Ermittlungspannen: Anklage gegen Dorstener (30) zerbröselt vor Gericht

mlzGerichtsverhandlung

Räuberischer Diebstahl, Cannabis-Anbau, Verstoß gegen das Waffengesetz: Die Anklage gegen einen Dorstener war happig. Weil teils unsauber ermittelt wurde, blieb davon am Ende wenig übrig.

Dorsten

, 07.11.2019, 12:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit der Zeit hatten sich einige Verfahren gegen einen 30-jährigen Dorstener angehäuft, die nun gesammelt am Amtsgericht verhandelt wurden. Der Mann musste sich wegen räuberischen Diebstahls, verbotenen Cannabis-Anbaus und eines Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten.

Ein Spirituosendiebstahl (Wert 30 Euro) in einem Supermarkt in der Altstadt war schnell abgehakt. Den räumte der Angeklagte ein. Auch einen weiteren Diebstahl einer Flasche Wodka bei einem Discounter in Wulfen-Barkenberg gab er zu. Aber in diesem Fall steckte mehr.

Mitarbeiter fixieren Dieb, bis die Polizei kommt

Nachdem er die Kasse passiert hatte, stellten ihn Mitarbeiter zur Rede. Der Angeklagte sei sofort aggressiv geworden, sagten die Mitarbeiter vor Gericht. Etwa 40 Minuten habe es gedauert, bis die Polizei vor Ort war. In dieser Zeit fixierten die Mitarbeiter den Angeklagten, der sich heftig wehrte.

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Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass der Angeklagte die klare Absicht hatte, mit der Beute zu flüchten, und deshalb um sich schlug. Deshalb lautete die Anklage auf räuberischen Diebstahl. Dieser Vorsatz konnte ihm aber letztlich nicht nachgewiesen werden. Ihm kam außerdem zugute, dass die beiden Mitarbeiter von einer Anzeige abgesehen hatten. Vor Gericht entschuldigte sich der 30-Jährige bei den Mitarbeitern.

Seinen Ausraster begründete er mit persönlichen Umständen. Der 30-Jährige hatte seinen Job als Paketzusteller verloren, seine Frau hatte sich von ihm getrennt und den gemeinsamen Sohn, der in einer Pflegefamilie lebt, hat er seit zwei Jahren nicht gesehen. „Da hatte ich eine selbstzerstörerische Phase.“ Nachdem er überfallen und verprügelt worden war, habe er außerdem eine Angststörung entwickelt und leide unter Panikattacken.

Marihuana-Keimlinge auf Anordnung der Staatsanwaltschaft vernichtet

Die Anklage wegen unerlaubten Cannabis-Anbaus hielt ebenfalls nicht stand. Die Polizei hatte in der Wohnung des Angeklagten eine sogenannte Growbox entdeckt - eine Anzuchtstation mit Belüftung und Bewässerung, in der sich mehrere Container mit Marihuana-Keimlingen befanden. Die Polizei stellte die Pflänzchen sicher - und vernichtete sie später auf Anweisung der Staatsanwaltschaft, die eine weitere Untersuchung der Pflanzen offenbar nicht für nötig erachtet hatte.

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Vor Gericht sagte der Angeklagte, dass es sich um sogenanntes CBD-Cannabis mit einem sehr geringen THC-Gehalt gehandelt habe. Das Gegenteil konnte ihm die Staatsanwaltschaft nun nicht mehr nachweisen. Zertifizierte Nutzhanf-Sorten und solche, die unter 0,2 Prozent THC enthalten, sind vom Cannabis-Verbot im Betäubungsmittelgesetz ausgenommen.

Bleibt der Verstoß gegen das Waffengesetz: Wie eine als Zeugin geladene Polizistin vor Gericht bestätigte, habe man in der Wohnung des Angeklagten einen Schlagring gefunden. Der Angeklagte war während des Einsatzes nicht in seiner Wohnung und stritt vor Gericht ab, dass es sein Schlagring war.

Schlagring oder Flaschenöffner?

Ob es überhaupt ein Schlagring war oder womöglich nur ein seltsamer Flaschenöffener, konnte das Gericht nicht zweifelsfrei klären. Fotos von dem Gegenstand hatten die Polizisten nämlich nicht angefertigt - und so fanden sich auch keine in den Gerichtsakten.

„Aufgrund der Tatsache, dass einiges bei der Ermittlungsarbeit nicht so gelaufen ist, wie wir uns das vorstellen, kommen sie hier vielleicht mit einem zu kleinen blauen Auge raus“, sagte Richterin Lisa Hinkers dem Angeklagten.

Das Verfahren wurde gegen Auflage vorläufig eingestellt: Innerhalb der nächsten sechs Monate muss der Angeklagte 300 Euro ans Dorstener Tierheim zahlen und dort 40 Sozialstunden leisten.

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