„Schwierigkeiten mit dem Wasserlassen“ hatte Anna Meeger. Ärzte rieten zu einer Schamlippenverkleinerung. Diese führte aber dazu, dass Meeger keine Hosen mehr tragen kann. Sogar im Winter.

Dorsten

, 03.01.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Anna Meeger heißt eigentlich anders. Ihren wirklichen Namen will die Dorstenerin geheim halten, da ihre Geschichte intime Details enthält. Doch sie sagt auch: „Die Arroganz vieler Ärzte möchte ich nicht mehr ertragen.“ Dass sie jetzt an die Öffentlichkeit geht, hat auch damit zu tun, dass eine 38-jährige Dorstenerin kürzlich den Mut fand, über ihre Fehlbehandlung in der Marler Paracelsus-Klinik zu berichten.

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„So etwas Ähnliches ist mir auch passiert“, sagt Anna Meeger. Rund drei Monate vor der 38-Jährigen war Anna Meeger im Jahr 2015 ebenfalls in der Paracelsus-Klinik, wurde dort operiert und muss seitdem mit den Folgen leben. 2015 hatte die damals 78-jährige Anna Meeger Probleme mit dem Wasserlassen. „Ich musste immer drücken und das tat weh.“ Die Schemerzen führten dazu, dass sie nur noch breitbeinig laufen konnte. Ihr Gynäkologe riet ihr, einen Arzt in der Paracelsus-Klinik in Marl aufzusuchen. „Da könne man was machen.“

Anfang Juni 2015 ließ sich Anna Meeger in der Paracelsus-Klinik untersuchen. „Eine Kleinigkeit“, sei das, sagte ihr der damalige Chefarzt der Abteilung. „Wir können die Schamlippen verkleinern, dann wird es wieder in Ordnung kommen.“

„Da stimmt was nicht.“

Zum OP-Termin am 30. Juni kam Anna Meeger um 6 Uhr ins Krankenhaus. Ihre erste Erinnerung nach der Narkose. „Um mein Bett saßen vier junge Ärztinnen, sie waren alle bei der OP dabei gewesen.“ Doch Anna Meeger spürte: „Da stimmt was nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es unten überall juckt, immer noch“. Es werde alles wieder gut, sagten die Frauen, sie solle sich keine Sorgen machen.

Jucken hörte nicht auf

Nachmittags kam der Chefarzt zu ihr. Auf die Frage von Anna Meeger, was eigentlich passiert sei, habe dieser gesagt, er habe „es so gemacht, dass es gut aussieht“. Anna Meeger sagte, dass sie das Jucken immer noch spüre. Das müsse alles nur noch heilen, sagte ihr der Arzt. Sie müsse Geduld haben, das brauche seine Zeit.

In der Paracelsus-Klinik in Marl wurde Anna Meeger operiert.

In der Paracelsus-Klinik in Marl wurde Anna Meeger operiert. © Bianca Glöckner

An die nächsten Tage erinnert sich Meeger nur ungern. Sie sei auf eine ganz neue, gerade erst eröffnete Station verlegt worden, in ein Einzelzimmer. „Aber die Pflege war miserabel.“ Oft habe sie geklingelt, ganz spät sei dann meistens erst jemand erschienen. Um die Heilung zu unterstützen, sollte Anna Meeger Kühlbeutel auflegen. Eine Schwester sei dann mal mit einem Klumpen Eis gekommen. Kühlbeutel habe man auf der Station nicht, sagte die Schwester.

„Ich habe gedacht: Die machen dich hier alle.“

Anna Meeger konnte kaum aufstehen, essen oder trinken. „Ich habe bestimmt etliche Kilo abgenommen. Mir war immer schlecht.“ Sie solle viel Mineralwasser trinken, riet man ihr. „Ich konnte das gar nicht runterkriegen.“ Nach sieben Tagen habe man sie entlassen. Obwohl es ihr immer noch nicht gut ging, willigte Anna Meeger ein. „Ich habe gedacht: Die machen dich hier alle. Du musst sehen, dass du Land gewinnst.“

In den ersten Wochen zuhause konnte Anna Meeger fast nur liegen. Ihre Haushaltshilfe half ihr, diese Zeit zu überstehen. Doch auch heute noch schränken die Folgen der Operation die 81-Jährige noch ein. „Seit drei Jahren kann ich nicht mehr auf einem normalen Stuhl sitzen.“ Selbst im Winter trägt sie Röcke, auch Baumwollunterröcke statt Unterhosen, weil sie es sonst vor Schmerzen nicht aushält. „Es ist schlimmer als vorher.“

„Da ist was falsch gemacht worden.“

Anna Meeger war seitdem bei vielen Ärzten. Einer habe beim Anblick ihres Unterleibs entgeistert gesagt: „Was ist das denn? Man sieht ja die Klitoris!“ Der ehemalige Marler Chefarzt hatte die Schamlippen zu klein geschnitten und dadurch die eigentlich von Haut bedeckte Klitoris freigelegt. In der Frauenklinik Dortmund sagte ihr ein Professor: „Da ist was falsch gemacht worden.“ Das ließ sich Anna Meeger schriftlich geben. Mit Salben und Schmerzmitteln versucht sie, ihren Alltag zu bestreiten, hofft aber immer noch auf eine Lösung des Problems.

Anna Meegers Gynäkologe riet, die Angelegenheit einem Rechtsanwalt zu übergeben.“ Das hat sie getan. Mit einer Rechtsanwältin zog sie gegen die Paracelsus-Klinik vor das Landgericht Essen, wo ihr in einem Vergleich fast 18.000 Euro zugesprochen wurden.

Fälle, bei denen Patienten glaubten, nicht richtig behandelt worden zu seien, seien „Tagesgeschäft“, sagt Holger Holthusen vom Klinikum Vest, Träger der Paracelsus-Klinik. In den meisten Fällen erweise sich der Vorwurf als unbegründet. In Anna Meegers Fall sei es anders gewesen, das habe ein Gutachter festgestellt und deshalb sei ein Vergleich geschlossen worden. Holthusen sagt auch: „Wir sind immer betroffen, wenn ein Eingriff nicht das gewünschte Ergebnis erzielt. Wir treten ja an, um den Patienten zu helfen.“

Keine Häufung von Fehlbehandlungen

Gefragt, ob es 2015 eine Häufung von Fehlbehandlungen gegeben habe, sagt Holthusen, dieses sei nicht der Fall. Vom Haftpflichtversicherer des Klinikums Vest habe man bestätigt bekommen, dass man bei der Regulierung solcher Fälle unterhalb des Bundesdurchschnitts liege. Der damalige Leiter der Abteilung sei nicht mehr im Klinikum Vest beschäftigt. Die Frauenklinik habe sich zudem neu aufgestellt. Die beiden nun öffentlich gemachten Fälle aus dem Jahr 2015 könnten, befürchtet Holthusen, „einen falschen Eindruck vermitteln darüber, was diese Abteilung leistet.“

„Das Vertrauen zu den Ärzten ist weg.“

Auf Anraten ihrer Rechtsanwältin sagte Anna Meeger beim Gerichtstermin nichts, ärgert sich aber bis heute darüber, „dass ich damals nicht den Mund aufgemacht habe. Wer kümmert sich denn jetzt um die versaute Operation?“ Ihr sei es weniger ums Geld gegangen, als um die Frage: „Wer bringt das wieder in Ordnung?“ Doch sie sagt auch: „Das Vertrauen zu den Ärzten ist weg.“ Ihr Rat: „Man muss vorsichtig sein.“

Vor der Operation hatte sie dem Marler Chefarzt noch etwas flapsig gesagt: „Schneiden Sie da unten alles weg, damit ich wieder normal laufen kann. Ich brauche es ja doch nicht mehr.“ Fast die gleichen Worte wählte vor einigen Monaten ein anderer Arzt, den sie um Rat fragte: „Ich mache Ihnen da unten alles weg.“ Darauf wollte sich Meeger aber nach ihren gemachten Erfahrungen nicht mehr einlassen.

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