ehemaligen Realschule im Marienviertel in Hervest neue Wohnbebauung geben; im Gegenzug müssen andere potenziellen Wohnbaufläche geopfert werden.

„Die Inanspruchnahme von neuen Siedlungsflächen im Rahmen der kommunalen Bauleitplanung muss nach Vorstellungen der Regionalplaner bedarfsgerecht erfolgen. Die Stadt Dorsten weist in ihrem Flächennutzungsplan deutlich mehr Flächen aus, als durch das Siedlungsflächenmonitoring als Bedarf ermittelt werden“, dämpft die Verwaltung allzu hohe Erwartungen bauwilliger Bürger.

Mögliches Bauland aus dem Flächennutzungsplan

Siedlungsflächenmonitoring ist der sperrige Begriff für die Erfassung von potenziellen Wohnbauflächen im Bereich aller Städte und Gemeinden des Regionalverbandes Ruhr (RVR). Beim Blick in Flächennutzungspläne führen die Stadtplaner die Gebiete auf, die als mögliches Bauland im Flächennutzungsplan ausgewiesen sind.

Das Ruhrparlament (das ist die Verbandsversammlung des Regionalverbandes Ruhr), politische Vertretung für elf Städte und vier Kreise in der Metropole Ruhr, schaut nach der Erfassung der Gemeinden darauf, wie das Gesamtbild revierweit ist und stimmt darüber ab, wie viel Bauland einer Stadt gemäß den Zielen des Landesentwicklungsplanes im Regionalplan bzw. in den Flächennutzungsplänen zugebilligt werden soll.

So wie es aussieht, wird das Ruhrparlament Dorsten keine großen Baufreiräume gewähren, obwohl der Bedarf an Wohnbauland in Dorsten unvermindert hoch ist und Flächen vorhanden sind. Das bestätigt der

Dorstener Architekt Thomas Boos. Er ist Fraktionssprecher der FDP im Ruhrparlament und kennt die Stimmungslage im Gremium.

Zehn Hektar in zwei Jahren bebaut

Zwischen 2017 und 2019 sind in Dorsten immerhin zehn Hektar Fläche neu bebaut worden mit Wohnhäusern. Der größte Flächenanteil mit 7,2 Hektar ging an Ein- und Zweifamilienhäuser. Mehrfamilienhäuser wurde ein Flächenanteil von 2,8 Hektar eingeräumt. 274 Wohneinheiten wurden so neu geschaffen, davon 129 in Mehrfamilienhäusern. Bei bestehenden 66 Hektar ist Reserve überreich vorhanden; doch wann, ob und wie viel von diesen Gebiete bebaut werden, ist offen.

Thomas Boos sieht ohnehin einen anderen Ansatz als die Erschließung neuer Wohnbauflächen am Ortsrand zur Befriedigung der Nachfrage: „Die Verdichtung im Innenraum.“ Bestätigt wird er durch die zurzeit unterdurchschnittliche Anzahl von Wohneinheiten je Hektar. Hier sieht auch die Regionalplanung eine höhere Dichte der Bebauung vor.

Er plädiert dafür, dass Bebauungspläne aus den 1960er-Jahren angepasst werden, damit der vorhandene Einfamilienhausbestand nach heutigen Bedürfnissen ausgebaut werden kann. „Wenn keine weiteren Neubauflächen entwickelt werden können, dann muss das Augenmerk gelenkt werden auf die vorhandene Bausubstanz, auf deren Verdichtung und Aufstockung“, sagt er. „Man muss die Stadt neu denken.“

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Seit 20 Jahren als Lokalredakteurin in Dorsten tätig. Immer ein offenes Ohr für die Menschen in dieser Stadt, die nicht meine Geburtsstadt ist. Das ist Essen. Ehefrau, dreifache Mutter, zweifache Oma. Konfliktfähig und meinungsfreudig. Wichtige Kriterien für meine Arbeit als Lokalreporterin. Das kommt nicht immer gut an. Muss es auch nicht. Die Leser und ihre Anliegen sind mir wichtig.
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Claudia Engel
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