Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren können bald gegen das Coronavirus geimpft werden. (Symbolbild) © picture-alliance/ dpa
Impfung für Kinder

Dorstener Kinderärzte noch skeptisch: „Datenlage ist relativ dünn“

Kinder ab zwölf können bald gegen das Coronavirus geimpft werden. Das wird intensiv diskutiert, die Ständige Impfkommission äußert sich noch zurückhaltend. Was sagen Dorstener Ärzte dazu?

Auch Kinder ab einem Alter von zwölf Jahren können demnächst gegen das Coronavirus geimpft werden. Das hat die EU-Arzneimittelbehörde EMA empfohlen. Die EU-Kommission erteilte am Montag (31.5.) offiziell die Zulassung für die Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer. Die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland hält sich mit einer Empfehlung aber noch zurück. „Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, das ist ein medizinischer Eingriff, und der muss eben entsprechend indiziert sein“, erklärte deren Vorsitzender Thomas Mertens am Dienstag.

Corona-Infektionen bei Kindern sehr häufig asymptomatisch

Auch Dr. Caterina Wehling, Kinderärztin mit Praxis am Südwall, würde sich wünschen, dass vor Beginn einer Impfung noch mehr Studien durchgeführt werden, auch um genauer über mögliche Nebenwirkungen Bescheid zu wissen. „Nach wie vor haben wir bei Kindern relativ wenige schwere Corona-Infektionen. In der großen Mehrheit verlaufen diese asymptomatisch und milde“, stellt die Medizinerin fest.

Inwieweit Kinder auch unter Nachwirkungen, dem sogenannten „Long Covid“, leiden, sei noch völlig unklar. Das PIMS-Syndrom, eine entzündliche Immunreaktion als Spätfolge, trete bei etwa jedem 1000. Kind auf.

Die Datengrundlage der Studien über eine Impfung bei Kindern ist aus Sicht von Dr. Caterina Wehling „relativ dünn. Ich hätte gerne mehr Informationen. Wenn man auf einen Datenpool von 100.000 zugreifen kann, könnte man schon deutlich mehr sagen.“ Es sei nicht zulässig, von Erwachsenen auf Kinder zu schließen, weil Kinder ein sehr viel stärkeres Immunsystem haben. „Dadurch wissen wir aber auch nicht, ob nicht erwünschte Reaktionen vielleicht stärker sind“, unterstreicht die Kinderärztin.

Kinderärztin wünscht sich individuelle Entscheidung

Sowohl in Israel als auch in Großbritannien sind die Schulen schon länger wieder geöffnet und die Zahlen steigen nicht. „Müssen Kinder jetzt geimpft werden, um ein Stück Normalität zu haben? Mit Blick auf diese Länder glaube ich das nicht“, meint Dr. Caterina Wehling. Der Unterricht zum Präsenzunterricht ist deshalb für sie kein Grund, Kinder jetzt möglichst schnell zu impfen. Angesichts des knappen Impfstoffs sei es fraglich, ob nicht zunächst ältere Erwachsene, die noch nicht geimpft wurden, an der Reihe sein sollten.

Dr. Caterina Wehling würde sich mehr Studien wünschen, bevor Kinder und Jugendliche in großer Zahl geimpft werden. © privat © privat

„Ich finde, dass man individuell entscheiden könnte und das Risiko der Patienten beurteilen sollte“, fasst sie zusammen. Es sei aber aus ihrer Sicht keinesfalls verwerflich, wenn sich Eltern jetzt für eine Impfung ihres Kindes entscheiden. „Wir haben schon viele Anfragen von Eltern erhalten. Ich kann ihnen nur sagen, dass ich nichts Genaues zu der Impfung weiß.“ Eine Impfung würde zwar von ihrer Praxis koordiniert, aber im Impfzentrum des MVZ durchgeführt. Sie geht davon aus, dass die Stiko sich eher zurückhaltend äußern wird und empfiehlt, nur Kinder mit hohem Risiko zu impfen.

Warten auf die Empfehlung der Stiko

Zurückhaltend geht Dr. Eva Dziezok die Angelegenheit an. „Es gibt verschiedene Meinungen, man muss abwarten, was die Stiko sagt. Ich bin ziemlich neutral, weder Virologin noch Politikerin. Wir sitzen nicht an der Quelle und machen keine Studien“, erklärt die Holsterhausener Kinder- und Jugendmedizinerin. Noch sei unklar, wie eine mögliche Impfung ablaufen könnte, das werde sich mit der Zeit ergeben. Jede Entscheidung habe Befürworter und Gegner, deswegen sei es schwierig, wem man vertraue.

„Ich vertraue drei Virologen, das sind Hendrik Streeck, Jonas Schmidt-Chanasit und Alexander Kekulé. Kekulé hat selbst fünf Kinder, er sieht nicht nur das Virus, sondern auch die Familien“, erzählt Dr. Eva Dziezok. Grundsätzlich sei es ein positives Zeichen, dass Kinder durch schulische und außerschulische Angebote wieder mehr Richtung Normalität zurückkehren.

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Bastian Becker

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