Dorstener strampeln sich für besseres Klima in ihrer Stadt ab

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Dorsten ist Wohnstadt. Dorsten ist Pendlerstadt. Eine Stadt mit Bürgern, die klimaschädliches CO2 produzieren. Klimaschützer atmen jetzt auf: Sie bekommen ab 1. September Rückenwind.

Dorsten

, 30.08.2018, 13:14 Uhr / Lesedauer: 6 min

Elisabeth Joemann ist Fachkrankenschwester für Krankenhaushygiene. Elisabeth Joemann arbeitet im St.-Elisabeth-Krankenhaus in der Innenstadt Dorstens. Weil da die Luft zu Stoßzeiten dick und mit dem Auto kein Durchkommen ist, hat Elisabeth Joemann umgesattelt.

„Ich fahre mit dem E-Bike zur Arbeit“, sagt sie. Das schone die Nerven und halte sie fit: „So kann ich nachmittags nach Dienstschluss flott an den Autoschlangen vorbeikommen, die vor den Ampeln am Westwall oder vor der Kanal- und Lippebrücke im Stau stehen. Außerdem tue ich noch etwas für meine Gesundheit.“

Krankenhaus geht anderen Firmen voraus

Elisabeth Joemanns Arbeitgeber, das St.-Elisabeth-Krankenhaus in Dorsten, das zum Krankenhausverbund KKRN neben drei weiteren Hospitälern in Haltern, Herten und Marl gehört, ist Vorreiter-Unternehmen, Mitarbeiter beim Klimaschutz zu unterstützen: „Rad statt Auto - Vorfahrt für das Dienstrad“ hieß im Mai 2017 der ermunternde Aufruf an die Mitarbeiter, auf eine umweltfreundliche Alternative auf dem Weg zur Arbeit umzusteigen. „Seitdem sind von unseren insgesamt 2.200 Mitarbeitern an allen vier Standorten 229 Anträge auf Leasing-Fahrräder eingereicht worden“, sagt Krankenhaussprecherin Birgit Böhme-Lueg. 169 Mitarbeiter des Klinikverbundes hätten den Vertrag bereits besiegelt.

Die Vorteile des Radleasings liegen für das Krankenhaus auf der Hand: keine Parkplatzsuche, keine Spritkosten, Schonung der Umwelt und ein wichtiger Beitrag für die Gesundheit der Mitarbeiter, zählt Krankenhaus-Prokurist und kaufmännischer Leiter Guido Bunten auf.

Das wird der neue Klimaschutzmanager oder die neue Klimaschutzmanagerin der Stadt Dorsten gerne hören. „Sie oder er startet am 1. September mit der Arbeit“, sagt Stadtsprecherin Lisa Bauckhorn auf unsere Anfrage. Mehr darf sie noch nicht verraten vor der offiziellen Einführung.

Klimaziele werden zusammen mit Bürgern erreicht

Dorsten leistet sich, nachdem 2014 ein „Integriertes Klimaschutzkonzept“ für die Stadt vorgelegt worden war, einen Beauftragten, der die Klimaziele zusammen mit den Bürgern und Unternehmen umsetzt, die Interessenten begleitet und neue Initiativen anstößt. 2016 hat der Rat der Stadt die Einrichtung einer Stelle für Klimaschutzmanagement bei der Stadt Dorsten beschlossen. Damals wurde der Förderantrag für die Stelle beim Bundesumweltministerium gestellt, die Bewilligung erfolgte in diesem Jahr.

Klimaschutzmanagement - das ist ein relativ neues Berufsbild. Maximal 1,5 Grad Erderwärmung – das ist das Ziel des in Paris geschlossenen Klimaschutzvertrages der Nationen von Dezember 2015. Damit die getroffenen Vereinbarungen auch auf regionaler Ebene umgesetzt werden, engagieren immer mehr Städte und Kommunen Klimaschutzmanager, die sich der Vorgaben der Politik und der Bürger annehmen. Die Städte und ihre Bewohner sind wichtige Akteure, um die Klimaschutzziele umzusetzen.

Einige Städte in Deutschland gehen mit individuell beschlossenen Klimaschutzzielen anderen beispielhaft voraus: Stuttgart und Münster, Karlsruhe, Aachen, Senftenberg, Jena und auch Dorstens Nachbarstadt Bottrop .

Stadt Bottrop stellt sich den Herausforderungen

„In Bottrop läuft der größte Modellversuch der Republik, eine ganze Stadt an den Herausforderungen, CO2-Einsparungen und kommunale Energiewende, zu beteiligen“, hat Dirk Hartwich beim Blick über die Stadtgrenzen festgestellt. „Die in Bottrop erstellten Papiere sind beste Grundlage, ein eigenes Klimaschutzmodell für Dorsten zu entwickeln“, sagt Hartwich.

Dabei setzt Dorsten nicht erst seit der Veröffentlichung des „Integrierten Klimaschutzkonzeptes“ 2014 umweltfreundliche, klimaschonende Akzente. „Seit Mitte der 1990er-Jahre stehen Energie und Klimaschutz in der Stadt Dorsten auf der politischen Tagesordnung“, verkündet die Stadt auf ihrer Homepage . Dort heißt es: „1998 wurde eine erste CO2-Bilanz mit dem Schwerpunkt auf die städtischen Gebäude durch die Verwaltung erstellt. Die Klimainitiative und der Agenda-Verein Dorsten begleiten durch Ideen und Projekte seit vielen Jahren die Bemühungen um den Klimaschutz in der Stadt.“

Umweltverbände bekommen „endlich“ Unterstützung

Dagmar Stobbe ist eine der Mitstreiterinnen des Agenda-Vereins Dorsten. Sie ist aber auch Mitarbeiterin des Planungsamtes der Stadt. Die Einstellung des Klimaschutzmanagers in der Verwaltung begrüßt sie ausdrücklich: „Endlich“, sagt sie. „Endlich“, das sagen auch die Umweltverbände, Unternehmen und Bürger, die sich seit Langem maßgeblich für einen selbst gemachten Dorstener Klimaschutz einsetzen.

Bereits verwirklichte Klimaschutz-Projekte in Dorsten zeigen, wie ernst es den Akteuren ist. So gibt es seit 2009 eine Dorstener Energiegenossenschaft (DEG) . In ihr sind 174 Bürger organisiert. Ziel der DEG ist es, mit Photovoltaik-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden umweltfreundlichen Strom zu erzeugen. Im Gegenzug ernten die Investoren die Erträge aus der Einspeisevergütung für stromerzeugende Photovoltaikanlagen.

Viele öffentliche Gebäude produzieren Sonnenstrom

Seit 2009 sind eine Vielzahl öffentlicher Gebäude (darunter das Schulzentrum Pliesterbecker Straße, die Geschwister-Scholl-Schule oder die Gesamtschule Wulfen bzw. die Feuerwachen Wulfen und Lembeck) mit Photovoltaik-Anlagen ausgestattet worden. Die Anlagen streichen seitdem reiche Sonnenernte ein. So hat die Anlage auf dem Schulzentrum Pliesterbecker Straße im Super-Sonnenjahr 2018 bislang 57.023 Kilowattstunden (Kwh) Strom ins Netz eingespeist, die Anlage der Gesamtschule Wulfen 45.334 Kwh, die der Geschwister-Scholl-Schule 35.200 Kwh.

Die wohl größte Photovoltaik-Anlage hat die DEG im Gewerbegebiet Köhl in Wulfen auf einer ehemaligen Hausmülldeponie ans Netz gehen lassen. Sie hat 3.818 Solarmodule, eine jährliche Leistung von 992 Kilowattpeak oder 940.000 Kwh. 1,2 Millionen Euro haben die Mitglieder der DEG investiert, der jährliche Ertrag der DEG summiert sich auf 83.000 Euro.

Alternative Energieerzeugung bis 2030 steigern

Das Klimaschutzkonzept rät dazu, bis 2030 die Energieerzeugung aus Solarenergie, Biogas und Holz zu steigern, die Windenergie und oberflächennahe Geothermie mit Wärmepumpen auszubauen. Für die Windenergie hat der Rat im Sommer 2018 eine Änderung des Flächennutzungsplanes beschlossen und Windvorrangzonen ausgewiesen. In Lembeck stehen die Investoren in den Startlöchern.

Windkraftanlagen werfen stattliche Erträge ab, wissen die Lembecker Windbauern. „20.000 Euro jährlich bei möglichen sechs Anlagen in Lembeck könnten die nächsten 20 Jahre in den Topf der Bürgerstiftung Lembeck fließen“, stellte Heinz Thier von der BB Wind (Bäuerlicher Bürgerwind) auf einer Stadtteilversammlung den Lembeckern in Aussicht. Das Geld käme wiederum sozialen, kulturellen oder sportlichen Zwecken im Dorf zu: durch Windkraft beflügeltes bürgerschaftliches Engagement im 5000-Seelen-Dorf.

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Die Stadt Dorsten ist derzeit dabei, 111 Straßenleuchten auf energiesparende LED-Technik umzurüsten. Die Nationale Klimaschutzinitiative steuert 20.775 Euro zu der 103.000 Euro kostenden Gesamtmaßnahme bei. So kann ein längerer Abschnitt der Borkener Straße (beginnend an der Vestischen Allee in der Altstadt), am Gemeindedreieck einschließlich der Abzweige nach Hervest und Holsterhausen sowie ein Teil der Straße An der Wienbecke (Bismarckstraße bis Grüner Weg) umgerüstet werden.

Der Risikofaktor für die Umwelt ist der Mensch

Guter Verdienst und im Gegenzug CO2-Ersparnisse sind das eine, das andere die Bemühungen einer zunehmenden Zahl von Einzelakteuren, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. „Der Faktor Mensch ist auch neben allen technischen Maßnahmen ein Schlüssel zur nachhaltigen Senkung des Energieverbrauchs und umwelt- und klimafreundlichen Verhalten“, hat die städtische Umweltberaterin Monika Jäschke in einem im Dezember 2017 erschienenen Interview in der Dorstener Zeitung gesagt.

Elisabeth Joemann geht als eine der umweltbewussten Dorstener beispielhaft voraus, in dem sie ihr Auto stehen lässt und mit dem E-Bike zur Arbeit fährt. Der etwa 20 Kilometer lange Hin- und Rückweg zwischen Dorsten und Wulfen lässt sich leicht bewältigen: „Auf dem Hinweg fahre ich mithilfe des Elektromotors, da ich nicht gerne verschwitzt auf der Arbeit ankommen möchte. Auf dem Rückweg trete ich dann kräftig in die Pedale“, sagt Joemann.

Das eigene Verhalten prüfen und ändern

„Die Möglichkeiten, durch Verhaltensänderungen einen Beitrag zu leisten, sind zahlreich“, ergänzt Monika Jäschke vom Planungsamt. Sie ermuntert alle Dorstener, innezuhalten und eigene Verhaltensweisen zu überdenken. Als Auspendlerstadt hat Dorsten eine Vielzahl von Beschäftigten, die mit dem Auto von Dorsten zu ihrer Arbeitsstätte in den umliegenden Städten fahren. „Nachhaltige Motivation zu einem klimafreundlichen Verhalten ist sicherlich eine der schwierigsten Aufgaben“, meint Monika Jäschke angesichts des immer stärker zunehmenden Autoverkehrs.

Die Gesamtschule Wulfen geht deshalb mit ihren Schülern beispielhaft voran. Was die Eltern der Schüler vielleicht nicht vor Augen haben, wird den Kindern mit einer Reihe von Unterrichtsprojekten veranschaulicht.

Erdwächter erinnern an den Lebensraum

Eines davon ist „KlimaKunstSchule“. 20 Schüler des 9. und 10. Jahrgangs der Gesamtschule Wulfen begegneten dem Künstler Jürgen H. Block. Er kreiert so genannte „Erdwächter“: „Das sind Kunstwerke und lebendige Erinnerungen daran, dass der Planet Erde mehr als eine Ressource ist, die ausgebeutet werden kann. Sie ist unser Lebensraum, den es zu bewahren gilt“, hat der Künstler den Schülern mit auf den Lebensweg gegeben.

Mit solchen Gedankenansätzen kollidiert der Dorstener Autofahrer, der in diesem Sommer kein Einzelfall war, frontal. Laufender Motor, laufende Klimaanlage beim mehrminütigen Warten auf das Kind auf dem Parkplatz an der St.-Agatha-Schule am Vosskamp führten zu einem lautstarken Streit mit einem anderen Passanten, der den Autofahrer auf sein umweltschädliches Verhalten ansprach. Seinen Motor und seine Klimaanlage ließ der Dorstener trotz der Standpauke weiterlaufen. Er wollte es weiterhin schön kühl haben bei Außentemperaturen von über 30 Grad.

Heißzeit durch zunehmenden CO2-Ausstoß

Dass die Heißzeit im Sommer 2018 nicht nur den üblichen Hochsommer-Hitzewellen zuzuschreiben ist, zeigt eine Klimatabelle aus dem Jahr 2011, die aus dem Klimaschutzkonzept der Stadt Dorsten hervorgeht. Demnach hat sich die jährliche Durchschnittstemperatur auch in der Lippestadt Stück für Stück erhöht. Die Niederschlagsmengen sind stark rückläufig. Ein Grund für das veränderte Stadtklima sind die wachsenden, durchschnittlichen CO2-Emissionen je Einwohner.

Jeder Dorstener produzierte neun Tonnen CO2

„Etwa neun Tonnen klimaschädliches C02 produziert jeder der 76.000 Einwohner in Dorsten“, heißt es im Klimaschutzkonzept. Das ist nicht viel im Verhältnis zu den NRW-weiten Werten (16 Tonnen), aber doch viel zu viel, weil Dorsten zu 75 Prozent aus Wald- und Freiflächen besteht. Dass die verhältnismäßig wenigen Lippestädter soviel CO2 produzieren, ist dem Umstand geschuldet, dass Dorsten eine Wohnstadt mit vielen berufstätigen Auspendlern ist. Und viele fahren zur Arbeit in die Nachbarstädte mit ihrem Auto, das Kraftstoff verbrennt und dabei CO2 produziert.

Pkw-Zulassungen haben stetig zugenommen

45 Prozent des bilanzierten Endenergieverbrauchs in Dorsten gingen schon im Jahr 2011 laut Klimaschutzkonzept auf das Konto des KFZ-Verkehrs. Gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 waren das seinerzeit 14 Prozent mehr Energieverbrauch. Bei zunehmenden und weiter steigenden Kfz-Zulassungen in Dorsten ist leicht vorstellbar, dass die CO2-Emissionen der Dorstener gegenüber 2011 weiter zugenommen haben.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. 175 Elektrofahrzeuge wurden im Frühjahr vom Straßenverkehrsamt in Recklinghausen neu zugelassen. Außerdem 1101 Fahrzeuge mit Hybridmotoren. Alternativen zu Benzin und Diesel.

Im Klimaschutzkonzept der Stadt Dorsten werden den Dorstenern insgesamt 34 Maßnahmen nahegelegt, die der Dorstener Klimaschutzmanager mithelfen soll umzusetzen. Die Beschäftigung eines Klimaschutzmanagers ist in dem Vorschlagskatalog enthalten.

„Eine gezielte Steuerung, Vernetzung und Zusammenführung bedarf der Koordination durch einen fachkompetenten, interdisziplinär ausgebildeten und kommunikationsstarken Klimaschutzmanagers“, hat Monika Jäschke gesagt. Dieser Wunsch der Dorstener Klimaschützer geht zum 1. September in Erfüllung.

  • Das Klimaschutzkonzept für Dorsten wurde mit dem Beratungsunternehmen pro: 21 GmbH Bonn erarbeitet. Es wurde im Mai 2014 fertiggestellt und 2015 vom Rat der Stadt verabschiedet.
  • Das Umweltbundesministerium sowie der Projektträger Jülich förderten die Erstellung des Konzeptes im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative.
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