Eskalierende Probleme in Flüchtlingsfamilie sorgen für böse Verdächtigungen

mlzGerichtsprozess

Häusliches Martyrium oder Lügengebäude? Eskalierende Probleme in einer Flüchtlingsfamilie in Dorsten führten zu bösen Verdächtigungen und zu einem schwierigen Strafprozess.

Dorsten

, 25.01.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Ehe, die von erheblicher Gewalt geprägt war? Ein Martyrium für die Gattin und die Kinder, die körperlich unter dem autoritären und strenggläubigen Vater zu leiden hatten? Das warf die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vor.

Oder doch nur ein „Lügengebäude“ der vermeintlichen Opfer, angeführt von einer „psychotischen“ Mutter, die die Vorwürfe nur inszeniert hat, um das Sorgerecht für die drei Jungen zu bekommen? So stellte die Anwältin des Beschuldigten das Geschehen dar.

Berufung angekündigt

All das musste jetzt das Dorstener Schöffengericht beantworten - und es machte sich viel Mühe, zu einem Urteil zu gelangen. Am Ende war klar: Das Landgericht Essen wird sich als nächsthöhere Instanz erneut mit den Geschehnissen befassen müssen, die sich 2017/2018 in Wulfen abgespielt haben. Denn der Nebenkläger-Anwalt kündigte im Nachgang an, in Berufung gehen zu wollen.

Auf der Anklagebank: ein 49-jähriger Asylbewerber aus Aserbaidschan, der seine Ehefrau misshandelt und den ältesten seiner drei Söhne gezüchtigt haben soll. Das seit 2004 verheiratete Ehepaar war mit seinen drei Kindern im Dezember 2016 nach Deutschland eingereist, kam 2017 nach Barkenberg.

Schnittverletzungen erlitten

Schon immer habe der Mann sie geschlagen, in Deutschland wurde es noch schlimmer, so erklärte die inzwischen von ihm geschiedene Ehefrau per Dolmetscherin. Er habe sie gegen eine Glastür geschubst, an den Scherben habe sie sich Schnittverletzungen zugezogen. Im Krankenhaus habe sie erzählt, sie habe sich die Schnitte selbst zugefügt, weil der Mann gedroht habe, ihr die Kinder wegzunehmen.

An einem anderen Tag habe er ihr in der Küche einen Stoß gegeben, sodass sie sich beim Abstützen am heißen Herd Verbrennungen an der Hand zugezogen habe.

„Mit dem Gürtel geschlafgen“

Und ein paar Wochen später habe sie der Ehemann mit dem Gürtel geschlagen, weil sie beim Geschirrspülen zu laut gewesen sei. All das erzählte sie aber erst Monate später der Polizei, nachdem sie sich dem Jugendamt anvertraut hatte.

Prügel mit einem Schuhlöffel bezog die Frau nach eigenen Angaben, als sie sich schützend vor ihren damals zwölfjährigen Sohn gestellt habe. Der Junge sagte ihm Gerichtssaal aus, sein Vater habe ihn zuvor geschlagen, weil er einen jüdischen Freund besuchen wollte.

„Alles gelogen“

Der Mann stritt die Vorwürfe ab. „Alles gelogen“, ließ er erklären. Er habe sich immer liebevoll um die Familie gekümmert, sagte er, vor allem während der ersten Monate in Deutschland, als seine Frau in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen worden war. Die Glasscheibe habe die Ehefrau absichtlich eingeschlagen, weil sie an dem Tag wieder ausgerastet sei.

Aussage gegen Aussage: Auch eine Wulfener Nachbarin der Familie als einzige neutrale Zeugin und damit wichtiger Dreh- und Angelpunkt des Verfahrens konnte nicht richtig Licht ins Dunkle bringen. Nach ihren Angaben habe sie beobachtet, wie der Angeklagte den ältesten Sohn am Hals packte und hochzog: „Man sah dem Jungen die Schmerzen an.“

Am Ende ein Freispruch

Doch der 14-Jährige konnte sich im Gerichtsssaal ausgerechnet an diesen ebenfalls angeklagten Vorfall nicht erinnern. Am Ende hieß es: Freispruch, im Zweifel für den Angeklagten.

Lesen Sie jetzt